31
Mrz
2013

Träumen, Wagen und Vollbringen

Eigentlich wollte ich ja den 3. Teil der Philosophie für Computer schreiben. Aber diese Geschichte muss jetzt dazwischen, weil ich sie doch für mitteilenswert halte.

Es geht um Bücher.

Meine Schwester ist um siebeneinhalb Jahre älter als ich. Als sie bereits verlobt war und sich eine Freundschaft zwischen ihren Schwiegereltern und meinen Eltern entwickelte, kam ich in den Genuss von Weihnachtsgeschenken eben jener Schwiegereltern.

Dabei kann ich mich an zwei Bücher erinnern, die einen besonderen Eindruck auf mich - und auf mein Leben - machten. Ich stelle hier fest, dass es ähnliche Bücher schon zuvor von meinen Eltern gab und der Boden quasi bereits aufgearbeitet war.
Gestern fiel mir eines dieser Bücher in die Hände, da mein Sohn ausgezogen ist und momentan die Buchbestände neu gesichtet werden müssen. Das andere "der zwei" habe ich leider nicht mehr. Ich weiß nicht, wo oder wann es verschwunden ist. Es hieß ungefähr "Die Wunder der Physik" und behandelte in sechs Kapitel die Grundelemente der Physik. Dabei gab es Mechanik, Elektrizität, ... und Atomphysik, wie man sie damals kannte. Es gab noch keine Quarks und keine Suche nach dem Higgs-Boson. Doch den Anfang des Kapitels werde ich nie vergessen. "Eine Sonne herzustellen ist ziemlich einfach. Nehmen Sie eine Quintillion Wasserstoff-Atome und bringen Sie sie in einem verfügbaren Raum zusammen. Die Schwerkraft tut ihr Übriges." Dann wurde erklärt, wie die leichten und die schwereren Elemente im Rahmen einer Fusion entstehen. Das Buch hatte ungefähr 500 Seiten, einen gelben Umschlag und ich liebte es heiß. Ich las darin, als ob ich in eine andere Welt versetzt wäre. Das Buch hat sicher einen großen Einfluss auf meine spätere Studien- und Berufswahl gehabt.
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Das gestern gefundene Buch ist von Paul Herrmann (von seiner Frau aus seinem Nachlass herausgegeben) und führt den Titel: "Träumen, Wagen und Vollbringen" (Das Abendteuer der neuen Entdeckungen)
Es besteht vier Teilen:
Die Strasse der hellen Nacht
Seelen, Nelken, Seide
Terra Australis incognita
Zauber der weißen Wüsten
und hat auch fast 500 Seiten. Illustriert noch mit den gesonderten Fotografie-Seiten, wie ein Buch von 1959 damals gestaltet war.
Die Geschichte von Amundsen Rennen zum Südpol kannte ich schon von früher. Nansen, Fram, Amundsen, Scott, sogar Peary waren mir damals schon ein Begriff.

Das Buch übte einen subtileren Einfluss auf mich aus. Obwohl ich mich nie mit den Strapazen einer Südpolexpedition anfreunden hätte können, lernte ich die Möglichkeit von Zielstrebigkeit und Ausdauer erfassen. (Ich selbst war in meinem Leben nur selten wirklich zielstrebig, und für Ausdauer reicht meine Geduld nicht.) Doch ich lernte, was Überzeugungen sind. Ich lernte, dass sich große Abenteurer immer mit der Ungläubigkeit ihrer Zeitgenossen konfrontiert sehen. Das half mir in meinem späteren Leben, zu meiner Meinung zu stehen. Ich habe einige Male gehört, "das etwas nicht gehen (funktionieren) könnte" solange bis ich es vorgehüpft bin. Als ich noch eitel war, hat mich das angetrieben, immer wieder etwas noch Neueres zu probieren.
Heute frage ich mich: "wozu". Möglicherweise wird mir noch einmal etwas einfallen, was wirklich eine neue Kombination von bekannten Erfahrungsschätzen ist. Doch ich laufe nicht mehr "dem Großen" hinterher.
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In diesem Zusammenhang möchte ich an eine der schönsten Werbeaktionen erinnern, die ich überhaupt kenne. Die Voest-Alpine hatte ein Video mit ungefähr dem folgenden Inhalt: "Ideen klopfen bei jedem an. Man muss ihnen nur aufmachen." Das wäre eine Werbung, die mich dazu bringen könnte, mich dort um einen Job zu bewerben.
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Das Wesentliche erscheint mir bei "Träumen, Wagen und Vollbringen", dass die geschilderten Abenteuer wirklich zum Träumen anregen können. Als ich 1997 einen Testjob bekam, stellte ich fest, dass im gesamten Computerbereich das Feld des Software-Tests unbestellt war. Ein riesiger weißer Fleck auf der Landkarte. Heute kennt man mehr. Es gibt noch immer weiße Flecken, die haben sich etwas verlagert. Aber für mich war Testautomation damals wie die Reise zum Südpol. IBM und meine Firma hatten beide ein Attest geschrieben, dass eine bestimmte Software nicht automatisiert werden konnte. Es war die Herausforderung, der ich mich damals stellte. Würde ich heute nicht mehr tun.
In der heutigen Zeit kann man in der IT nicht mehr "blood, sweat and tears" versprechen. Heute regieren die Hypes. Umbenennung von bestehenden Werkzeugen in ein gängiges Schlagwort.
Bücher der oben genannten Art gibt es in Form eines Bestsellers: "Die Vermessung der Welt". Das Buch ist großartig, der Film einfach schön ohne Wirkung. Kann das Buch eine Wirkung bei Heranwachsenden verursachen? Ich bin ein bisschen skeptisch. Die Abenteuer der heutigen Zeit stellen sich der Jugend als "Einer wird irgendetwas gewinnen". Nach erfolgtem Gewinn erfolgt der Wechsel in die Versenkung.
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Wenn ich länger darüber nachdenke, meine ich zu erkennen, dass die Grundvoraussetzung etwas Neues zu schaffen, zu entwickeln, zu entdecken, zu erforschen, im Lesen liegt. Denn bei allen Neuerungen muss man sich etwas vorstellen, was es noch nicht gibt. Und genau dieses Vermögen wird beim Lesen und der Ausbildung der Fantasie gefördert und trainiert. Es ist vermutlich zu einfach, eine Klassifizierung von Lesern und Nichtlesern danach vorzunehmen, ob sich jemand zum Neuerer oder zum Konsumenten entwickelt. Aber eine entsprechende Statistik würde mich echt interessieren.
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virtualmono - 31. Mrz, 15:52

Wie sagt man heutzutage doch so schön? "Der Trend geht zum Zweitbuch."

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich heute nicht der wäre der ich bin, wenn ich nicht schon als Kind so viel gelesen hätte. Einerseits fördert es wohl das Sprachverständnis und die Rechtschreibung, andererseits - und das halte ich für mindestens genau so wichtig - regt es die Phantasie an, wenn man sich die Geschichten im Kopf zu Orten, ja Welten selbst "ausmalt" (deshalb ist oft auch eine Verfilmung dann eher enttäuschend, weil der Regisseur eine so ganz andere Vorstellung hatte).

steppenhund - 31. Mrz, 19:16

igsägddly
Bubi40 - 1. Apr, 08:09

ich denke auch, dass lesen die beste möglichkeit ist, seine phantasie zu entwickeln und zu verfeinern. es entstehen beim lesen ehrliche emotionen: menschenbilder in ihrer umwelt, physisch wie auch emotional, landschaften, gerüche, töne, geschmäcker. es entstehen vor unserem "geistigen auge" ralitäten, in denen wir uns mit und durch unserer phantasie frei bewegen können. das ist ja der eigentliche reiz des lesens: neue welten sich zu erschaffen; und wer spaß hat, sich geistig und emotional neues zu gewinnen, wird auch spaß daran finden, seine realität auf möglichkeiten der "verbesserung, verfeinerung und veränderung" zu untersuchen ... und je mehr er durch das lesen "gelernt" hat, desto effizienter werden diese versuche sein. dass in der heutigen zeit das buch nicht das einzige vehikel ist, liegt auf der hand.
auf der hand liegt für mich aber auch, dass der "konsum" von musik eine nicht zu vernachlässigende größe darstellen kann.
wie spricht doch Friedrich Schiller:
"Leben atme die bildende Kunst, Geist fordr' ich vom Dichter;
aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus."

steppenhund - 2. Apr, 10:46

Es geht nicht so sehr um das Buch als Vehikel. Das Transportmedium Buch unterscheidet sich von anderen Medien (ausgenommen Unterricht oder Diskussion) dadurch, dass der Leser selbst das Tempo bestimmt. Das machen schon die Kleinkinder, denen man Geschichten vorliest. "Das kenn ich schon, weiter!" oder "Noch einmal bitte, lies das noch einmal!" Diese Selbstbestimmung des Tempos der Informationsaufnahme ist auschlaggebend (zumindest nach einer Studie), dass bestimmte Regionen des Hirns besser ausgebildet werden. Das kann auch nur im Kleinkinderalter geschehen.
Was die Musik angeht, werden Sie mir keine Äußerung entlocken können. Ich mache lieber Musik, als dass ich darüber spreche oder schreibe, was sich halt manchmal nicht vermeiden lässt. Gestern war im österreichischen Fernsehen noch einmal der bewusste Parzifal zu sehen. Nicht die komplette Oper sondern nur bestimmte Highlights, verbunden durch erklärende Worte von Christian Wagner-Trenkwitz. Eine nette Sendung, aber an die Regie kann sich meine Frau und ich nur schwer gewöhnen. Diese komischen Grüntöne sind schlicht zum Speiben. Der doppelte Klingsor sehr gewöhnungsbedürftig, vom doppelten Jesus erst gar nicht zu reden. Bei der Kundry gehen unsere Meinungen vermutlich etwas auseinander. Die singt zu schön, als dass ich auf ihr Äußeres so viel Wert lege. Und dass der Amfortas auch den Klingsor singt, hat einen gewissen Reiz. Aber all das spornt mich nicht zu persönlichen Höchstleistungen an. Und die Seele befriedigt der Parzifal bei mir immer weniger, je öfters ich ihn "sehe". Beim Anhören stelle ich mir andere Dinge vor, als ich sie auf der Bühne sehe. Die Darstellung zeigt für mich eine Grauslichkeit der ganzen christlichen Mystik auf, die von Katholiken noch ins Unerträgliche gesteigert wird. Wagners Darstellung steht da den Dogmen der Kirche an Scheußlichkeit nichts nach;)
Sunnilein - 1. Apr, 16:36

Wie schade,...

dass ich nicht mehr aktiv im Gymnasium tätig bin. Diesen Text, verehrter Herr Steppenhund, hätte ich gar zu gern mit den Schülern bearbeitet, erörtert oder als Aufgabe in einer der großen Kursarbeiten vor dem Abitur gestellt. Interessant wäre es auch gewesen, Schülern in den 90ern und der heutigen Generation ihn getrennt vorzulegen, Ich bin mir fast sicher, das Ergebnis zu kennen.
Mich persönlich trifft die Thematik marginal. Erst vor ein paar Tagen sagte ich: Wenn ich nicht mehr lesen oder schreiben kann, aus welchen Gründen auch immer, will ich nicht mehr leben.

steppenhund - 2. Apr, 10:47

Ich fühle mich geehrt, wenn der Text bei Ihnen eine derartige Aufnahme gefunden hat. Manchmal diskutiere ich ja meine Ansichten auch mit meinen Kindern, die mir ab und zu auch schon mal kontra geben.
In diesem Fall sind aber meine Kinder die falschen Ansprechpartner, weil die alle unheimlich viel gelesen haben und es auch jetzt noch tun.
Shhhhh - 2. Apr, 08:54

Umberto Eco sagte einmal, wenn er auf eine einsame Insel müsste und nur ein Buch mitnehmen könnte, er nähme das Telefonbuch mit, weil er sich zu jedem Namen seine eigene Geschichte ausdenken könnte. Als ich zum ersten Mal Scott und Amundsen sah, war das im Georgraphieraum meiner Schule, wo beide auf gerahmten Fotos zu sehen waren - es gab noch weitere, Alfred Wegener zum Beispiel, damals war der für mich aber eher uninteressant. Und als die beiden uns dann vorgestellt wurden, konnte ich mir im Geist ausmalen, wie diese beiden im Rennen um das Erreichen des Südpols an Hunger und Kälte litten, wie sie mit ihren Schlitten durch nicht enden wollende Eiswüsten fuhren. Ich weiß nicht, ob Bücher die Vorstellungskraft schulen oder ob das nicht von allein geschieht.

steppenhund - 2. Apr, 10:49

Wenn Sie Bilder sehen und sich die dazugehörigen Geschichten ausdenken können, gehören Sie zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die vielleicht keine Bücher für das Training der Vorstellungskraft benötigen. Sie haben dann eher die Verpflichtung die Bücher für die Menschen zu schreiben, denen ein Bild allein nicht ausreicht.
punctum - 6. Apr, 00:13

Ein schöner Text, der mich daran erinnerte, wie ich in jugendlicher Begeisterung Bücher über Scott und Amundsen, Kolumbus, Magellan ("Westwärts zu den Molukken"), James Cook oder Vasco da Gama las - oder "Götter, Gräber und Gelehrte" (nicht ganz aktuell aus heutiger Sicht, aber ich habe es geliebt!). "Die Vermessung der Welt" habe ich auch gern gelesen, aber soo viel ist mir davon nicht geblieben. Es ist nicht ganz einfach, genau diese selbst gelesenen Bücher den eigenen Kindern nahe zu bringen, aber dass sie das Abenteuer in (dann eben ähnlichen) Büchern suchen und finden können, das glaube ich schon.

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