15
Apr
2014

Aus 2041 / 2

Es hatte eine Revolution gegeben. Allerdings war sie nicht zu erkennen gewesen. Damals nicht und rückblickend auch nicht. Es war 2041 gewesen, als plötzlich alle schwelenden Konflikte auf diplomatischem Wege beseitigt schienen. Territoriale Grenzen behielten ihre Gültigkeit, militärische Einheiten wurden von strategischen Punkten zurückgezogen, ohne dass die bisherigen Gegner davon Vorteil hätten ziehen können.
Am Interessantesten zu beobachten waren die typischen Konfliktzonen wie der Nahe Osten, Nordkorea und einige afrikanische Staaten. Die ehemaligen GUS-Staaten hatten sich zu einer Wirtschaftsunion zusammengefügt, wobei die einzelnen Staaten mehr Autonomie und Selbstverwaltungspotential als früher zu haben schienen. Europa schien sich in eine Bauhysterie hinein zu steigern. Plötzlich wurde überall gebaut, es entstanden neue Städte buchstäblich auf der grünen Wiese.
Die Städte schienen architektonisch so wie die Städte aus einem alten Computerspiel geplant zu sein. Bei SimCity hatte der Spieler die Aufgabe, lebensfähige Städte mit Infrastruktur und allem dem zu entwerfen, was Bürger benötigten um friedlich zu bleiben. Der Städtebau, der sich auch außerhalb Europas breit machte, war geplant, um Arbeitslose mit Grundeinkommen ruhig zu halten. Die Freigabe bestimmter Drogen half hier genauso mit wie ein ausgeklügeltes Medienprogramm. Zeitungen gab es nicht mehr, doch jeder hatte in der Wohnung einen Intranet-Zugang. Es gab Sportplätze und organisierte Wettkämpfe. Die schienen allerdings keinen internationalen Charakter mehr zu haben.
Nirgendwo gab es irgendwelche Gruppen, welche sich in den Vordergrund spielten. Die regierenden Politiker, egal ob in einer Demokratie oder in einem diktatorischen Regime, schienen plötzlich vernünftig geworden zu sein. Man müsste mit einem dieser Personen sprechen können.
Hartmut überlegte, ob nicht jemand der damals Feder führenden Personen noch leben würde, den man befragen könnte. Er erinnerte sich an bestimmte Studien, die er in der Anfangszeit seiner Arbeit durchführen sollte. Da tauchten vereinzelt noch Namen auf. Allerdings würde ein Name gar nichts helfen. Es war doch merkwürdig, man wusste nicht, wo jemand lebte, es sei denn man hätte wirklich irgendwann einen persönlichen Kontakt gehabt. Hartmut versuchte es in seinen alten Unterlagen. Es gab tatsächlich einen Politiker, mit dem er verwandt war. Er könnte also ganz offiziell eine Anfrage über dessen Adresse stellen.
Es stellte sich heraus, dass der Politiker ganz in der Nähe wohnte, das bedeutete 500km entfernt, durchaus noch mit dem regulären Verkehrssystem machbar. Hartmut versuchte, eine Verabredung zu vereinbaren, doch er bekam eine Ablehnung, die von einem der Haussysteme des Politikers übermittelt wurde. Wolfram war vor zwei Tagen in eine Klinik eingeliefert worden und nicht zuhause. Die Klinik zu erreichen, war etwas komplizierter. Doch am nächsten Tag stand Hartmut beim Empfang und wies sich als Verwandter des Politikers aus. Man gestattete ihm einen Besuch von zehn Minuten, wobei man ihn informierte, dass der Politiker im Sterben lag.
Wolfram lag in einem der Luxusbetten, die in den Krankenhäusern für Patienten der obersten Klasse vorgesehen war. Wolfram war wach, er war aber sichtlich durch Medikamente ruhig gestellt.
"Na so etwas! Verwandtenbesuch. Das gibt es doch heute nicht mehr." Die Stimme war leise aber noch sehr bestimmt. "Was willst Du denn?" - "Ich möchte dich über etwas befragen, was ich in keinen offiziellen Aufzeichnungen finde." Hätte Wolfram die Möglichkeit gehabt, aufzuspringen, wäre das wohl seine Reaktion gewesen. "Bist du wahnsinnig? Was willst du denn wissen? Sei froh, dass du nichts weisst. Das sichert dir ein angenehmes Leben. Und es ist doch angenehm?" Die Stimme war leise, aber der Tonfall ließ genügend Spielraum, um die Verärgerung von Wolfram aus zu drücken.
"Was war 2041 los? Warum wurden alle Politiker plötzlich vernünftig? Es gab doch einen plötzlichen Wechsel im Verhalten. Wer oder was hat das bewirkt?" Hartmut dachte sich, dass er ohne direkte Fragen wohl keine Zeit hatte, um eine Antwort zu erhalten.
Wolfram schwieg eine Zeit lang. Danach fragte er: "Bist du dir im Klaren, dass eine Antwort von mir dich in höchste Gefahr bringen kann?" Hartmut nickte, obwohl er sich überhaupt nicht vorstellen konnte, worin die Gefahr bestand.
"Für mich ist es gleichgültig, ob ich in einer Woche oder heute sterbe. Daher werde ich dir antworten. Doch ich warne dich, es jemanden weiter zu erzählen."
Hartmut nickte.
"Wir wurden erpresst. Alle. Allerdings auf eine ganz merkwürdige Weise. Man versprach uns, dass unsere persönliche Sicherheit und die unserer Angehörigen geschützt bliebe, wenn wir kooperierten. Man stellte Verbindungen her, sodass wir mit den jeweiligen Kontrahenten sprechen konnten. So erfuhren wir, dass sie ebenfalls angesprochen worden waren. Wir bekamen bestimmte Programme vorgeschlagen. Ebenso wurden wir angehalten, öffentlich unsere Absichten als friedvoll darzustellen. Einige spielten nicht mit. Sie kamen bei Autounfällen, Helikopterunfällen oder Flugzeugunfällen ums Leben. Bodyguards konnten nichts ausrichten. Die Schäden waren immer technische Schäden. Einige Länder in Afrika, deren Führer meinten, dass sie jetzt Territorium gewinnen könnten, wurden durch gezielte Raketen ausgeschaltet. Doch die Raketen waren nicht von einer Partei. Einmal waren es amerikanische Raketen, dann wieder russische. In Südafrika spielte sich das gleiche ab, dort gab es chinesische Raketen. In der Regel wurden die Aktionen nach spätestens zwei Tagen abgewürgt."
Wolfgram machte eine Pause. Das lange Sprechen hatte ihn sichtlich noch mehr erschöpft. "Aber wer hat er euch erpresst? Wenn man das so überhaupt nennen kann." Wolfram hub an zu reden, doch bevor er was sagte, deutete er Hartmut an, sich näher zu ihm zu beugen. Ganz leise flüsterte er: "Es waren Unbekannte. Niemand kannte sie. Niemand traf sie persönlich. Der gesamte Austausch geschah über Telefonkonferenzen." Eine weitere Pause. "Natürlich probierten die Geheimdienste heraus zu bekommen, wer hinter den Anrufenden steckte. Und das Erschreckende war, dass niemand nur im Geringsten entdecken konnte, woher die Gespräche kamen. Aber die Aktionen, die sie ankündigten, trafen alle ein."
Hartmut schüttelte ungläubig den Kopf. Er meinte: "Aber es kann doch nicht sein, dass eine Organisation die Kontrolle über die gesamte Erde erreichen kann. Das schafft nicht einmal die Mafia, selbst wenn sich alle Mafiaorganisationen der Welt vereinigen."
Wolframs Gesicht verzog sich zu einem gequälten Lächeln. "Die Mafia hatte ihre Gewalt schon vor uns verloren. Und sie hatte auch die wesentlichen Führer verloren. In Asien hielt sie sich länger, allerdings verlor sie dort den Einfluss über Glückspiel und Drogen. Gelder konnten nicht mehr gewaschen werden, sie verloren sich auf dem Weg zu den Banken. Ohne Geld verliert auch der Mächtigste seine Macht, weil er am Ende allein dasteht." - "Und die Kirchen?" - "Für die war alles ganz in Ordnung. Denn unsere Politik war ja plötzlich ziemlich sozial engestellt. Sie konnten zwar nicht mehr im Krieg gewinnen. Und sie mussten sich darauf einstellen, dass sie nicht mehr mit dem Leben danach hausieren konnten, denn das Leben gestaltete sich nach zehn Jahren für jeden lebenswert."
Hartmut wusste nicht, was er denken sollte. "Und warum sollte das gefährlich für mich sein, wenn ich das weiß?"
Wolfram flüsterte ganz ernst: "Das einzige, was wir herausbekommen haben, ist der Wunsch nach absoluter Anonymität jener Organisation. Alle Fragen danach, jede Recherche, wurde in der Vergangenheit im Ansatz erstickt. Wir haben erfahren, dass die Personen, die sich hier auf die Suche begeben hatten, umkamen. Darüber gab es auch keine Zeitungsberichte. Nur mündlich erfuhren wir manchmal, dass 'es irgendjemanden nicht mehr gab'. Und darüber und über die Person wurde dann geschwiegen. Ich fürchte, dass dir deine Neugier keine Ruhe lassen wird und du weitere Nachforschungen anstellen willst. Und das ist lebensgefährlich."
Hartmut nickte. Irgendwie hatte er so etwas vermutet.
Eine Schwester kam ins Zimmer. "Ihre zehn Minuten sind um. Bitte verabschieden Sie sich." Er neigte sich noch einmal zu Wolfram und flüsterte: "Danke! Hab' es leicht." Wolfgram antwortete mit der Andeutung eines Lächelns.
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HARFIM - 15. Apr, 17:52

Zur Zeit (2014:-)) kollabieren ja die Medien

gerade wegen der Ukraine, vielleicht ist hier die Revolution verborgen.
In der Berliner Zeitung habe ich gerade einen Artikel von Rolf Hochhuth (der alte Knabe möchte auch noch mitmischen) gelesen, in dem er aufdeckt, dass es zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion seit 1952 ein Geheimabkommen gibt, dass mit dem heutigen Russland immer noch gilt.

Und das Abkommen beinhaltet für den Fall der Fälle, eine Situation eskaliere derart, dass es zum Einsatz von Atomwaffen komme, sich auf die Zerstörung Deutschlands und Polens zu beschränken und dann erst mal zu verschnaufen.

Thats all. Darum hat die Welt 2041 den Frieden.

steppenhund - 15. Apr, 19:27

Eigentlich habe ich mich mit dem Titel vertan. Der sollte ja 2041 heißen, wie schon früher beschrieben. Da es momentan aber um Arbeitsfragmente geht, spielt es auch keine Rolle, wenn ich 2014 schreibe.
Das mit Deutschland und Polen kann ich ganz gut verstehen. Wenn man jetzt Deutschland zerstört, hat man gleich die gesamte EU ausgehebelt. Und die Polen sind momentan ein Unruhestifter oder Hetzer ohne ihresgleichen.
Aber meine Lösung funktioniert auf andere Weise :)
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