20
Apr
2014

aus 2041 / 11

Da war was los - in den wilden 30er- und 40er-Jahren.

Yang Li seufzte. "Ich denke, dass ich über die Modalitäten Bescheid weiß. Exekutionen, Mädchenhandel und noch ein paar kleinere Änderungen. Oder irre ich mich?" Wei Liu war erleichtert, dass er diese Themen nicht selber ansprechen musste. "Sie sind vollkommen richtig informiert, wenn ich so sagen darf. Ich kann Ihnen aber aus den Erfahrungen der letzten zwei Monate berichten, dass sich meine Lage nicht verschlechtert hat. Es war zwar interessant zu erfahren, dass 53 meiner Leute illoyal waren und sich auf meine Kosten bereichert haben. Das Thema ist vom Tisch. Die Einnahmen sind nur geringfügig gesunken. Es werden viel weniger Resourcen zum 'Aufräumen' benötigt. Sie werden sehen, am Anfang ist es gewöhnungsbedürftig, doch nach kurzer Zeit bietet es einen persönlichen Gewinn."
Yang Li war nicht überzeugt. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren kann." - "Es funktioniert mit Information. Ich bekomme einen Stadtteil genannt, in dem ein Casino eröffnet werden soll. Die Stadtbehörden spielen mit, die Polizei macht keine Schwierigkeiten. Zwei Wochen nachdem das erste Casino dieser Art eröffnet war, spielte es bereits Gewinn ein. Es gibt eine Regelung, nach der sogar die kleinen Verlierer gestützt werden, wenn sie alles verspielt haben. So landen sie nicht auf der Straße und jeder glaubt, dass er im Casino eine echte Chance hat. Wir können offiziell im Fernsehen werben und haben nichts zu befürchten. Dieses Geschäft bringt uns mehr an Gewinn als wir durch den Verlust vom entgangenen Mädchenhandel verlieren. Sie wissen, das ist kein besonders nettes Geschäft, es verdirbt auch die eigenen Mitarbeiter."
Yang Li fragte: "Bekomme ich solche Informationen in Zukunft von Ihnen?" In dem Moment läutete noch einmal das Telefon. Offensichtlich wurde ihr Gespräch abgehört. "Mr. Liu. Sagen Sie ihm, dass strategische Entscheidungen von Ihnen kommen werden. Notwendige Exekutionen werden wir Mr. Li selbst mitteilen. Guten Tag."
Wei Liu war sich unsicher. Wenn er das Yang Li sagte, gab er indirekt zu, dass er selber nur eine Marionette war. "Sehen Sie, es gibt einen Grund, warum Sie mir den Anschluss Ihrer Organisation angeboten haben. Ich nehme an, dass Sie genau wissen, wie Sie in Zukunft vorzugehen haben. Die strategischen Vorgaben bekommen Sie tatsächlich von mir." Er hatte vermieden, das Thema Exekutionen anzusprechen. Yang Lis Gesicht hellte sich auf. "Ich habe eine letzte Frage: wäre es gestattet, mich selbst zu Ruhe zu setzen?" Diesmal läutete das Telefon nicht. Wei Liu musste seine eigene Entscheidung treffen. "Es wäre für mich in Ordnung. Doch benötige ich Sie für eine gewisse Übergangszeit, solange, bis sich der neue Modus eingespielt hat und ihre Leute mir gegenüber loyal sind. Dann dürfen Sie sich gerne zurückziehen." "Vielen Dank, Mr. Liu. Wenn ich nicht den Tod meiner beiden Söhne beklagen müsste, wäre mir dies alles ohne Einschränkung ein angenehmer Wechsel gewesen. Es ist wohl meine Schuld, dass ich nicht glauben konnte, wozu ... !" Er wollte sagen: "diese Leute fähig sind." Doch Wei Liu winkte ab. "Lassen Sie es gut sein. Trinken wir unseren Tee?"

In den nächsten drei Jahren hatten sich alle bedeutsamen asiatischen Organisationen angeschlossen. Bei den südamerikanischen Rauschgiftkartellen gab es eine Gruppe, die übrig blieb. Doch auch sie hatte enormen personellen Aderlass zu verzeichnen gehabt. Die Columbianer hatten zuerst auf einen amerikanischen Erpresser getippt. Dies hatte dazu geführt, dass es zu blutigen Kämpfen gekommen war, bei denen vollkommen Unschuldige zum Handkuss kamen. Aber nicht nur Unschuldige. Don Pedro verlor seine gesamte Verwandschaft, bevor er sich selbst das Leben nahm. Don Alejjo übernahm sein Kartell und verlor seine Frau und drei Töchter, die sein ein und alles waren. Don Jorge als Nachfolger verlor seine Frau, doch er lernte schneller. Als ihm gesagt wurde, dass er die Verdienste aus dem Rauschgiftgeschäft seinen Landsleuten zukommen lassen sollte, bat er um Information, wie das geschehen solle. Die Organisation nannte ihm einen Politiker, den er einschalten solle. Über Parteispenden könnte das soziale Programm dieses Politikers finanziert werden. Es lag auf der Hand, dass auch einige Politiker ums Leben kamen. Es waren dies in der Regel korrupte Politiker, die nie auch nur eine einzige politische Leistung gezeigt hatten. Die Todesfälle waren hier nicht durch technische Versagen verursacht. Oder wenn ein technisches Versagen im Spiel war, dann begründete es, warum die normalen Schutzpersonen nicht in der Lage waren, einen einzelnen Attentäter zu stoppen.
Die Attentäter kamen aus unterschiedlichen Gegenden. Die meisten aus umliegenden südamerikanischen Staaten, doch gab es auch Europäer und vereinzelt Asiaten, welche Angriffe durchführten.
Mexiko war ein eigenes Kapitel. Es spielte sich so wie in Columbien ab. Doch war die Verflechtung mit der amerikanischen Mafia tatsächlich gegeben. Daher konnte nicht ein einzelner entscheiden, die Geschäftstätigkeit komplett um zu stellen. Es dauerte noch zwei Jahre, bis auch hier eine kriminelle Organisation praktisch auf humanitäre Hilfestellung umgestellt war.
In diesen Jahren wurde die Drogen herstellung umgestellt. Es wurden nur mehr synthetische Drogen hergestellt, deren wesentliche Wirkung die eines Antidepressivums war. Ein bisschen Freude war dazu gemischt. Der Abhängigkeitsfaktor wurde so eingestellt, dass mit entsprechenden Gegenmitteln eine Abkopplung von der Sucht möglich war.
Die Drogen wurden billigst verkauft und die gesamte Welt damit überschwemmt. Es war nicht notwendig, jemanden zu überfallen, um Geld für den nächsten Schuss zu bekommen. Süchtige bekamen die Droge auf Rezept, mussten sich aber registrieren lassen.

Das alles waren Informationen, die nur indirekt zur Verfügung standen. Hartmut reimte sich die Kausalitäten zusammen. Er nahm an, dass die wesentlichen Personen so erpresst wurden, wie es mit Wolfram geschehen war. Der wesentliche Inhalt, den der bisher aus all den statistischen und vereinzelt historischen Daten gewonnen hatte, war: es gibt eine zentrale Macht, die sich selbst nicht darstellt und keinen Aufschluss über ihre Ziele her gibt. So wie Hartmut das sah, konnte man dieser Macht nicht wirklich böse sein. Sukzessive schienen sich die Lebensumstände für alle verbessert zu haben. Was möglicherweise einem sozialen Gedanken widersprach, war die eklatante Kluft zwischen arm und reich. Arm war zwar nicht wirklich bedrohlich, die Armen bekamen alles, was zum Leben notwendig war. Das betraf nicht nur Nahrung, Kleidungsmittel und Wohnen, sondern auch Anreize wie Sportwettkämpfe und Filme, um sich glücklich fühlen zu können. Über die Medien wurde suggeriert, wie das glückliche Leben auszusehen hatte. Den Rest machten die Drogen.
Die "Reichen" hingegen arbeiteten, waren relativ isoliert. Sie waren in der Regel drogenfrei und hatten teilweise zur "veralteten" Kunst, wie Theater und Oper, die in Medienkonserven erhalten geblieben war. Es gab auch Festivals, in denen sich die Reichen selbst als Künstler und Darsteller verwirklichen konnten. Doch der Beruf des Künstlers war ausgestorben.

In den folgenden Jahren wurde die Infrastruktur umgebaut. Die ersten Neustädte waren fertig geworden. Dort gab es Platz für die neuen "Armen". Doch gleichzeitig war dort kein Platz für Autos.
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rosmarin - 21. Apr, 22:43

spätenstens, als ich las, dass die künstler ausgestorben seien, habe ich begonnen, mich zu gruseln.
vorher hats mich auch schon gegruselt, aber nach dem satz wusste ich, wieso.
künstler sterben eh nie aus (das würde ich noch umformulieren).... schlimmstenfalls werden sie nicht rezipiert.

steppenhund - 21. Apr, 22:57

Meine Frau habe ich gefragt, wie man Künstler so unterdrücken könnte, dass man keine Märtyrer schafft. Ich werde mir da noch etwas einfallen lassen. Aber im Prinzip wird es wohl darauf hinaus laufen, dass man für Künstler eine Art Selbstverwirklichungsraum schaft, in dem sie nach Belieben werken können.
Ich vermute, es wird eine eigene Gruppe sein, natürlich eher Mehrzahl Gruppen, ähnlich wie es die verschiedenen Religionen ausleben. Das Missionieren wird unterdrückt. Damit fallen sehr viele Störfaktoren von seiten der Religionen flach. Bei Künstlern ist es schwieriger. Das sind lauter Einzelreligionisten...
rosmarin - 21. Apr, 23:27

grins.... genau deshalb wird es mit dem aussterben nicht klappen.
und sie missionieren auch viel zu wenig. das macht ja den künstler aus.
steppenhund - 21. Apr, 23:48

Künstler, deren Werke nicht Verbreitung finden, tun nicht weh. Und die Verbreitung kann verhindert werden. Nach einer gewissen Zeit wird die Sinnlosigkeit der Kunst eingesehen. Selbst Aktivismus wird nur in abgegrenzten Bereichen stattfinden und genau dieselbe Wirkung haben, wie es heute ein klassisches Konzert hat. Nämlich keine.
Aber ich muss das noch etwas genauer ausarbeiten. Natürlich lässt sich der Künstler nicht per Dekret aussterben lassen. Da gehört schon mehr dazu. Doch wenn man Drogenbosse an die Kandare nehmen kann, wird das mit den Künstlern auch gehen.
Das Grinsen wird irgendwann erstarren ... :)
Es ist klar, dass ich hier eine Dystopie entwerfe, doch es ist eine, die so gut getarnt ist, dass die Menschen es nicht mitbekommen. Und meine Ideen gehen etwas über Huxley hinaus. Ich versuche auch ohne deus ex machina auszukommen. Das schaut heute noch nicht so aus. Doch was ich mir vorstelle, hat realen Hintergrund. Es benötigt lediglich eine Komponente. Doch die wird nicht im Kommentar verraten. Da musst Du schon weiterlesen:)
rosmarin - 22. Apr, 00:28

ja... stimmt.... das grinsen lasse ich gerade.
du könntest recht haben.
und weiterlesen werde ich sowieso
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Wobei nähen sich ja viel...
Wobei nähen sich ja viel direkter geboten hätte.
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