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Qualität - die vershuffelte Symphonie

Hermann Hesse hat (ich glaube im Steppenwolf) geschrieben, dass Mozart selbst dann noch göttlich klingt, wenn er über eine verrauschte und störungsbehaftete Radioübertragung gehört wird.
In der Zwischenzeit streiten wir uns über Qualitätskriterien, die vermutlich von niemandem mehr mit dem unbewaffneten Ohr bewertet werden können.
Sehr interessant in dem Zusammenhang ist jener Artikel, der deutlich beleuchtet, wie stark technischer Vorsprung als Selbstverständlichkeit angesehen wird.
Erfreulich auch, dass in einem Kommentar meine Lieblingskombination Revox mit Bose-Lautsprechern erwähnt wird, die es in einer Ausstellung zu sehen geben wird.
Tatsächlich will es mir aber scheinen, dass uns die Scheinqualität der verbesserten Technologie in Wirklichkeit vor den transportierten Werten abschottet.
Uns gehtt eine Shuffle-Funktion ab, doch auf den neuen Geräten läßt sich eine ganze Symphonie gar nicht mehr abspielen. Sie wird vershuffelt.
Gregor Keuschnig - 1. Jul, 08:58

Hier steht auch etwas über dieses "Experiment".

Anderswo habe ich mal gelesen, dass die konventionelle Schallplatte hinsichtlich Qualität der CD überlegen sei (was exakt das Gegenteil dessen ist, was vor rund zwanzig Jahren behauptet wurde). Ich glaube inzwischen, dass diese "Expertenmeinungen" je nach Interessen der Industrie variieren.

pathologe - 1. Jul, 09:09

Die

Frage ist doch eher, was ich persoenlich moechte. Den Klang eines Konzertsaals in echt kann weder eine gute analoge Aufnahme noch eine digitale Imitation in den eigenen 4 Waenden wiedergeben. Wo lege ich meine Priortaeten? In den Klang der Umgebung, in das angehoerte Werk? Beides zusammen gibt ein stimmiges Bild mit Nuancen. Ein Klassikkonzert in freier Natur, mit den Hintergrundgeraeuschen wie Rauschen der Baeume und Vogelgezwitscher kann ebenso reizvoll sein wie eine Auffuehrung ohne Zwischenhuster in einem Konzertsaal zu Aufnahmezwecken.

Ich besitze noch Schallplatten, manche dieser Platten parallel dazu als CD. Die Schallplatten haben akustische Patina angenommen, die CDs klingen immer irgendwie glatt.
steppenhund - 1. Jul, 09:44

Es gibt ein paar CDs, die nicht "glatt" klingen, aber die sind die Ausnahme. Ich glaube, es sind solche, an denen möglichst wenig "optimiert" wurde.
Und dann habe ich eine "Direct Cut" mit Hyman, da wurde überhaupt nichts retouschiert.
steppenhund - 1. Jul, 09:50

@Gregor

Der von dir verlinkte Artikel ist viel besser geschrieben als der Standard-Artikel.
Bezüglich der Qualität gibt es allerdings etwas anderes zu vermelden. Es gibt nicht "die Qualität". Qualität setzt sich immer aus Qualitätskriterien zusammen. Selbst wenn das Kostenargument aus einem Manufaktum herausgenommen wird, gibt es unterschiedliche Qualitätsmerkmale, die einander widersprechen. (Sehr plump z.B. die "kann alles"-Qualität versus "einfachst zu bedienen"-Qualität)
In dem Sinn ist die CD hinsichtlich Lautstärkendynamik unschlagbar, während die Klangfarbe einer guten LP nicht von der CD erreicht werden kann.
wemo (Gast) - 18. Aug, 08:57

Aufnahmequalität und Medienqualität

Irgendwo im Blog wird Neil Young erwähnt; der brachte es, mit komplett neuem Material vor Publikum zu gehen; dieses aufnahm, und mit dem Livemitschnitt als Basis dann seine reguläre CD produzierte. Das muss man können, als Performer wie als Producer. Oder geniale Klassikaufnahmen, bei denen man den Saal geradezu mithören kann – Camerata Salzburg, Sandor Vegh, die Schubert-Symphonien; Tonmeister Wolfgang Danzmayr. Das scheint mir unabhängig vom fertigen Medium, ob Platte oder CD. Dass die CD vielleicht 'dynamisch' überlegen ist, wird dadurch meist auf- (besser ab-) gewogen, dass viel zu viel runtergepegelt wird, damit's nur ja das allgemeine Plätschern nicht stört. "Das" angehörte Werk gibt es für mich als musikalischen Laien gar nicht, immer nur eine Interpretation. Aber wahrscheinlich ist das nicht einmal für den Musiker, der Partitur lesen kann, wirklich anders, weil er das Gelesene ja auch irgendwie in sein 'inneres Ohr' übersetzen wird?
steppenhund - 18. Aug, 09:25

Von Fats Waller habe ich eine direct-cut-CD. Die wurde zwar im Studio aufgenommen, aber hat auch ihren eigenen Reiz.
Tonqualität, bei der man Nebengeräusche hört, hängt ganz davon ab, ob man einen Bezug zu den Künstlern und zur Örtlichkeit hat. Dann kann sie sicher reizvoll sein.
david ramirer - 1. Jul, 09:12

gegen das vershuffeln einer symphonie gibt es eine gegenmaßnahme: es ist möglich bestimmte titel aneinander zu koppeln, so dass sie nicht vershuffeln.

pink floyd hat dieses etwas kümmerliche hesse-zitat (vielleicht sogar bewusst?) in "wish you where here" verarbeitet, wo sich aus dem einerleibrei des radios diese wunderschöne ballade heraushebt.

ich empfand das zusammenstellen von audio-kassetten immer schon als eine edle kunst, was auch mit den selbstbrennbaren CDs weiterging.
heute sind CDs out, lieder werden als anhang von mails oder SMS an andere gesendet. da macht man kein eigenes cover mehr, da wird nichts mehr zusammengestellt.
ein herber verlust, finde ich.

aber die tonqualität ist super... obwohl auch da viele herumnörgeln.

steppenhund - 1. Jul, 09:42

Das Zitat ist nicht wörtlich, bei Hesse klingt das schon besser.
david ramirer - 1. Jul, 10:08

das zitat klingt auch in der verrauschten umgebung deines beitrags gut genug!

doch es bleibt kümmerlich, weil auch gute pop- rock oder andere aktuelle musik "göttlich" klingen kann, auch wenn der radio rauscht, voraussetzung: es ist gute musik und kein seelenloser mist, und den gab es auch zu mozarts zeiten genug.
steppenhund - 1. Jul, 10:24

Ach so meinst Du das. Nun Hesse war ein spezieller Mozart-Liebhaber und hat in seiner - meiner Meinung nach beschränkten - Musikalität ja auch Bruckner, Brahms, Wagner abgelehnt, weil es da zu viele Noten gibt. Also steht der Mozart auch eher für das Klare, Einfache, womit vermutlich auch Bach bei ihm eingeschlossen war.
david ramirer - 1. Jul, 11:43

ja, der bach...

der klingt ja sogar dann noch göttlich, wenn man ein stück, das normalerweise 15 minuten dauert auf 75 minuten herunterfährt...

:-)
virtualmono - 1. Jul, 13:05

Das kann ich aus inzwischen mehrfacher eigener Anhoerung nur voll unterschreiben :-)
steppenhund - 1. Jul, 13:16

Ja, die Langsamkeit habe ich noch nicht kommentiert. Aber das Tempo ist wunderbar gewählt. Dadurch kann man auch dem Duktus hervorragend folgen.
Bach kann man aber in jedem Tempo spielen. Der Inhalt kann nicht verdorben werden.
katiza - 1. Jul, 09:30

Ach, die Revox - habe den Artikel auch sehr amüsiert gelesen. Ich bin ja leider nicht sehr musikalisch, aber aufgrund meiner Radiovergangenheit all diesen geräten auch irgendwie emotional verbunden. Nagra, Walkman-Professional, Minidisc, Dat, Computerschnittprogramme. Sei es also Nostalgie oder was auch immer: Ich liebe die Revox, ich liebe meine alten Musikmixkassettten, den Soundtrack zu längst vergangenen Liebesgeschichten und ich liebe Schallplatten.
Neil Young hat - glaub ich - einmal gesagt, dass CDs klingen wie ein strahelnd blauer Himmel ohne Wolken aussieht, dass aber erst die Wolken das Blau des Himmels ausmachen.

steppenhund - 1. Jul, 09:45

Ich finde den Vergleich mit dem Himmel sehr reizvoll. Allerdings ist auch ein wolkenloser Himmel interessant, weil das Blau ja auch in verschiedenen Schattierungen existiert.
Die Revox hatte etwas Mystisches an sich. Vor allem, weil ich sie mir nie leisten konnte;(
katiza - 1. Jul, 09:51

Der Erstgeborene hat eine aus der Erbmasse des Radiosenders, für den ich einmal gearbeitet habe, damit darf ich hin und wieder spielen, auch der SchwiegervAter - einst Toningenieur beim Rundfunk - hat noch eine...
Und was den Himmel angeht - blau in vielen Blaus ist auch schön, aber ich bin wohl eher ein Wolkenmädchen - in Wahrheit nehm ich's wie's kommt beim Himmel und den Tonträgern!
steppenhund - 1. Jul, 10:06

Ich glaube, ich kaufe mir noch einmal eine. In Frankfurt habe ich welche in "Die Röhre" gesehen, einem Laden, der sich auf alte Geräte spezialisiert. Durchaus erschwinglich: 300-600 Mark von der A77 bis zum B770:)
virtualmono - 2. Jul, 00:52

Ich werde mir vermutlich jetzt erst einmal einen Zoom H2 schenken - damit kann ich dann auch draußen Geräusche "sammeln" ;-) Meine 2 Akai-Maschinchen reichen mir, um nach und nach die alten Proberaumaufnahmen und Mehrspurexperimente noch mal ins digitale Zeitalter zu retten.

Edit: Ich hab mir das Ding heute in der Mittagspause dann geholt - genial :-)))
wemo (Gast) - 18. Aug, 08:31

Revox, ach

Bin nicht so tontechnisch vorbelastet; aber in meinem früheren Theaterleben gabs Produktionen, da wurde die Musik 'sichtbar' mit einer Revox auf der Bühne von den Schauspielern 'gefahren'. Und jetzt gabs ja gerade in Salzburg die schöne Handke-Beckett-Produktion, auch mit einer Revox als zentralem Requisit.
Habe nichts gegen 'vershuffeln', aber die Sätze eines klassischen Werks will ich, verdammt, in Reihenfolge hören! Im iTunes muss man etwa dafür sorgen, dass die 'tracks' in der Satzreihenfolge gereiht werden und nicht nach Alphabet oder Geburtsdatum des Interpreten ;–). In einer absoluten Zufallsfolge darf allerdings ruhig das 'dies irae' aus dem Mozartrequiem auf einen 30sec-Track aus der Original-Hörspielversion von 'Hitchhiker's Guide to the Galaxy' folgen. Mit angenehmer 'Fahrstuhlmusik' hat das dann halt nichts mehr zu tun.
Bin übrigens auch sehr für Wolken, und für Neil Young sowieso; eigentlich für jeden, der produktionstechnisch das Heft in der Hand behält, ob es da nun mal etwas 'fuzz' gibt, die Gitarrensaite ein Scheppern am Becken auslöst etc. Wer das nicht mag, ist mit manchen 'sauberen' CD-Produktionen eh gut bedient.
steppenhund - 18. Aug, 08:46

Willkommen auf diesem Blog. Da scheint es wohl einen Querverweis über den Namen von Googles Blog zu geben. Die Blogs sind auch beide vom gleichen steppenhund verfasst.
Ich hoffe Sie noch öfters hier zu sehen. Ihr Salzburgbild ist ein nettes.
punctum - 1. Jul, 13:26

Ich find das Wort "vershuffelt" so schön! Es klingt so hübsch... na, vershuffelt eben :-)

dus - 1. Jul, 21:02

der walkman ist heute 30 geworden.

rosmarin - 3. Jul, 03:33

waaaaaaaaaas? so alt schon?
virtualmono - 3. Jul, 03:46

Ich habe auch gerade darüber sinniert, daß es jetzt dann doch schon 20 Jahre her ist, seit ich mir die erste digitale Aufnahmemaschine - einen Sony TCD-D1 (portabler DAT-Recorder) gekauft habe... Kinners, wie die Zeit vergeht.

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