Die Fortsetzung von
Teil 1.
Danach ging es auf die Uni.
Hier hatte ich ein persönliches Erfolgserlebnis zu verzeichnen. Meine Stunden- und Vortragsplanung gingen dieses Jahr vollkommen auf. Ich war zum gewünschten Zeitpunkt mit den Vorlesungen durch. Danach gab es Übungen. Wer mich kennt, weiss, wie schwer es mir fällt, innerhalb einer vorgegebenen Zeit mit dem Reden (manchmal auch mit dem Schreiben) fertig zu werden. Bei Sieben-Minuten-Präsentationen schaffe ich das auf einige Sekunden genau. Habe ich eineinhalb Stunden zur Verfügung, verrenne ich mich leicht in Anekdoten. Die Anekdoten gab es auch diesmal, doch beim Streichen unbenötigter Details war ich heuer ausreichend konsequent.
Meine Vorlesung ist so etwas wie "Glueware". Klebstoff, der die Inhalte unterschiedlichster Studienfächer vereinigt und sie im Licht der tatsächlichen Praxiserfahrung neu beleuchtet. An der Vorlesung lerne ich auch selbst. Es ist ganz beachtlich, wie sich das Selbstverständnis in einigen Gebieten sein 2003 verbessert hat. Anderes stellt es mich vor Probleme, die ich schon in einem Eintrag angesprochen habe.
Es geht um das semantische Verständnis von bestimmten Begriffen, die im Leben eines Informatikers regelmäßig verwendet oder vorausgesetzt werden. Es sind Begriffe, deren Unkenntnis im Entfernten auch mit der Blamage eines Terminal T5 in London zu tun haben, die unter anderem auch vor einigen Jahren angesprochen wurden, als es darum ging, ob man mit Software nicht vermisste Personen im Umfeld der Tsunami-Katastrophe in Thailand finden könnte.
Ich muss mir bei solchen Fragen oft überlegen, ob ich nicht selber spinne. Ob ich einer persönlichen Paranoia unterliege, die mich Zusammenhänge sehen lässt, die gar nicht vorhanden sind, weil sie andere Personen scheinbar nicht wahrnehmen. Ich liebe ein bequemes Leben und eigne mich nicht zum Michael Kohlhaas oder zu einer missionarischen Leitfigur. Nach einer bestimmten Zeit resigniere ich. Wenn andere Leute meine Probleme nicht sehen können, ist es wohl mein Problem und nicht etwas, was die Welt angeht.
Aber ich erwarte von Studenten, dass sie wissen, wie eine Definition aufgebaut ist, und wie bestimmte Begriffe, die ihr tagtägliches Brot darstellen, erklärt werden können. Aufgrund meiner diesjährigen Erfahrungen habe ich meine Prüfungsfragen umgestellt. Statt sechs praktischen Problemen wird es dreißig Wissensfragen geben. Ganz gegen meine eigene Überzeugung, dass die Anwendbarkeit wichtiger ist als das Wissen. Es fehlt an der Basis. Ich empfinde keinen Ärger den Studenten gegenüber. Ganz im Gegenteil: die Mitarbeit war hervorragend und die Ideen, welche teilweise zum Vorschein kamen, zeigen von großem Potential. Ich glaube einfach, dass der Bildungs- und Ausbildungsbetrieb total fehlgeleitet ist. Ich möchte germanistische Fächer im technischen Unterricht sehen. Wenn der Mensch die Sprache nicht beherrscht, hat er in der Informatik nichts verloren.
Nichtsdestoweniger war der Tag an der Uni ausgesprochen positiv besetzt. Als nettes Detail hatte eine Studentin bestätigt, dass ihr Mann mit meinen Fragen durchaus etwas anfangen und unmittelbar beantworten konnte. Eine nette, auch ersehnte Bestätigung für mich, dass ich keinen absoluten Blödsinn erzähle. Manchmal glaube ich nämlich, dass ich irgendetwas vortragen könnte. Es würde unhinterfragt akzeptiert werden. Im beruflichen Leben verdirbt mir diese Angst manchmal auch einen geschäftlichen Erfolg, weil ich zu vorsichtig formuliere.
Wir stehen hier vor einem unauflösbaren Dilemma: die Menschen wollen klare Anweisungen. In der Lehre kann ich aber nicht einfach sagen: das ist so. Wenn immer in der Geschichte jemand etwas als gültige Aussage, Theorie oder "Wahrheit" behauptet hat, gab es später entweder entscheidende Erweiterungen oder Widerlegungen, zumindest Eingrenzungen des Gültigkeitbereichs.
Wenn ich nicht an die Beschränkung auf Lichtgeschwindigkeit im Rahmen der Relativitätstheorie glaube, liegt es einfach daran, dass mittlerweile diese Grenze so absolut akzeptiert wird. Das ist Schwachsinn. Im Laufe des zweiten Juli gibt es dazu noch etwas zu berichten.
Während ich noch meine Studenten karniefele (österr. für quälen) fällt mir ein, dass mir jemand am Vortag eine Eigenschaft zugeordnet hat: ich würde meinen Gesprächspartner immer testen. Das zugeordnete Treffen war vom Lungenkrebs eines Schwagers überschattet, aber die Bemerkung hat mich doch etwas frappiert. Die Aussage stimmt. Hundertprozentig. Und meine Verhaltensweise, die nicht immer eine solche war, ist das Resultat eines Lebens, in der ich manchmal in meinen positiven Erwartungen von anderen Menschen getäuscht wurde. Ich gehe im Grunde immer von einem sehr positiven Bild des anderen aus. Ich gehe auch davon aus, dass sein Selbstbild, welches er mir von sich vermittelt, stimmt. Diese an sich ziemlich naive Vorgehensweise hat mitunter auch schon unschöne Folgen gehabt. Daher dieses Testen. Ist das, was mir der andere erzählt, auch wirklich "konsistent". Es ist nicht so, dass ich wegen Inkonsistenz jemanden verurteilen möchte. Da könnte ich mich ja selbst nicht mehr im Spiegel ansehen. Aber ich möchte halt so gerne wissen, woran ich bin.
Ich bin überzeugt, dass mich dieses Thema noch recht lange begleiten wird.
- wird fortgesetzt.