Trauer in der Musik
Bei ConAlma wird gefragt:
Wie kommt's, dass gerade für Traurigkeitszustände aller Art Songs der Popmusik besser greifen als noch so vertraute, melancholisch-schmelzende Klänge der (sehr unzureichend so definierten) E-Musik? Mahler-Lieder, Richard Strauss, Schubert-Kammermusik - was immer mir da einfiele, nichts scheint mir geeignet, jene fundamental in die Eingeweide dringende Aufwühlung zu bebildern, zu transportieren, als (sorgsam gewählte) Popsongs. Ein alter Johnny Cash zum Beispiel, ja!
Frau Katiza gibt dazu eine sehr schlüssige Antwort, der ich mich ohne Weiteres anschließen könnte. Ein kleines Grummeln bleibt aber noch:
Ist das wirklich so? frag der Steppenhund.
Bevor ich antworte, möchte ich ein paar Gegenbeispiele anführen:
Lieder aus dem U-Bereich (die Kategorisierung stellt hier keine Wertung dar) sind darauf gerichtet, den Schmerz zu transportieren und sichtbar zu machen. Das ist ihr Hauptzweck.
Auch dort, wo das in der E-Musik auch passiert, - z.B. in den Müller-Liedern von Franz Schubert oder in der Winterreise - stellt sich (zumindest für mich) der gleiche Effekt ein.
Wo in der E-Musik aber Trauer als Inhalt von größeren Werken vorkommt, wird diese Regel in der Regel transzendiert, sie wird in Schönheit oder zumindest stilisierte Trauer, vielleicht sogar in Pathos umgewandelt. Die Komponisten der E-Musik sehen traurige Musik zum Großteil als die musikalische Variante der Tragödie an. Die Werteskala des "guten" Werkes reicht von Erhebung, moralischer Erziehung bis zur einfachen "gehobenen" Unterhaltung.
In manchen Fällen wird der hohe Traueranteil durch Brillianz und von anderen noch stärkeren Effekten überschattet, damit das Werk erst an Attraktion gewinnt. So beobachte ich das an Werken von Shostakovich, egal ob für Orchester oder für Klavier.
Und vielleicht ist das überhaupt der Hauptgrund. In der E-Musik scheint der Trost gleich mit eingebaut zu sein. Die E-Musik vermisst heute den Protestcharakter, diese Musik muss mit vielen anderen geteilt werden. Da kommt der Schmerz nicht so unmittelbar herüber.
Vielleicht ist es aber einfach eine Frage der Sprache, der Musiksprache. Die ist in der U-Musik einfacher. In der E-Musik gibt es vor allem in der neueren Zeit Werke, die man oft gehört haben muss, damit sich bestimmte Inhalte erschließen, damit man sie "versteht". Sie ist anspruchsvoller, was die Mitarbeit des Zuhörenden angeht.
So behaupte ich einmal (ohne Wertung!), dass die Möglichkeit zur Ergriffenheit auch von der Audienz abhängt. Wo liegt der Schwerpunkt im Musik Anhören?
Klassische Musik spricht immer auch den Intellekt an. Der dämpft die Empfindungen. Doch wenn man die Sprache der Musik (in dem Fall die der E-Musik) fließend spricht, glaube ich nicht, dass die Feststellung, die zu Beginn getroffen wurde stimmt.
Genauso könnte man fragen, warum manche Fotografien direkter ergreifen als z.B. die Guernica.
P.S. Ein kleiner Nachtrag zum referenzierten Gustav Mahler findet sich dort. Einfach anhören und die Texte lesen...
P.P.S. Ein weiterer Nachtrag findet sich als Real-Eintrag ...
Wie kommt's, dass gerade für Traurigkeitszustände aller Art Songs der Popmusik besser greifen als noch so vertraute, melancholisch-schmelzende Klänge der (sehr unzureichend so definierten) E-Musik? Mahler-Lieder, Richard Strauss, Schubert-Kammermusik - was immer mir da einfiele, nichts scheint mir geeignet, jene fundamental in die Eingeweide dringende Aufwühlung zu bebildern, zu transportieren, als (sorgsam gewählte) Popsongs. Ein alter Johnny Cash zum Beispiel, ja!
Frau Katiza gibt dazu eine sehr schlüssige Antwort, der ich mich ohne Weiteres anschließen könnte. Ein kleines Grummeln bleibt aber noch:
Ist das wirklich so? frag der Steppenhund.
Bevor ich antworte, möchte ich ein paar Gegenbeispiele anführen:
- (Aranjuez): Ich nehme hier absichtlich eine bearbeitete Version, die das Thema ausreichend erkenntlich belässt. Sie gefällt mir jetzt als Zitat einfach besser und vielleicht kennt sie nicht jeder. Auch in der Originalversion wird dieses Stück ausreichende Trauer transportieren können.
- Mozart Requiem - der Beginn: egal, in welcher Stimmung ich bin, könnte ich bei den ersten acht Takten der Einbegleitung sofort zu weinen beginnen.
Es gibt von Mozart einige Passagen, die in Sekunden absolute Verzweiflung oder Trauer transportieren können. Beim Requiem wird die Trauer in 2 Sekunden von 0 auf 100% hochgefahren. - Franz Schmidt: Buch mit sieben Siegeln, 4. Siegel (leider ohne Beispiel): es handelt sich im 4. Siegel um den Hunger nach dem Krieg, es gibt einen Dialog zwischen einer verzweifelten Mutter und einer flehender Tochter. Selbst wenn ich im Konzert sitze, schaffe ich es nur sehr schwer, die Rührung zu unterdrücken.
- Beispiel für die Wirkung auf andere Menschen: Meine Mutter konnte die 4. Symphonie von Franz Schmidt nicht hören, ohne in Tränen auszubrechen. Nun ist diese Symphonie auch ein Trauergesang auf den frühzeitigen Tod seiner geliebten Tochter.
- Leonard Cohen
- Nick Drake und noch viele andere
- Nick Cave & The Bad Seeds
- Richard Harris
- Mc Arthur's Park (in the original version)
- Eine gewisse Sonderrolle nimmt folgendes Werk ein:
John Miles Es ist eigentlich nicht traurig, doch für mich vermittelt es den Eindruck, dass vielleicht alles andere den Bach hinuntergegangen ist, nur die Musik bleibt. Das ist eine sehr persönliche Interpretation, die weder stimmen noch von anderen geteilt werden muss.
- Naja, beim Anhören komme ich jetzt auf noch ein besonderes Stück zurück, das hier nur als pars pro toto zitiert wird.
Lieder aus dem U-Bereich (die Kategorisierung stellt hier keine Wertung dar) sind darauf gerichtet, den Schmerz zu transportieren und sichtbar zu machen. Das ist ihr Hauptzweck.
Auch dort, wo das in der E-Musik auch passiert, - z.B. in den Müller-Liedern von Franz Schubert oder in der Winterreise - stellt sich (zumindest für mich) der gleiche Effekt ein.
Wo in der E-Musik aber Trauer als Inhalt von größeren Werken vorkommt, wird diese Regel in der Regel transzendiert, sie wird in Schönheit oder zumindest stilisierte Trauer, vielleicht sogar in Pathos umgewandelt. Die Komponisten der E-Musik sehen traurige Musik zum Großteil als die musikalische Variante der Tragödie an. Die Werteskala des "guten" Werkes reicht von Erhebung, moralischer Erziehung bis zur einfachen "gehobenen" Unterhaltung.
In manchen Fällen wird der hohe Traueranteil durch Brillianz und von anderen noch stärkeren Effekten überschattet, damit das Werk erst an Attraktion gewinnt. So beobachte ich das an Werken von Shostakovich, egal ob für Orchester oder für Klavier.
Und vielleicht ist das überhaupt der Hauptgrund. In der E-Musik scheint der Trost gleich mit eingebaut zu sein. Die E-Musik vermisst heute den Protestcharakter, diese Musik muss mit vielen anderen geteilt werden. Da kommt der Schmerz nicht so unmittelbar herüber.
Vielleicht ist es aber einfach eine Frage der Sprache, der Musiksprache. Die ist in der U-Musik einfacher. In der E-Musik gibt es vor allem in der neueren Zeit Werke, die man oft gehört haben muss, damit sich bestimmte Inhalte erschließen, damit man sie "versteht". Sie ist anspruchsvoller, was die Mitarbeit des Zuhörenden angeht.
So behaupte ich einmal (ohne Wertung!), dass die Möglichkeit zur Ergriffenheit auch von der Audienz abhängt. Wo liegt der Schwerpunkt im Musik Anhören?
Klassische Musik spricht immer auch den Intellekt an. Der dämpft die Empfindungen. Doch wenn man die Sprache der Musik (in dem Fall die der E-Musik) fließend spricht, glaube ich nicht, dass die Feststellung, die zu Beginn getroffen wurde stimmt.
Genauso könnte man fragen, warum manche Fotografien direkter ergreifen als z.B. die Guernica.
P.S. Ein kleiner Nachtrag zum referenzierten Gustav Mahler findet sich dort. Einfach anhören und die Texte lesen...
P.P.S. Ein weiterer Nachtrag findet sich als Real-Eintrag ...
steppenhund - 3. Sep, 19:06


