Alt werde ich

Heute bin ich versetzt worden. "Du sag, heute fühl ich mich gar nicht gut. Muss erst den Jahreswechsel aufarbeiten. Bin nicht mehr die Jüngste." Sagt sie, eine der besten Freundinnen, die ich schon 25 Jahren kenne, obwohl sie gestern vorgeschlagen und auf heute verschoben hat. Reigen im Volkstheater und Abendessen war schon vorbereitet.
Frau Columbo trifft sich mit einer Freundin, die früher ums Eck gewohnt hat, aber jetzt einen Tagesausflug rechtfertigt.
Früher wäre ich in die Stadt gefahren. Heute bin ich schon so bequem. Aber ich nehme die Gelegenheit wahr und besuche ein neu eröffnetes Lokal praktisch ums Eck. Ein griechisches Lokal, welches einen Italiener ablöst, der nicht besonders gut gegangen ist.
Noch keine Speisekarte hängt draußen. Ich schaue von außen hinein. Ein paar Leute sitzen drinnen. Ich betrete das Lokal. Raucher oder Nichtraucher. Als Nichtraucher werde ich in den hinteren Teil des Lokals geführt, wo in einem großen Saal ein Pärchen sitzt. Ich vermute, dass es Russen waren. Später kam noch ein österreichisches Pärchen dazu.
Durch den großen Saal erinnere ich mich. Das Lokal hieß früher "Zum Pferscha" und war ein durchaus beliebtes Wirtshaus, das vor allem an Wochenenden zu Mittag voll besetzt war. Es fungierte auch als Clublokal für manche Vereine und war auch als Wahllokal in Funktion. Ich glaube, dass ich dort zweimal gewählt habe. Mit meinen Eltern waren wir noch essen dort.
Das Interieur und die Speisekarte ist sehr edel gehalten. Für 2 Euro Gedeck darf man sich das auch erwarten. Die Weinkarte ist noch nicht gedruckt, die Beratung selbst geht über einen Chardonnay nicht hinaus: "Sie wissen eh, wie der Chardonnay ist."
Eine ältere Dame spielt Platzzuweiserin, sie dürfte Österreicherin sein, vielleicht ist sie mit einem Griechen verheiratet. Die Kellnerin ist Griechin. Sehr bemüht und freundlich, sie sieht auch nett und sympathisch aus. Allerdings scheint sie nicht wirklich aus der Gastronomie zu kommen.
Die Karte ist wirklich reichhaltig. Ich bleibe aber ganz konservativ und bestelle eine Gemüsesuppe und einen Fisch, den ich mir aus der Eistruhe aussuche. Es ist eine Zahnbrasse.
Als Aperitiv trinke ich einen Ouzo. Im Gedeck gibt es Weißbrot, Olivenöl und eine Olivenpaste.
Von der Suppe bin ich enttäuscht. Sie ist versalzen. Ich sage auch: "sehr salzig", als ich gefragt werde, wie sie mir geschmeckt hat. Beim Fisch sage ich nichts. Obwohl mir das Öl, in der gebraten wurde, nicht zusagt. Es schmeckt sehr olivig, was an sich nichts Schlechtes ist, doch bei Olivenöl gibt es bei uns wirklich kein schlechtes Öl zuhause. Da bin ich verwöhnt. Ich koche mit Distelöl oder mit Erdnußöl, doch wenn ich einmal Olivenöl verwende, dann ist es eins, was mindestens 9.99 Euro kostet, meistens mehr. Oder Frau Columbo hat eines eingekauft. Was sie einkauft, ist auch nicht gerade billig.
Aber so ein Öl war es nicht. Es hat den Geschmack des Fisches ungünstig verfremdet. Die Erdäpfel und der Spinat mit Zwiebeln hingegen waren ganz ok. Der Teller sehr groß und auch sehr schön angerichtet.
Der griechische Kaffee war wie erwartet - das heißt auch sehr gut. Das Wasser war hervorragend. Also kalt und geschmacklich gut. Ich habe mir verkniffen zu fragen, wie sie das mit dem Wasser machen. Es ist besser, als das, was bei uns aus der Wasserleitung kommt. Ich werde wohl auch einmal einfach an der Theke einen Ouzo schlürfen. Vielleicht entwickelt sich das Lokal zum Geheimtipp, vielleicht dümpelt es nur eine Zeitlang vor sich hin. Sie bemühen sich. Aber billig ist es nicht, daher bin ich da schon eher kritisch. Ich habe mit Trinkgeld 35 Euro gezahlt. Dafür komme ich normalerweise Bauch reibend aus dem Lokal.
Ich werde wieder schreiben, wenn ich sehe, dass es sich gut entwickelt. Immerhin kam der Koch einmal prüfend heraus und wollte wohl wissen, wem die Suppe zu salzig war.
Der griechische Tafelwein war ok.
Ich bin auch nachher nicht mehr in die Stadt gefahren, obwohl mich der Besuch eines Nachtkinos wie am Anfang der Margaretenstraße schon gereizt hätte.
Ich werde halt alt. Nein ich bin es schon.
Zuhause habe ich mir dann als Dessert noch Schubert, Dvorak und Wagner kredenzt. Aus den neuen Notenstücken, die ich geerbt habe. Da gibt es Sammelbände "Excelsior", in denen Salonstücke und ernste Stücke sich wie Kraut und Rüben abwechseln. Ach ja, eine Carmen-Suite gibt es da auch noch.
Dafür bin ich noch nicht zu alt.
sandhexe - 2. Jan, 23:56

Alt oder nicht alt - wo liegt das Problem?
Im Wollen liegt es, oder sehe ich das falsch?
Ich wünsche dir noch viele in gutem Öl gebratene Fische, ehe du wirklich alt bist ;-)

steppenhund - 3. Jan, 00:07

Und wenn man nicht mehr wollen will? ;)
sandhexe - 3. Jan, 00:59

Dann ist man wirklich alt - aber soweit bist du noch lange nicht!
punctum - 3. Jan, 00:15

Na, komm... :-) (wäre: Ah, geh! jetzt sprachlich korrekter?) Es gibt Dinge, die man in allzu jungen Jahren gar nicht zu schätzen weiß. Schon das macht ja den Wert von ein paar Lebensjahren und -erfahrungen aus. Und das weißt Du recht gut! Außerdem - wer sich als Hacker betätigt, ist wohl eher jugendlich abenteuerig :-)

Bluesanne - 3. Jan, 00:50

Ausgekostet

Man sagt ja alten Leuten nach, dass sie gerne und oft nörgeln und der Vergangenheit hinter her rennen. In der Verklärtheit der Erinnerung, erscheint dem alten Menschen alles besser. Dafür gibt es sicherlich abertausende, auch wissenschaftlich belegte Gründe, warum dies, uns bejahrteren Wesen so erscheint.

Jedoch, wirst Du sicherlich nie zu diesen besagten Wesen zählen. Du bist viel zu weise und erfahren. Deine Kritik wird nie wie unzufriedene Meckerei klingen. Aus ihr wird ganz einfach das umfassende Wissen Deiner unzähligen Bekanntschaften sprechen. Egal, ob es nun die Menschen sind, die Du in der Vergangenheit kennen gelernt hast, oder Speis und Trank. Es ist einfach die Quintessenz aus gekosteten Leben.

steppenhund - 3. Jan, 01:14

An den Fan-Club:)

Ich war nicht fishing for compliments.
Vielleicht hätte ich in der Titelzeile noch ein ;) hinzusetzen sollen.
Ich halte es ja eher für positiv, dass ich nicht mehr auf Teufel-komm-raus unbedingt etwas unternehmen muss. Ich beobachte mich selbst dabei und muss schmunzeln.
Also so weit bin ich noch wirklich nicht! Und ich bedanke mich bei sandhexe und punctum für ihre Einschätzung.
Bluesannes Einschätzung ist widerum sehr schmeichelhaft, vielleicht zu schmeichelhaft, doch in einem hat sie recht. Ich erinnere Genuss und werde hoffentlich noch lange Gelegenheit haben, mich daran zu erfreuen.

virtualmono - 3. Jan, 01:24

Du bist nicht alt, sondern weise. Ich beobachte das übrigens bei mir selbst auch, daß der Drang "nach draußen" merklich nachgelassen hat - wahrscheinlich auch einfach deshalb, weil man sich früher (weia, wie das klingt) schon genug ausgetobt hat und zuhause immer mehr als genug Beschäftigung wartet...

P.S.: Vielen Dank für die Mail - ausführliche Antwort folgt am Wochenende
steppenhund - 3. Jan, 02:22

O.T. weißt Du schon wegen des 14. Bescheid?
Möglicherweise muss man die Karten rechtzeitig besorgen.
david ramirer - 3. Jan, 01:16

ich bin älter.

wirklich.

vielleicht nicht an jahren, aber nach der beweglichkeit gemessen mit sicherheit...

steppenhund - 3. Jan, 02:21

Dann müssen wir uns zusammentun. Mit dem Durchschnittsalter schaffen wir es dann schon:)
twoblogs - 4. Jan, 18:02

Manchmal hilft es, alt zu sein:)

Ich mag eigentlich nur die Aelteren (Maenner)
und manchmal auch die Juengeren (Frauen).
Frauen sind in jedem Fall suesser als Maenner.
Die Aelteren (Maenner) haben den Vorteil dieser gewissen Distanz
(nicht nur zu sich selbst), die ich als zumindest erotisch
empfinde, egal, welches Objekt gerade im Mittelpunkt
des Interesses steht. Die bricht aber dann auch wieder zusammen,
und das ist der Augenblick der Wahrheit: kein Gejammer, nur dieser
wissende Blick, der Einverstaendnis zeigt und Verstaendnis.
Das bringt kein Juengerer. Die haben meist keinen Tau
von irgendetwas, nicht einmal einen Schimmer! Die reden
und glauben, sie haetten etwas zu sagen. Bei den Aelteren
sitzt jedes Wort, auch wenn es weh tut.

Bonne chance! Audrii

steppenhund - 4. Jan, 19:18

So schaut der "ältere Herr" aus:)



an einem sehr guten Tag:)
twoblogs - 5. Jan, 01:45

Keine Ueberraschung! Ich hab ja schon
Ihr Zipfelmuetzenfoto gesehen. Das links
schaut nach einem etwas juengeren Aermel aus!
À bientôt! Audrii
steppenhund - 5. Jan, 02:57

Der gehört zum eben gewordenen Schwiegersohn:) Das Bild wurde vor 4 Monaten aufgenommen.

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