[>>]

Alles ganz einfach

Im Fernsehen läuft gerade "A beautiful mind", die Geschichte über John Forbes Nash Jr.
-
Im Film wird sein Durchbruch sehr hübsch am Beispiel einer Blondine erläutert, auf die sich alle stürzen möchten, wodurch sie keiner erhält. Im Film zählt er das Kooperationsprinzip zu einer Erweiterung der Theorien von Adam Smith. Was sich aber auch daraus ableiten lässt, ist der Umstand, dass reine Optimierung für das Individuum schlechter ist als die Suche nach einer Optimierung für das Individuum und die Gruppe.
-
Das alles lässt sich anhand von Spieltheorien, Gefangenendilemma und Suboptimierung selbst für Laien verständlich darstellen.
Es bedeutet aber auch, dass die heutigen Schwierigkeiten in der Finanzwirtschaft gar nicht notwendig wären, wenn man ein bisschen mehr auf das achten würde, was der Mensch an sich eh schon weiß. Wofür er schon Nobelpreise vergeben hat. Was schon eine ganze Reihe von gescheiten Menschen als richtig akzeptiert hat.
Wir können aber auch glauben, dass alles, was wissenschaftlich bekannt und erwiesen ist, für alle anderen gilt - nur nicht für mich. Ich bin die Ausnahme - ich darf das Beste nur für mich allein wollen.
Das ist die Denkweise, wenn ich die Mathematik konterkarieren möchte. Und ist es nicht seltsam?
Für die angesprochene Erkenntnis bekommt jemand den Nobelpreis, obwohl es gar keinen Nobelpreis für Mathematik gibt. Es scheint sich um eine wichtige Erkenntnis zu handeln. Aus dem Grundlagenbereich, - der Nobelpreis in den Wissenschaften wird nur für Grundlagenforschung verliehen.
Aber das interessiert uns nicht. Das ist Mathematik. Die braucht man nicht. Auch nicht das, was ich davon ableiten kann.
Und plötzlich rächt sich die Mathematik, obwohl sie eigentlich nicht rachsüchtig ist.
Sie rächt sich einfach deswegen, weil sie recht hat.

Nachtrag:
Im Übrigen ist die Erkenntnis nicht einmal ganz neu. Schon vor 2000 Jahren hat das jemand auf etwas andere Weise formuliert. Aber darüber können gläubige Menschen besser reden. Es geht da um dieses sehr aktienfremde Thema Nächstenliebe.
virtualmono - 3. Dez, 01:16

Ich glaube ich erwaehnte bereits einmal, dass auch Musik fuer mich einen direkten Bezug zur Mathematik hat - Intervalle kann man im Kopf "abzaehlen", Melodieverlaeufe auch als Ziffernfolgen verstehen, nicht umsonst spricht man ja z.B. auch bei Kadenzen z.B. von 1-6-2-5-1 etc. etc... irgendwie wurde so wohl auch seinerzeit der MIDi-Standard geboren.

Zum Nachtrag fallen mir nur wieder die 10 Gebote ein - wenn sich daran jeder (also *jeder*) hielte, dann haetten wir auf der Erde wohl auf einen Schlag einen ganzen Haufen weniger Probleme.

Alle "Turbo-Kapitalisten" muesste man 1000x an die Tafel schreiben lassen "Es gibt kein unbegrenztes Wachstum!", damit es auch der Duemmste unter ihnen verinnerlicht (obwohl es in der Mathematik natuerlich die Unendlichkeit gibt).

Chan TheJunction (Gast) - 3. Dez, 04:20

herrlicher beitrag. der blog gefällt mir, ich komm auf jedenfall wieder :)

steppenhund - 3. Dez, 07:59

Herzlich willkommen!
yonosequepasara - 3. Dez, 12:53

Einmal abgesehen davon, dass man über Tagtägliches machnmal lieber erst gar nicht nachzudenken beginnt, weil man sonst aus dem Kopfschütteln über derart viel Hirnrissigkeit nicht mehr herauskommt - Bloggen Sie öfter NEBEN dem Fernsehen? Wie darf man sich das vorstellen?

steppenhund - 3. Dez, 13:02

In diesem Fall bin ich noch einmal aufgestanden, um zum Fernseher zu gehen. Manchmal läuft der Fernseher im Hintergrund und gibt mir Anregungen. Es ist eine Unsitte, die aber interessanterweise weniger Unheil anrichtet, als hörte ich daneben Radio. Da bin ich nämlich weit konzentrierter.
Ich wollte mir den Film ja gar nicht ansehen. (Ich hatte ihn schon gesehen.) Die Stelle fiel mir halt nur so frappant auf. als ich den Film zum ersten Mal sah, hat mir die Stelle auch sehr gut gefallen und meine Folgerung war auch dieselbe. Es gab aber damals noch keine "bekannte" Finanzkrise.
Natürlich berührt mich auch das Ende des Filmes sehr, wenn langsam wieder die Studenten kommen oder die anderen Professoren ihre Füller hergeben.
Für mich ist dieser Film auch ein absoluter Anreiz, von der persönlichen Zukunft noch sehr viel zu erwarten. Egal in welcher Situation man sich befindet, kann man mehr aus sich selbst machen. Man kann die persönlichen Schwächen überkommen.
yonosequepasara - 3. Dez, 13:06

"Man kann die persönlichen Schwächen überkommen"
Das nehm ich mir mit Ihrer Erlaubnis für heute mit...
:-)
steppenhund - 3. Dez, 14:02

Ich erlaube, ich erlaube.
Aber eigentlich war meine Ausdrucksweise schwach!
Überkommen ist der falsche Ausdruck. Ich denke, dass man die persönlichen Schwächen so beherrschen muss, dass sie nicht zu Lasten der Umwelt gehen. Man wird sie vermutlich nicht los, aber - um in der Fachsprache der Informatik zu bleiben - man baut um sie Work-arounds.
-
Nichtsdestoweniger erlaube ich:)
yonosequepasara - 3. Dez, 14:09

...nicht anders hätte ich es verstanden. Work-around ist gut - Hauptsache, es funktioniert!

working around,
Yono
schildnoeck (Gast) - 3. Dez, 20:51

Wenn doch alles so einfach wäre

Ja du hast schon recht. Aber man sieht ja täglich, dass man sich weder die ganze Zeit von Rationalität leiten lassen will noch kann. Das soll jetzt nicht als Rechtfertigung dastehen, doch es zeigt, dass es eben mit der Einfachheit etwas schwerer ist...

diefrogg - 4. Dez, 12:19

Danke für den Hinweis,

Herr Steppenhund. Ich hatte den Eintrag noch gar nicht gesehen, aber er erneuert mein Interesse an Nash. Ehrlich gesagt: Ich habe zwar mit grossem Interesse den Film "A beautiful mind" gesehen und eine Nash-Biografie gelesen. Erinnerlich ist mir aber eher Nash's Schizophrenie (ein Thema, das mich persönlich etwas angeht) als seine Mathematik (ein gesteigertes Interesse an wirtschaftlichen Fragen habe ich noch nicht lange. Eigentlich erst seit der aktuellen Wirtschaftskrise. Die interessiert mich, weil so einen apokalyptischen Zug hat.

steppenhund - 4. Dez, 14:12

Ganz wesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass die mathematische Theorie einen ganz starken Bezug zu einer positiven Lebenseinstellung, man kann auch fast sagen, zur Ethik hat.
Es gibt kaum ein anderes Beispiel im mathematischen Bereich, was so stark den Nutzen von Zusammenarbeit und den wissenschaftlichen Nachweis des Vorteils christlicher Nächstenliebe unter Beweis stellt.
Man könnte auch sagen, es kann die Grundlage einer areligiösen Ethik bilden. Und das wäre nicht das Schlechteste, was man verwenden könnte.
yonosequepasara - 4. Dez, 14:42

Das wäre was handfestes, nicht mehr ein Herumeiern, um ja jeden Dochnochbezug auf Religion im weitesten Sinne.
Diese These gefällt mir.
Im Übrigen bin ich auf den ersten 40 Seiten von Cryptonomicon mit mehr mathematischen Theoremen/Ansätzen/Überlegungen konfrontiert worden als in der gesamten Oberstufe - schade eigentlich. Das hätte wirklich Spaß gemacht.
die frogg (Gast) - 5. Dez, 23:58

Was beweist,

dass auch nicht sehr nette Menschen eine Religion stiften können... theoretisch. Denn ein sehr netter Mensch war er ja nicht, dieser Nash.
steppenhund - 6. Dez, 02:52

Das versteh ich nun überhaupt nicht. Ob Nash nett oder nicht nett war, geht für mich aus dem, was ich kenne nicht heraus.
Religion hat er auch keine gegründet. Ganz im Gegenteil. Mein Eintrag bezug sich auf das Christentum, und speziell auf die Frühchristen. Die haben mit Nash nun überhaupt nichts zu tun, wenn man davon absieht, dass sie auch so gelebt haben, das sie das Interesse des Mitmenschen in den Vordergrund gestellt haben.
Das hat letztlich ihr Überleben gesichert.
Jetzt würde mich aber interessieren, woher hervorgeht, dass Nash nicht nett war?
elkes_fan - 7. Feb, 19:13

Ich kenne den Film nicht. Aber die Finanzkrise ist sicherlich nicht durch das von Nash abgeleitete Operations Research
entstanden, sondern zum Teil auch dadurch, dass die Finanzwelt glaubt, mit Brownschen Bewegungen die Welt darstellen zu können. Wir sind hier in der Welt der Wahrscheinlichkeiten, besser gesagt bei Stochastischen Differentialgleichungen. Sie konnten also nur hoffen, dass der unwahrscheinliche Zustand des Kollaps niemals eintritt. Tja, ist halt doch so gekommen. Die Gier tat ihr übriges dazu und die allgemeine Marktgläubigkeit.

steppenhund - 7. Feb, 20:53

Ich habe nicht behauptet, dass die Finanzkrise wegen Nash eingetreten ist, sondern das Gegenteil: wenn man Nash verstanden hätte, wären bestimmte Mechanismen nicht möglich gewesen.
Aber mit der Gier haben Sie recht.
elkes_fan - 8. Feb, 14:40

Sorry, steppenhund, ich wollte Sie nicht angreifen.
Was ich vielmehr darlegen wollte (und das ist mir offensichtlich in der Kürze nicht gelungen): Das gesamte Finanz-System beruht auf vereinfachenden Verallgemeinerungen, die sich die WiWis/ Banker aus der Mathematik geholt haben.
Diese werden als allgemeingültig anerkannt, obwohl es nur simple Konstrukte sind (wenn man einmal dahinterschaut). So beruht die gesamte Optionscheintheorie zum fairen Preis (Black-Scholes) im Endeffekt nur auf Brownschen-Bewegungen, die die Grundlage in den Normalverteilungen haben. Normalverteilung deshalb, da jede Verteilung gegen diese konvergiert (und da man damit gut rechnen kann ;-)).
Man läßt aber außer acht, dass die Welt nicht immer und gerade in kurzen Zeitintervallen schon gar nicht normalverteilt ist. Die WiWis nehmen oft das, was gerade pragmatisch ist und lassen so die komplexe Realität außen vor (wer möchte auch schon mit Semimartingalen rechnen?). Das Ergebnis können wir jetzt alle bewundern und zusätzlich als besonderes Schmankerl Angst um unseren Job haben.
steppenhund - 8. Feb, 15:24

Habe mich nicht angegriffen sondern nur missverstanden gefühlt:)
Sie haben sicher recht, dass die Modelle bewusst zu simpel gehalten sind. (Weil man dann auch besser rechnen kann:)
In der Presse oder im Standard war einmal ein Artikel von Buchman (glaube ich) abgedruckt, dass Wiwis wirklich eine Scheu vor Simulationen haben. Meine Freundin in London an der LSE würde das zwar nicht bestätigen, denn die sind dort überaus quantitativ unterwegs. Aber im Grunde genommen stimme ich ihrer Erklärung schon zu, die Realität scheint es zu beweisen.

Trackback URL:
http://steppenhund.twoday.net/stories/alles-ganz-einfach/modTrackback

Aktuelle Beiträge

4:31 noch einmal
Diesmal im ganz kleinen Rahmen. Um ein Uhr wollten...
steppenhund - 20. Dez, 04:43
Nun, tatsächlich...
Nun, tatsächlich waren manche der Kinder schon...
steppenhund - 19. Dez, 18:33
um 3 uhr 30 kinderfreundlich?
um 3 uhr 30 kinderfreundlich?
testsiegerin - 19. Dez, 14:39
@Sigmund, darüber...
@Sigmund, darüber sind wir uns ausnahmsweise einig.
Reich W. (Gast) - 19. Dez, 14:24
da ist kaum ein Unterschied...
da ist kaum ein Unterschied :))
PeZwo - 19. Dez, 05:35
04:31
Kann mir gar nicht vorstellen, dass diese Zeit stimmt....
steppenhund - 19. Dez, 04:36
Jetzt würde mich...
Jetzt würde mich ja schon interessieren, wer diesen...
steppenhund - 19. Dez, 04:30
O tempora o mores
Schade, dass ich Dich nicht mehr therapieren kann.
Freud S. (Gast) - 19. Dez, 00:49
Ich nix IT, ich Kienstla...
Ich nix IT, ich Kienstla !
steppenhund - 18. Dez, 13:47
Natürlich! LAP-top,...
Natürlich! LAP-top, der beste LAP, den man gerade...
steppenhund - 18. Dez, 13:47
Das heißt nicht...
Das heißt nicht unstet, sondern "Lebensabschnittspartner". .. :-)
yonosequepasara - 18. Dez, 13:44
:))) So sind sie eben,...
:))) So sind sie eben, die IT-Leute...
PeZwo - 18. Dez, 12:26

Also wer war da?

Archiv

Dezember 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 2 
 9 
10
11
15
16
17
18
23
27
29
 
 
 
 
 

Meine Kommentare

Die Anmerkung mit dem...
Die Anmerkung mit dem Klavierspiel finde ich ganz amüsant....
begleitschreiben - 19. Dez, 19:44
Nun, tatsächlich...
Nun, tatsächlich waren manche der Kinder schon...
steppenhund - 19. Dez, 18:33
Jetzt würde mich...
Jetzt würde mich ja schon interessieren, wer diesen...
steppenhund - 19. Dez, 04:30
Ich nix IT, ich Kienstla...
Ich nix IT, ich Kienstla !
steppenhund - 18. Dez, 13:47
Natürlich! LAP-top,...
Natürlich! LAP-top, der beste LAP, den man gerade...
steppenhund - 18. Dez, 13:47
Ich stimme diesem Kommentar...
Ich stimme diesem Kommentar zu.
begleitschreiben - 18. Dez, 10:14
Dazu war die Vorlage...
Und ich pflege ja auch manchmal scherzhaft zu behaupten,...
begleitschreiben - 18. Dez, 10:12
Auf so ein Spezialgebiet...
Auf so ein Spezialgebiet wage ich mich natürlich...
virtualmono - 17. Dez, 23:30

Status

Online seit 1421 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Dez, 04:43