8
Okt
2013

Statistik

Eine Million kann kaum lesen...

http://orf.at/stories/2201460/2201462/

Es gibt ja den Spruch, traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälschst hast. Allerdings scheinen mir die Ergebnisse, die im Artikel präsentiert werden, durchaus glaubwürdig, wenn ich sie mit eigenen Erfahrungswerten vergleiche.
Wenn ich denke, 12,8% nicht sinnerfassend lesen können, kann ich zwar annehmen, dass es nicht unbedingt etwas mit der wirtschaftlichen Stellung dieser Personen zu tun hat. Tatsächlich kommt es aber auch vor, dass Leute mit besserer Ausbildung, in gehobenenen Berufen arbeitend, über dem Durchschnitt abschneiden.

Meine Erfahrungen haben mich manchmal vor den Kopf gestossen. Da gibt es Personen mit einem Bruttogehalt von mehr als 3.500 Euro, die weder lesen wollen, noch lesen, noch eine Beschreibung ihrer eigenen Arbeitstätigkeit geben können.

Mir selbst tut das nicht weh. Es hilft mir, mich gegenüber Konkurrenz abzugrenzen, trotz meines Alters nicht entsorgt zu werden und einen guten Job zu haben.

Aber erwartet man von mir Mitleid mit denen, die wegen Mangel an Bildung und fehlenden Grundfertigkeiten keine vernünftigen Jobs ergattern können? Da fühle ich noch eher mit den Studienabgängern mancher Fächer, die bestenfalls ein Praktikum bekommen.
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Jossele - 9. Okt, 10:55

12,8% der erwachsenen Bevölkerung, und nicht nur Migranten.
Man darf auch annehmen, dass es sich dabei nicht nur um Menschen mit eher geringer Intelligenz handelt, dazu wär die Zahl zu hoch.
Ich vermute, bei einem guten Teil dieser Menschen liegt es einfach am Wollen, und das wäre bedenklich.

Etwa 12,8% der Wahlberechtigten können sich nicht sinnerfassend informieren, kein gutes Argument für die Demokratie.
(Na ja, ein Kandidat konnte auch nicht inhaltlich sinnvoll reden und hat dies auch noch als Wert deklariert, was durchaus honoriert wurde.)

lost.in.thought - 9. Okt, 11:05

Jossele, glaubst du wirklich,
dass es am WOLLEN liegt ?
Ich befürchte,
dass es wo anders krankt...
Jossele - 9. Okt, 12:39

Es krankt an vielen Stellen, vom Vorlesen im Kindesalter bis hin zur Wertigkeit von Geschriebenem (nur eine Auswahl von Vielem).
Ja, ich glaube, dass es bei einem Teil der 12,8% am Wollen liegt.
Richtiges Lesen wird nicht für wichtig erachtet, geht es doch offenbar auch anders irgendwie, minimalisiert.

Ich meine hier sicher nicht Menschen denen es an mentalen Fähigkeiten zum sinnerfassendem Lesen fehlt oder Menschen mit anderssprachigem Hintergrund, was in der Studie auch berücksichtigt wird.

Ich werke ja gelegentlich an einer berufsbildenden höheren Schule, also SchülerInnen die die Grundschule positiv hinter sich gebracht haben, wie auch immer.
Wir haben an einem, an Pisa angelehnten, österreichweiten Test in Mathematik teilgenommen, mit desaströsem Ergebnis.
Dies nicht weil die Aufgaben so schwierig waren (Grundrechnungsarten und ein bisserl Bruchrechnen hätten gereicht), allein das Erfassen der Aufgaben war das Problem.
Deutsch detto. Das Zusammenfassen eines Textes mit eigenen Worten, traurig.
Das sind keine dummen Menschen, deshalb meine Wortwahl "Wollen".
(Ähm ja, dritte Klassen Oberstufe, also etwa 17, 18 Jahre alt)
lost.in.thought - 9. Okt, 12:57

Ich hab erst vor Kurzem erlebt,
dass mein Fräulein Tochter
(3.Gym) zu ihrer Freundin
marschiert ist,
nachdem die mit der Mathe Hausaufgabe
nicht zurecht kam.
Am Abend hab ich dann nachgefragt,
was denn da so kompliziert gewesen ist,
und warum die Mutter der Freundin nicht helfen konnte.
Als Antwort kam:
"Mum, da gehts um Bruchrechnen.
Erweitern und Kürzen.
Das kann die Mama von der **** doch nicht,
aber ich habs ihr eh erklärt !"
Ich konnte und wollte das nicht glauben
und hab ein paar Tage später selbst nachgefragt.
Und musste erkennen,
dass man mit Hauptschulabschluss und
anschließender Kochlehre
wirklich nicht Bruchrechnen kann.
Sie wollte.
Sie hats versucht.
Aber sie konnte nicht.
Vielleicht liegt es wirklich an vielen Faktoren,
die unglücklich zusammenspielen.
Traurig ist die gesamte Lage aber allemal.
Und zwar für uns alle.
Es ist wie ein Dominoeffekt.
Da fällt ein Mitarbeiter "um",
weil er nicht (gut/sinnerfassend) lesen kann
und am Ende krankt ein ganzes Unternehmen daran.
Müsste nicht ein Aufschrei aus der Wirtschaft kommen?
Müssten nicht alle Lehrer auf den Barrikaden stehen?
Und die Eltern mit dazu ?
Ich höre nichts davon.
Wohin führt uns das, frage ich...
Jossele - 9. Okt, 13:36

Na die Aufschreie verhallen eben.
Bildung steckt in Parteipolitik fest und geht langsam den Bach runter.
LehrerInnen rittern eher ums Dienstrecht denn um Inhalte.
Eltern sehen sich oft überfordert.

Ich hab versucht Lehrlinge auszubilden, geht nicht, weil du kannst all die versäumten Jahre nicht wettmachen.
"Ich bin jetzt da und ich habe zu bekommen...", Einbringung null.

Natürlich "müsste", aber das machen wir lieber morgen.
Änderungen sind so unbequem...
Besser wir stellen die Schuldfrage.
lost.in.thought - 9. Okt, 14:41

Na ich bin gspannt,
wie lang dieses
"Schuldfrage" stellen
noch gut geht.
Lang dauerts nimmer,
dann bricht was zusammen.
Befürchte ich...
steppenhund - 9. Okt, 12:09

Das Wollen ist letztlich ein Resultat einer Erziehung, die im Elternhaus beginnt. Lange, bevor die Schule da etwas unternehmen kann, werden die entsprechenden Weichen gestellt.
Es ist halt nur schwierig, mit solchen Leuten zu sprechen. Denn wenn sie nicht lesen können, dann ist es auch sehr schwer, bei ihnen gutes Zuhören vorauszusetzen.
Da bleibt dann nur größer, schneller, geil, gratis, billiger, etc. hängen. Und danach richtet sich ihr Kaufverhalten und letztlich auch ihr Wahlverhalten.

lost.in.thought - 9. Okt, 12:58

Klar ist es schwierig,
aber die Frage ist:
wie erreicht man die Menschen?
Es muss sich doch etwas ändern ?!
steppenhund - 9. Okt, 14:22

Leider ändert sich der Mensch nur, wenn etwas absolut Katastrophales eintritt, an dem er nicht mehr vorbeisehen kann.
-
Es ist eine ganz andere Geschichte, aber sehr lehrreich. Als ich ein Workshop in Kalksburg mitmachte (Umgang mit Alkoholikern im Betrieb) gab es auch reale Fallstudien. Eine Geschäftsfrau, Versicherung, erzählte, wie sie ins Trinken abrutschte. Es war verständlich aufgrund der Belastung, der sie ausgesetzt gewesen war.
-
Aufhören konnte sie erst nach einem Unfall mit dem Wagen, bei dem auch ihre zwei Kinder mit drinnen saßen. Der plötzliche Schock, ausgelöst durch die Vorstellung, was sie riskiert hatte, brachte sie erst dazu, sich einer Entziehungskur zu unterziehen.
.
Die Frau, die nicht Bruchrechnen kann, ist ja arm dran und prinzipiell nicht selbst schuld an ihrer Misere. Die Überlegung wäre, Volkshochschulkurse anzubieten, die vielleicht nicht einen Maturaersatz darstellen sollen, aber zumindest Basisfertigkeiten beibringen.
-
Ganz abgesehen davon finde ich es immer schlimm, wenn eine Mathematiklehrerin ihren Schülern nicht Bruchrechnen beibringen kann.
lost.in.thought - 9. Okt, 14:39

... hab noch keinen Prof. erlebt,
der es den Kindern beibringen konnte.
Jährlich finden sich hier im Haus
aber ein paar Freunde
meiner Kinder ein
und dann erkläre ich ihnen
mit viel Humor,
wie das so ist,
mit den Brüchen.
Gefällt ihnen jedes mal wieder...
;-)
steppenhund - 9. Okt, 14:54

Also ich glaube, ich kann fast jedem Kind die Bruchrechnung beibringen - und auch Erwachsenen. Ich hab es mir selbst ja auch beigebracht:)) Als Kind:)))
lost.in.thought - 9. Okt, 15:07

Noch besser !
Selbst hat es sich hier noch keiner beigebracht,
aber zumindest funktioniert
mein einfaches,
aber anschauliches System.
Jedenfalls bei Kindern.
Sie finden es jedesmal wieder witzig
und erklären dann den Lehrern
in der Schule die wildesten Brüche
;-)
steppenhund - 9. Okt, 15:32

Beispiel: ich habe mit dem Matador gespielt. Da gibt es 19er-Streben. Das sind die längsten, oder waren sie es zumindest. Eine 19-Strebe aus normalen Bauklötzen zusammen zu setzen geht mit 2 Fünfern und 3 Dreiern. Also gab es Längen zu 3 Neunzehntel und 5 Neunzehntel. Ein Neunzehntel hatte die Länge 1.
Und mit 3(3/19) und 2(5(19) konnte man 1 Neunzehnerlänge zusammen setzen.
Und so habe ich beim Spielen mühelos Teile von Ganzen erkennen können. Mag vielleicht nicht so unmittelbar einsichtig sein. Aber ich glaube, dass man Mathematik "erfahren" und nicht lernen muss.
Übrigens gab es einen Schulversuch in Frankreich in den Sechziger- oder 70er-Jahren, bei denen man Volkschulkindern Topologie beigebracht hat. Es gab keine Schwierigkeiten dabei. Der Satz von Bolzano-Weyerstrass wurde mit Tausendfüßlern und Eichenblättern veranschaulicht. Aber wesentlich war, dass die Kinder die Topologie wirklich verstanden hatten.
Wenn der Lehrer es versteht, dann auch die Kinder. Aber es gibt viele Lehrer, die die Bruchrechnung zwar rechentechnisch beherrschen, sie aber nicht "fühlen" können. Und dann klappt es auch mit den Erklärungen nicht.

lost.in.thought - 9. Okt, 15:44

Womit wir - wie schon letztens in der Kunst -
beim "Verstehen, Aufnehmen, Umsetzen" sind.
Der Tiefgang fehlt.
Oder die Passion.
Die Liebe zur Materie,
nenn ich es jetzt einmal.
Ich kannte ein paar Lehrer,
die aus Leidenschaft unterrichteten.
Und zwar wirklich gut.
Das war allerdings weder
in der Volksschule noch im Gymnasium.
Aber in der HTL waren doch ein paar dabei.
Und mit denen hat Schule wirklich Spaß gemacht.
Auch in der High School in Amerika.
(Obwohl das Bildungsniveau dort,
na das lassen wir jetzt einmal...)
Ich sehe das auch jetzt bei meinem Sohn,
was ein Schul - und Lehrerwechsel
und vor allem eine Oberstufe ausmachen.
Immerhin gibt es ja
auch noch ein paar wenige,
aber gute Beispiele
was die Vermittlung von Bildung anbelangt...
steppenhund - 9. Okt, 16:06

In der High School in Amerika hatte ich recht gute Lehrer. Und es gab auch einen Kurs Calculus (so viel wie höhere Mathematik) der entsprach ungefähr Mathematik 1 im ersten Semester auf der TU.
Das Bildungsniveau ist dort halt selbstbestimmt.
Und ein Professor, den wir in Deutsch hatten, las uns stotternd (!) deutsche Lyrik vor. Und tat das derart faszinierend, dass letztlich 8 unserer Schüler mit Literatur und Journalismus beruflich endeten, - in durchaus angesehenen Positionen.
Dieser Professor W. konnte mich sogar für Geschichte interessieren, was wirklich ein Kunststück war. Leider hatte ich ihn nur ein Jahr.
lost.in.thought - 9. Okt, 16:52

Deutsch hatte ich in den USA nicht.
Aber dafür habe ich in English Literature
wirklich viel mitnehmen dürfen.
"Selbstbestimmt" trifft es wirklich -
ich hatte bis auf ein paar wenige Gegenstände
freie Wahl bei den Unterrichtsfächern.
(Was mir damals aber gefallen hat).
Es hat mich sehr beeindruckt,
dass es für jeden Lehrer selbstverständlich war,
von früh bis spät in seinem Klassenzimmer
anwesend und ansprechbar zu sein.
Selbst die Klassenzimmer waren schön.
Wenn ich an den Raum von Mr. Walker denke,
den wir in American History hatten,
dann sehe ich gleich wieder das Klassenzimmer vor mir,
mit dunkler Holzvertäfelung,
vielen Landkarten und Bücherregalen
und einem wunderbaren alten Schreibtisch,
auf dem sich Bücher stapelten und
hinter dem er kaum zu sehen war.
Die Lehrer "lebten" ihr Fach,
und das spürte man.
War eine schöne Zeit...
iGing - 9. Okt, 20:19

Das matador-Beispiel zeigt m.E. sehr gut, welcher Art die Anschaulichkeit ist, die beim Rechnen gebraucht wird; vergleichbar auch mit dem Tangram, das die gleiche Fähigkeit übt. Macht gleichzeitig auch noch unheimlich Spaß!

steppenhund - 10. Okt, 10:07

Nette Erinnerungen. 1976 nahm ich ein Tangran mit in den Urlaub. Ich glaube, ich habe alle gelöst, die da im Begleitheft standen. Die Buchstaben zu formen war auch eine Herausforderung.
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