30
Apr
2011

Studium für alle

Jetzt werden ja bald wieder die Studiengebühren diskutiert werden.
Wer mich kennt, weiß, dass ich dem Gedanken durchaus nahe stehe. Allerdings wäre ich bereit, studiengebührfreies Studieren zu befürworten, wenn es statt dessen entsprechende Aufnahmeprüfungen gäbe.
Mein Sohn hat mich jetzt auf einen Link aufmerksam gemacht, der kund tut, was man 1869 so als Aufnahmeprüfung für Harvard vorgesehen hatte.
Also abgesehen davon, dass ich kein Griechisch hatte, sind auch die anderen Abschnitte alles andere als einfach. Latein hätte ich wahrscheinlich kurz nach der Matura gepackt.
Bei Geschichte und Geographie hätte ich vielleicht knapp 50% geschafft. Auch bei der Mathematik wäre ich nicht auf 100% gekommen. Die dritte Wurzel händisch ziehen ist ein Hund, außer man darf Logarithmen verwenden, was allerdings nur mit sehr genauen Tafeln geht, wenn man 5 Dezimalstellen ausrechnen soll. (Defakto braucht man nur 4, weil eine 0 ja gegeben ist.)
-
Leider steht nicht, wie viel Zeit man dafür hatte. Da muss schon ein ganzer Tag drauf gegangen sein. Oder das weiß das vielleicht jemand?

Ich glaube, dass hier schon etwas ganz anderes abgeprüft wurde: Ausdauer, Einsatz, Bereitschaft, sich auch um Themen zu kümmern, die einem nicht so liegen. Dann könnten auch Wissenschafter heraus kommen, die über den eigenen Tellerrand schauen können.

Und Leute, die so einen Test (oder das aliquote Gegenstück heutiger Ausbildung, aber in gleicher Tiefe) bestehen, ja die dürfen dann auch umsonst studieren!
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PeZwo - 30. Apr, 15:13

da ist schon was dran, an dem was du schreibst.

Köppnick - 30. Apr, 17:14

Man kann Eingangsprüfungen machen, aber sie lösen ein prinzipielles Problem nicht: Ein ständig größerer Teil der Jugend geht zum Studium. Zwei konkrete Prozentzahlen: In den letzten Jahren der DDR (also Ende der 80er Jahre) machten 11% Abitur, d.h. etwa 10% studierten. Jetzt sind es über 30%, und damit ist Deutschland im OECD-Raum ganz hinten. In Polen studieren über 50%. Das heißt dann, dass heute Leute mit einem IQ von weniger als 100 studieren, während man früher schon beim Facharbeiter bei knapp 110 war.

Wenn wir mal unterstellen, dass für viele Berufe heute ein Studium notwendig ist (auch darüber könnte man noch diskutieren), dann muss dieses Studium vollkommen anders strukturiert werden als zu Humboldts Zeiten. Es müssen klare Strukturen und Lehrpläne her, der größte Teil der Studenten muss an der Hand genommen und straff durchs Studium geführt werden.

Mir kann keiner erzählen, dass alle diesen vielen Studenten mit der akademischen Freiheit klarkommen. Die schlechteren sind einfach verloren und überfordert - das schadet sowohl ihnen als auch der Gesellschaft. Das Bachelor-Master-System hätte ein Ansatz sein können, aber so wie das jetzt gehandhabt wird, funktioniert es nicht. Auch hier ein paar Zahlen: Ende der 80er Jahre haben in meiner Seminargruppe von etwa 30 Studienanfängern bis auf 3 alle das Diplom erreicht. Heute kommen in derselben Fachrichtung von 100 Studenten im ersten Studienjahr etwa 20 bis zum Master durch. Die Studentenzahlen sind etwa vervierfacht.

Grob über den Daumen gepeilt, ist der "Output" genauso groß wie früher, aber es studieren viermal soviele Leute. Wenn man mal unterstellt, dass diese linear verteilt über die Jahre aufgeben, sind die Kosten doppelt so hoch. Das ist schade für die jungen Leute, die Lebenszeit vertun und erfolglos bleiben, und das ist schade für die Gesellschaft.

steppenhund - 30. Apr, 19:49

Wenn wir mal unterstellen, dass für viele Berufe heute ein Studium notwendig ist (auch darüber könnte man noch diskutieren), dann muss dieses Studium vollkommen anders strukturiert werden als zu Humboldts Zeiten. Es müssen klare Strukturen und Lehrpläne her, der größte Teil der Studenten muss an der Hand genommen und straff durchs Studium geführt werden.
Das wird an sich ja von den Fachhochschulen geleistet. Die verlangen allerdings Schulgeld und der Betrieb ist sehr straff. Wenn man nicht mitkommt, fliegt man aus dem Studienlehrgang raus.
Ich habe selbst einmal einen solchen Studienlehrgang vorbereitet. (Buchstaben A - V, interessant, was man da alles planen muss. Es war Wirtschaft und Elektronik kombiniert.)
Du hast eine Aussage sehr klar dokumentiert, es studieren Personen mit einem IQ von weniger als 100. Ehrlich gesagt zahle ich lieber Steuern, um Arbeitslose zu unterstützen, als Studenten zu fördern, die selbst ihr Leben gar nicht in die Hand nehmen könnten und das Studium als Ausrede nehmen, um nicht "leben" zu müssen.
nömix - 30. Apr, 18:59

Dass ein ständig ansteigender Bevölkerungsanteil Matura macht und studiert, das durchschnittliche Bevölkerungs-Bildungsniveau aber keineswegs ständig ansteigt, im Gegenteil - liegt darin ein Widerspruch oder ein Zusammenhang? Könnte man darüber nachdenken ..

steppenhund - 30. Apr, 19:52

Es ist ein ziemlich klarer Zusammenhang gegeben. Da Elite aus Schimpfwort gilt, vor allem im intellektuellen Bereich, die Bildungschancengleichheit aber ein politisch gern besetztes Thema ist, kann man einen Erfolg auf diesem Sektor nur so erreichen, in dem das Niveau gesenkt wird.
Natürlich weiß ich, dass früher auch "Dumme" studiert haben, wenn die Eltern reich genug waren. Aber es scheint mir so, dass der Leistungsfilter doch etwas feiner ausgelegt war.
Köppnick - 30. Apr, 21:16

Rein statistisch muss das Niveau sinken, wenn die Anzahl steigt. Natürlich gibt es aber keinen linearen Zusammenhang. Ich finde das auch nicht schlimm, es ist einfach natürlich.

Zum Begriff "Elite" könnte man sehr viel sagen. Die Ablehnung rührt zum Teil daher, dass sich einige (in Deutschland sagt man hier häufig "Besserverdienende") sich selbst zur Elite erklären wollen und ihre Stellung in der Gesellschaft nicht durch Leistung legitimieren.

Die Chancengleichheit hat in den letzten beiden Jahrzehnten tatsächlich abgenommen, das kann man an der Veränderung der Zusammensetzung der Studentenschaft und am Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft, den Noten und später dem Einkommen und der Stellung in der Gesellschaft ganz klar zeigen. Langsam entwickelt sich Deutschland von einem neoliberalen in einen neofeudalen Staat, beherrscht von einer Clique, die ihren Einfluss von Mami und Papi geerbt hat.
steppenhund - 30. Apr, 21:26

Es scheint so, als hätten die, welche für Chancengleichheit eintreten, genau mit ihrer Nivellierung die Kluft vergrößert.
Für mich persönlich ist Elite noch immer mit geistigen, nicht mit materiellen oder machtpolitischen Werten verbunden.
Dass vor allem unsere Politiker keine Elite sind, offenbart sich ja immer deutlicher.
Ich glaube nicht, dass sie in Deutschland viel besser sind.
Köppnick - 30. Apr, 23:21

Das sehe ich anders. Sicher gibt es verschiedene Ursachen für den wieder schlechter werdenden Stand bzgl. Chancengleichheit. Ein paar ziemlich eindeutige Befunde gibt es aber doch. Mit der Einführung der Studiengebühren ist die Zahl der studierenden Arbeiterkinder gesunken. Und wofür sind diese Gebühren in einigen Unis ausgegen worden? Zum Beispiel für die Heizung.

Und dass in Deutschland die Bildungspolitik Ländersache ist, halte ich für einen Skandal sondersgleichen. Nur ein Beispiel: Wer in Thüringen ein 1,0-Abi macht, der wird bei einer Studienbewerbung so heruntergestuft, dass es für einige Numerus-Clausus-Fächer in Bayern nicht reicht. Und besser als 1,0 kann man nicht sein. Defacto kommt das einem Studienverbot gleich. Chancengleichheit? Fehlanzeige!

Und dass die Gelder für die Bankenrettung quasi über Nacht zusammengekratzt werden konnten, während es weder für kostenlose Kita-Plätze noch für kostenlose Schulspeisung reicht, zeigt doch recht deutlich, wie bei uns die Prioritäten gesetzt sind.
steppenhund - 30. Apr, 23:25

Wer in Thüringen ein 1,0-Abi macht, der wird bei einer Studienbewerbung so heruntergestuft, dass es für einige Numerus-Clausus-Fächer in Bayern nicht reicht. Und besser als 1,0 kann man nicht sein. Defacto kommt das einem Studienverbot gleich.
Da frage ich mich, ob da nicht jemand den Europäischen Gerichtshof anrufen kann. Das wäre für mich eine nahezu rassistische Diskriminierung. Juden, Zigeuner, Weiber, Thüringer ... alles gleich minderwertig...
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