Die große Stille 6
6. Kapitel
(zum Anfang)
Wenn die Schule zu Ende ist, dann kann man mit einer Ausbildung für einen Beruf beginnen.
In der Ausbildung ist man ein Anfänger im Beruf.
Man lernt, wie man mit dem Werkzeug arbeitet. Man lernt auch, was in den Fachbüchern steht. In einem Fachbuch für Maler steht zum Beispiel welche Farbe man braucht, um die Tapete im Zimmer zu streichen.
Es gibt viele Ausbildungen. Eine Ausbildung dauert 2 oder 3 Monate. Eine andere Ausbildung dauert mehrere Jahre.
Wenn die Ausbildung zu Ende ist, dann macht man eine Prüfung. Man bekommt ein Zeugnis.
Das Ziel der Ausbildung ist ein Berufsabschluss.
Alle behinderten Menschen haben ein Recht auf eine Ausbildung.
Gehörlose und schwerhörige Menschen müssen gut lernen können.
Zum Beispiel: Die Maschinen müssen Lichtsignale haben.
Die Ausbilder brauchen Gebärden.
In den Arbeitsblättern sind Bilder und Zeichnungen.
Das bedeutet: Die Ausbildung ist angepasst.
Wenn man eine gute Ausbildung hat, dann hat man auch eine gute Zukunft!
Information für gehörlose und schwerhörige Menschen mit zusätzlichen Handicaps
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Projekt imh
Leitung: Prof. Dr. Manfred Hintermair
Es war für alle überraschend, wie rasch sich das Leben komplett umgestellt hatte. Ein Leben ohne Sprache, in dem teilweise Menschen bevorzugt waren, die vorher aufgrund ihrer Taubheit Schwierigkeiten hatten oder vom Ausgeschlossensein bedroht waren. Jetzt waren sie gesucht. Als Lehrer, als Dolmetscher, in den wesentlichen administrativen Bereichen.
An zwei Stellen waren die Auswirkungen besonders groß: in der Politik und im Bildungswesen. In der Politik machte sich ein sehr positiver Effekt breit. Es gab Ähnlichkeiten zu den Nachkriegszeiten, wo die Sachprobleme über das parteipolitische Hickhack dominierten. Das galt sowohl national als auch international. Ganze Nationen, die ein Vierteljahrhundert noch energisch auseinandergestrebt hatten, bildeten jetzt wieder Zweckbündnisse. Sogar der Bereich der ehemaligen Sowjetunion war enger zusammengerückt. Am wichtigsten erschien das Handelswesen und die Versorgung mit Nahrung und Rohstoffen. Die Börsen funktionierten eigenartigerweise, allerdings waren manche Firmen verschwunden wie z.B. sämtliche Unternehmen der Unterhaltungsindustrie-
Im Bildungswesen war es katastrophal. Es gab viel zu wenige Lehrer, die sich auf die veränderte Situation einstellen konnten. In den Kindergärten lief es recht gut. In den Volksschulen traten die Schwierigkeiten auf, dass es noch keine eindeutigen Richtlinien gab, was man den Kindern unter den veränderten Zuständen hätte beibringen sollen.
Die Haupt- und Mittelschulen lösten sich bis auf ein paar wenige Privatschulen auf. Niemand verstand, was ein Lehrer in einer Schule beibringen konnte, was man nicht selber lesen konnte. Im Gegensatz zu manchen Hochschulen gab es keine Infrastruktur, die einen interaktiven Zugang über Chat oder Foren ermöglicht hätte. Die arbeitslosen Lehrer wurden mit einer etwas höheren Mindestabsicherung versorgt, was für die meisten Betroffenen zu wirklichen Härtefällen führte. Als Gegengewicht konnte man allerdings beobachten, dass das Leben an sich billiger wurde. Man verstand sich ja bereits im eigenen Land nur schwer. Auslandsreisen waren damit sehr unattraktiv geworden. Das Paradoxe an der Situation war die materielle Zufriedenheit der Menschen. Obwohl das stark negative Wirtschaftswachstum die Arbeitslosenzahlen an die 50% herangeführt hatte und sozusagen ein Viertel der Erwachsenen die Güter für alle anderen erwirtschaften mussten, reichte die Mindestabsicherung aus, um sich Wohnen und Nahrung und medizinische Versorgung leisten zu können. Den Bauern ging es besser als zu anderen Zeiten, dafür waren andere Berufsgruppen sogut wie tot. Bei den meisten schlug sich die Situation auch auf die Libido nieder, was nach zehn Jahren zu einer zweistelligen Geburtenrückgangsrate führte. Weltweit. Die größten Rückgänge hatten gerade die Länder zu verzeichnen, die sich sonst durch stetiges Wachstum ausgezeichnet hatten. Die Bevölkerung von China hatte in den letzten drei Jahren um acht Prozent abgenommen. Indien hatte einen Rückgang um zwölf Prozent zu verzeichnen.
Die Hochschulen und Universitäten funktionierten noch. Es gab vier Hauptströmungen: Medizin, Soziologie, Naturwissenschaft, vor allem Physik und Ingenieurswesen. Die Studenten an den technischen Hochschulen konnten sich ein Zubrot verdienen, sofern sie elektronisch ausgebildet waren. Sie richteten elektronische Inseln in den anderen Lehrstellen ein, die ähnlich wie das System in der UNO aufgebaut waren. Sie versuchten auch krampfhaft, Verbindungen zwischen den einzelnen Häusern zu schaffen, in dem sie mit optischen Richtstrecken die ungeschützte Distanz zu überbrücken versuchten. Das klappte sogar, war aber bei den Nahtstellen so anfällig, dass es selten benutzt wurde. Jedenfalls kann man sich die Vorlesungen und Seminare wie riesige LAN-Parties vorstellen, wobei es hier nicht um Spiele sondern um Forschung ging.
Die Soziologie beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage, wieso der Ausfall von Sprache eine so radikale und vor allem rasche Änderung herbei führen konnte. Es gab keine schlüssige Erklärung dafür. Die Realität triumphierte über alle möglichen Theorien. Man hätte mehr negative Auswirkungen erwarten. Positive Auswirkungen kündigten alle Modelle erst in einem Zeitraum von vierzig bis fünfzig Jahren an. Diesbezüglich hatte eine unheimliche Beschleunigung stattgefunden. Nach drei Jahren liefen sich anarchische und terroristische Übergriffe tot. Nach zehn Jahren hatte sich eine stabile Gesellschaftsform herausgebildet, deren Mitglieder sogar einen zufriedenen Eindruck machten.
Die esoterischen Interpretationen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Die Kirchen hatten es relativ einfach. Sie konnten eine Strafe Gottes unterstellen, ähnlich einer zweiten Sintflut. Die Idee war nicht so abwegig. Im Manuskript fand sich eine ähnliche Darstellung, die allerdings keine Sintflut unterstellte.
Nachdem ich feststellen konnte, dass die ethischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit Musik stellten, in immer engeren Zeiträumen auftraten und mit immer negativeren Resultaten in Verbindung gebracht werden konnten, stellte ich eine Vermutung an. Entsprach der Entzug von Musik einer Vertreibung aus dem Paradies? Hatte der Mensch die Droge Musik so weit missbraucht, dass sie ihm entzogen werden musste? War der freie Wille gerade anhand der Musik in ein Gebiet geraten, dass ihm nicht zustand? Ich musste an die Lieder denken, die von den Nazis gesungen wurden. Genau die gleiche Beeinflußbarkeit des Menschen setzten die Amerikaner bei ihren Ausbildungsprogrammen ein, wenn sie die Leute im Takt laufen ließen. Mit einer glorreichen Kriegsmusik im Hintergrund verlieren die Soldaten sogar viel von ihrem Selbsterhaltungstrieb. Ich möchte hier aber festhalten, dass es mir bei meiner Erklärung nicht um Mystifikation oder religiöse Unterstellung gelegen ist. Es steht allerdings fest, dass jemand uns die Musik entzogen hat.(Aus dem Manuskript)
"Willst Du an dem Sprachseminar teilnehmen?" chattete Albert Natalia an. Sie befanden sich im Hörsaal 1 der soziologischen Fakultät. Die Soziologie wurde tatsächlich als neue Fakultät gehandelt und beinhaltete eine Reihe von Instituten, die man sonst in Medizin, Jus, Philosophie vermutet hätte. Der Hörsaal selbst war bei den Technikern am Karlsplatz untergebracht.
Das Sprachseminar hatte nicht wirklich etwas mit echtem Sprechen zu tun. Es ging um die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Musik und Sprache. "Das bringt ja nichts. Wenn wir etwas herausfinden, wird es sicher unterdrückt." schrieb Natalia zurück. Das stimmte. Die Regierung hatte das Recht, von sämtlichen Unterhaltungen und Ergebnissen Mitschnitte zu erhalten. Diese wurden täglich von einer eigenen Kommission eingesehen und im vermeintlichen Bedarfsfall wurden die Daten gelöscht. Aus den Instituten konnte nichts hinausgelangen. Die Studenten mussten sich bis auf eine kondomartige Sichtschutzbekleidung ausziehen, um die Kontrollen zu passieren. Alles Nichtorganische wurde beanstandet und der Student solange festgehalten, bis die Unverdächtigkeit auf Datentransport bestätigt wurde.
Diese Verfahrensweise machte einigen Studenten große Schwierigkeiten, die einmal Unfälle gehabt hatten und irgendwo im Körper ein Stück Titan als Verheilungshilfe oder zwecks Stabilität einoperiert bekommen hatten. Zahnkronen durften überhaupt nur mehr in einer Art keramikähnlichen Kunststoff verwendet werden.
Im Laufe der Zeit hatte es die fantasievollsten Versuche gegeben, Information nach außen zu bringen. So gab es auf der Technik Untersuchungen zur Speicherung von Daten auf Tesafilm. Ein Student hatte die benützt, um eine Folie zu beschreiben, die er dann als Pflaster auf dem Körper hinausschmuggeln wollte. Er hätte es fast geschafft, doch eine der Kontrollorinnen hatte das Pflaster gesehen und ohne darüber nachzudenken durch ein neues ersetzt. Keine Artefakte aus dem Institut verlassen das Haus. Die Daten landeten im Papierkorb und dem Studenten passierte nichts, doch war es ein ziemlicher Rückschlag. Dabei ging es nicht einmal um bestimmte wichtige Informationen. Man wollte einfach das System knacken.
Die Überwachungen und Sicherheitsmaßnahmen waren nicht durch Misstrauen begründet. Die Politiker hätten sich gewünscht, dass die Studenten und Professoren etwas Signifikantes entdecken könnten. Daher gab es auch keine direkte Online-Überwachung. Man musste dem menschlichen Geist schon einen gewissen Freiraum lassen. Der wesentliche Motor für alle Restriktionen war Angst. Es gab keine Erklärung, warum es keine Musik mehr gab. Es gab keine Erklärung, warum kurz darauf die Menschen das Sprechen verlernten. Obwohl noch nicht von einer ausdrücklichen Xenophobie zu sprechen war, hatten die Regierenden die Angst, dass ihnen etwas oder jemand die Kontrolle aus der Hand genommen hatte. Musik und Sprache waren tabu. Sie wollten nicht die unbekannte Macht reizen, in dem sie Beschäftigungen mit dem Thema zuließen. Tatsächlich waren sie selbst aber die Neugierigsten.
"Es soll ein Neuer vortragen, der angeblich neue Theorien hat." antwortete Albert.
"Na gut. Dann setze ich mich zu dir und schaue bei dir zu." Albert frohlockte. Er hätte sich nichts Schöneres wünschen können. Das Flirten war schwierig geworden. Zärtliche Blicke konnten leicht missdeutet werden und getextete Ansprachen waren vielleicht zu aufdringlich.
Am Nachmittag nahm sie den Platz neben Albert ein. Dieser öffnete das Chatfenster und wollte sich anmelden, da stieß ihn Natalia an und zog die Tastatur zu sich. Sie tippte: "Ich mag dich auch." und schaute zu ihm. Als sie sicher war, dass er es gelesen hatte, löschte sie mit den Text komplett weg. Der Tatstaturpuffer wurde nicht geloggt oder übertragen.
Albert lief rot an und schluckte. Jetzt wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Verlegen tippte er seine Matrikelnummer ein und drückte die Enter-Taste. Es meldete sich der automatische Begrüßungsschirm des Seminars.
Fortsetzung folgt
copyright 2009 by steppenhund
(zum Anfang)
Wenn die Schule zu Ende ist, dann kann man mit einer Ausbildung für einen Beruf beginnen.
In der Ausbildung ist man ein Anfänger im Beruf.
Man lernt, wie man mit dem Werkzeug arbeitet. Man lernt auch, was in den Fachbüchern steht. In einem Fachbuch für Maler steht zum Beispiel welche Farbe man braucht, um die Tapete im Zimmer zu streichen.
Es gibt viele Ausbildungen. Eine Ausbildung dauert 2 oder 3 Monate. Eine andere Ausbildung dauert mehrere Jahre.
Wenn die Ausbildung zu Ende ist, dann macht man eine Prüfung. Man bekommt ein Zeugnis.
Das Ziel der Ausbildung ist ein Berufsabschluss.
Alle behinderten Menschen haben ein Recht auf eine Ausbildung.
Gehörlose und schwerhörige Menschen müssen gut lernen können.
Zum Beispiel: Die Maschinen müssen Lichtsignale haben.
Die Ausbilder brauchen Gebärden.
In den Arbeitsblättern sind Bilder und Zeichnungen.
Das bedeutet: Die Ausbildung ist angepasst.
Wenn man eine gute Ausbildung hat, dann hat man auch eine gute Zukunft!
Information für gehörlose und schwerhörige Menschen mit zusätzlichen Handicaps
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Projekt imh
Leitung: Prof. Dr. Manfred Hintermair
Es war für alle überraschend, wie rasch sich das Leben komplett umgestellt hatte. Ein Leben ohne Sprache, in dem teilweise Menschen bevorzugt waren, die vorher aufgrund ihrer Taubheit Schwierigkeiten hatten oder vom Ausgeschlossensein bedroht waren. Jetzt waren sie gesucht. Als Lehrer, als Dolmetscher, in den wesentlichen administrativen Bereichen.
An zwei Stellen waren die Auswirkungen besonders groß: in der Politik und im Bildungswesen. In der Politik machte sich ein sehr positiver Effekt breit. Es gab Ähnlichkeiten zu den Nachkriegszeiten, wo die Sachprobleme über das parteipolitische Hickhack dominierten. Das galt sowohl national als auch international. Ganze Nationen, die ein Vierteljahrhundert noch energisch auseinandergestrebt hatten, bildeten jetzt wieder Zweckbündnisse. Sogar der Bereich der ehemaligen Sowjetunion war enger zusammengerückt. Am wichtigsten erschien das Handelswesen und die Versorgung mit Nahrung und Rohstoffen. Die Börsen funktionierten eigenartigerweise, allerdings waren manche Firmen verschwunden wie z.B. sämtliche Unternehmen der Unterhaltungsindustrie-
Im Bildungswesen war es katastrophal. Es gab viel zu wenige Lehrer, die sich auf die veränderte Situation einstellen konnten. In den Kindergärten lief es recht gut. In den Volksschulen traten die Schwierigkeiten auf, dass es noch keine eindeutigen Richtlinien gab, was man den Kindern unter den veränderten Zuständen hätte beibringen sollen.
Die Haupt- und Mittelschulen lösten sich bis auf ein paar wenige Privatschulen auf. Niemand verstand, was ein Lehrer in einer Schule beibringen konnte, was man nicht selber lesen konnte. Im Gegensatz zu manchen Hochschulen gab es keine Infrastruktur, die einen interaktiven Zugang über Chat oder Foren ermöglicht hätte. Die arbeitslosen Lehrer wurden mit einer etwas höheren Mindestabsicherung versorgt, was für die meisten Betroffenen zu wirklichen Härtefällen führte. Als Gegengewicht konnte man allerdings beobachten, dass das Leben an sich billiger wurde. Man verstand sich ja bereits im eigenen Land nur schwer. Auslandsreisen waren damit sehr unattraktiv geworden. Das Paradoxe an der Situation war die materielle Zufriedenheit der Menschen. Obwohl das stark negative Wirtschaftswachstum die Arbeitslosenzahlen an die 50% herangeführt hatte und sozusagen ein Viertel der Erwachsenen die Güter für alle anderen erwirtschaften mussten, reichte die Mindestabsicherung aus, um sich Wohnen und Nahrung und medizinische Versorgung leisten zu können. Den Bauern ging es besser als zu anderen Zeiten, dafür waren andere Berufsgruppen sogut wie tot. Bei den meisten schlug sich die Situation auch auf die Libido nieder, was nach zehn Jahren zu einer zweistelligen Geburtenrückgangsrate führte. Weltweit. Die größten Rückgänge hatten gerade die Länder zu verzeichnen, die sich sonst durch stetiges Wachstum ausgezeichnet hatten. Die Bevölkerung von China hatte in den letzten drei Jahren um acht Prozent abgenommen. Indien hatte einen Rückgang um zwölf Prozent zu verzeichnen.
Die Hochschulen und Universitäten funktionierten noch. Es gab vier Hauptströmungen: Medizin, Soziologie, Naturwissenschaft, vor allem Physik und Ingenieurswesen. Die Studenten an den technischen Hochschulen konnten sich ein Zubrot verdienen, sofern sie elektronisch ausgebildet waren. Sie richteten elektronische Inseln in den anderen Lehrstellen ein, die ähnlich wie das System in der UNO aufgebaut waren. Sie versuchten auch krampfhaft, Verbindungen zwischen den einzelnen Häusern zu schaffen, in dem sie mit optischen Richtstrecken die ungeschützte Distanz zu überbrücken versuchten. Das klappte sogar, war aber bei den Nahtstellen so anfällig, dass es selten benutzt wurde. Jedenfalls kann man sich die Vorlesungen und Seminare wie riesige LAN-Parties vorstellen, wobei es hier nicht um Spiele sondern um Forschung ging.
Die Soziologie beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage, wieso der Ausfall von Sprache eine so radikale und vor allem rasche Änderung herbei führen konnte. Es gab keine schlüssige Erklärung dafür. Die Realität triumphierte über alle möglichen Theorien. Man hätte mehr negative Auswirkungen erwarten. Positive Auswirkungen kündigten alle Modelle erst in einem Zeitraum von vierzig bis fünfzig Jahren an. Diesbezüglich hatte eine unheimliche Beschleunigung stattgefunden. Nach drei Jahren liefen sich anarchische und terroristische Übergriffe tot. Nach zehn Jahren hatte sich eine stabile Gesellschaftsform herausgebildet, deren Mitglieder sogar einen zufriedenen Eindruck machten.
Die esoterischen Interpretationen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Die Kirchen hatten es relativ einfach. Sie konnten eine Strafe Gottes unterstellen, ähnlich einer zweiten Sintflut. Die Idee war nicht so abwegig. Im Manuskript fand sich eine ähnliche Darstellung, die allerdings keine Sintflut unterstellte.
Nachdem ich feststellen konnte, dass die ethischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit Musik stellten, in immer engeren Zeiträumen auftraten und mit immer negativeren Resultaten in Verbindung gebracht werden konnten, stellte ich eine Vermutung an. Entsprach der Entzug von Musik einer Vertreibung aus dem Paradies? Hatte der Mensch die Droge Musik so weit missbraucht, dass sie ihm entzogen werden musste? War der freie Wille gerade anhand der Musik in ein Gebiet geraten, dass ihm nicht zustand? Ich musste an die Lieder denken, die von den Nazis gesungen wurden. Genau die gleiche Beeinflußbarkeit des Menschen setzten die Amerikaner bei ihren Ausbildungsprogrammen ein, wenn sie die Leute im Takt laufen ließen. Mit einer glorreichen Kriegsmusik im Hintergrund verlieren die Soldaten sogar viel von ihrem Selbsterhaltungstrieb. Ich möchte hier aber festhalten, dass es mir bei meiner Erklärung nicht um Mystifikation oder religiöse Unterstellung gelegen ist. Es steht allerdings fest, dass jemand uns die Musik entzogen hat.(Aus dem Manuskript)
"Willst Du an dem Sprachseminar teilnehmen?" chattete Albert Natalia an. Sie befanden sich im Hörsaal 1 der soziologischen Fakultät. Die Soziologie wurde tatsächlich als neue Fakultät gehandelt und beinhaltete eine Reihe von Instituten, die man sonst in Medizin, Jus, Philosophie vermutet hätte. Der Hörsaal selbst war bei den Technikern am Karlsplatz untergebracht.
Das Sprachseminar hatte nicht wirklich etwas mit echtem Sprechen zu tun. Es ging um die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Musik und Sprache. "Das bringt ja nichts. Wenn wir etwas herausfinden, wird es sicher unterdrückt." schrieb Natalia zurück. Das stimmte. Die Regierung hatte das Recht, von sämtlichen Unterhaltungen und Ergebnissen Mitschnitte zu erhalten. Diese wurden täglich von einer eigenen Kommission eingesehen und im vermeintlichen Bedarfsfall wurden die Daten gelöscht. Aus den Instituten konnte nichts hinausgelangen. Die Studenten mussten sich bis auf eine kondomartige Sichtschutzbekleidung ausziehen, um die Kontrollen zu passieren. Alles Nichtorganische wurde beanstandet und der Student solange festgehalten, bis die Unverdächtigkeit auf Datentransport bestätigt wurde.
Diese Verfahrensweise machte einigen Studenten große Schwierigkeiten, die einmal Unfälle gehabt hatten und irgendwo im Körper ein Stück Titan als Verheilungshilfe oder zwecks Stabilität einoperiert bekommen hatten. Zahnkronen durften überhaupt nur mehr in einer Art keramikähnlichen Kunststoff verwendet werden.
Im Laufe der Zeit hatte es die fantasievollsten Versuche gegeben, Information nach außen zu bringen. So gab es auf der Technik Untersuchungen zur Speicherung von Daten auf Tesafilm. Ein Student hatte die benützt, um eine Folie zu beschreiben, die er dann als Pflaster auf dem Körper hinausschmuggeln wollte. Er hätte es fast geschafft, doch eine der Kontrollorinnen hatte das Pflaster gesehen und ohne darüber nachzudenken durch ein neues ersetzt. Keine Artefakte aus dem Institut verlassen das Haus. Die Daten landeten im Papierkorb und dem Studenten passierte nichts, doch war es ein ziemlicher Rückschlag. Dabei ging es nicht einmal um bestimmte wichtige Informationen. Man wollte einfach das System knacken.
Die Überwachungen und Sicherheitsmaßnahmen waren nicht durch Misstrauen begründet. Die Politiker hätten sich gewünscht, dass die Studenten und Professoren etwas Signifikantes entdecken könnten. Daher gab es auch keine direkte Online-Überwachung. Man musste dem menschlichen Geist schon einen gewissen Freiraum lassen. Der wesentliche Motor für alle Restriktionen war Angst. Es gab keine Erklärung, warum es keine Musik mehr gab. Es gab keine Erklärung, warum kurz darauf die Menschen das Sprechen verlernten. Obwohl noch nicht von einer ausdrücklichen Xenophobie zu sprechen war, hatten die Regierenden die Angst, dass ihnen etwas oder jemand die Kontrolle aus der Hand genommen hatte. Musik und Sprache waren tabu. Sie wollten nicht die unbekannte Macht reizen, in dem sie Beschäftigungen mit dem Thema zuließen. Tatsächlich waren sie selbst aber die Neugierigsten.
"Es soll ein Neuer vortragen, der angeblich neue Theorien hat." antwortete Albert.
"Na gut. Dann setze ich mich zu dir und schaue bei dir zu." Albert frohlockte. Er hätte sich nichts Schöneres wünschen können. Das Flirten war schwierig geworden. Zärtliche Blicke konnten leicht missdeutet werden und getextete Ansprachen waren vielleicht zu aufdringlich.
Am Nachmittag nahm sie den Platz neben Albert ein. Dieser öffnete das Chatfenster und wollte sich anmelden, da stieß ihn Natalia an und zog die Tastatur zu sich. Sie tippte: "Ich mag dich auch." und schaute zu ihm. Als sie sicher war, dass er es gelesen hatte, löschte sie mit den Text komplett weg. Der Tatstaturpuffer wurde nicht geloggt oder übertragen.
Albert lief rot an und schluckte. Jetzt wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Verlegen tippte er seine Matrikelnummer ein und drückte die Enter-Taste. Es meldete sich der automatische Begrüßungsschirm des Seminars.
Fortsetzung folgt
copyright 2009 by steppenhund
steppenhund - 20. Okt, 14:03