Der 2. Juli - Teil 4 - DDR, Natürlichkeit
Fortsetzung von Teil 3.
Mein Videoprogramm besteht aus den Platzanweiserinnen am Eingang des Kellers unten. Die zwei stehen schwarz gekleidet am Eingang und versperren einmal den Zugang. Sie tun das nicht so wie in den alten DDR-Zeiten, wo es extrem schwierig war, vorbei zu kommen. Sie plaudern nur, teilweise auch zu dritt mit "meiner" Kellnerin. Wenn immer Gäste kommen, gehen sie wie Schiebetüren oder die Schleusen in Raumschiff Enterprise zur Seite. Die beiden sind für mich eine Augenweide. Die linke, groß, elegant, glatte Haare nach hinten zusammengefasst, könnte einem Film entsprungen sein. Die rechte, die ich aus der Entfernung für älter halte, als ich später aus der Nähe erkennen kann, besitzt eine derart liebenswerte Mimik, vor allem beim Lachen, dass ich meinen Blick nicht von ihr lösen kann. Bei jedem neuen Gast wiederholt sich das Schiebetürenspiel von neuem. Sie bewachen den Hades und erinnern mich an die Zeit vor zwanzig Jahren, als ich dieses Spiel unzählige Male in der DDR-Zeit oder in Russland beobachten durfte. Bei den männlichen Wächtern ging die Bestechung mit ein paar Dollar oder Zigaretten einfacher, bei Frauen tat ich persönlich mich sehr schwer.
Während ich noch die Wächterinnen bewundere und mich an den Goethe-Zitaten erfreue, sehe ich den Vizeweltmeister mit seiner Frau den Keller verlassen. Ich will ihm noch nachrufen, scheue mich aber seinen Namen zu gebrauchen, den ich ja mittlerweile aus der Zeitung kenne. Irgendwie erwarte ich, ihn später bei der Lesung zu sehen, was allerdings nicht der Fall sein wird.
Es geht sich sogar ein zweites Urkrostitzer aus, bevor ich mich wieder auf den Weg in die Buchhandlung mache. Ich setze mich in die erste Reihe und betrachte den Vortragenden. Ein sehr seriöser Typ in hellgrauem Anzug, wirkt wie 60, sehr gepflegt. Er testet die Audio-Anlage. Alles funktioniert. Die Sitzreihen füllen sich, der Vizeweltmeister ist allerdings nicht dabei. Er muss ja auch nicht mehr in bezug auf Mathematik überzeugt hat. Der Vortrag ist nicht schlecht. Er lässt nichts aus, was man in 45 Minuten unterbringen kann. Seine musikalischen Beispiele sind allerdings mager und dass er Escher und Bach besprechen kann, ohne Gödel zu erwähnen halte ich für einen schlechten Vorboten. Später bekennt er sich dann zum Platonismus. Unheimlich oft verwendet er natürliche Zahlen und ihre Wichtigkeit für die Pythagoräer. Es ermutigt mich, die Frage nach der Natürlichkeit der Zahl 0 zu stellen. Seine Antwort kommt so aalglatt daher, dass er bei mir ziemlich spontan unten durch ist. Es geht nur um Konventionalismus, ob die natürlichen Zahlen 0 einschließen oder nicht. Die Frage nach der Semantik verweigert er. Bei mir löst das eine Spannung.
Ich werde nicht weiter Don Quichotte spielen und mit den Windmühlenflügeln einer vertrottelten Normenausschuss-Senilität kämpfen. Und was ist schon natürlich? Homosexualität ist viel natürlicher als Heterosexualität. Heißt es nicht, gleich und gleich gesellt sich gerne? Sind wir nicht alle Kinder von abartigen, unnatürlichen Eltern? Auf der Basis, das 0 eine natürliche Zahl ist, kann ich das unmittelbar ableiten.
Die Lacher hatte ich allerdings auf meiner Seite, als ich anführte, dass die Deutschen nur an dritter Stelle der EM gelandet waren. Den nullten Sieger an erster Stelle kenne ich zwar nicht, als zweite gab es dann die Spanier und die Deutschen waren dritte. Das haben auch die Zuhörer verstanden. Als ich mich nachher mit ihm noch über die chromatische Stimmung unterhielt, verrechnete er sich noch einmal mit all der Autorität des Allgewaltigen. Das war mir im Prinzip schon egal. Getestet und für zu leicht befunden. Platonist von eigener Einstufung, Utilitarist von meiner Einschätzung, ein Typ, wie er oft in alten Columbo-Filmen dargestellt wird. Der Chefkoch, der Wissenschaftler, berühmte Leute in der Öffentlichkeit, die sich später als die Bösewichte herausstellen. Böse ist er sicher nicht, er ist seicht.
Im Nachhinein denke ich, dass ich mir den Besuch ersparen hätte können. Aber das stimmt nicht. Ich habe etwas dazu gelernt. Und die Null ist mir fürderhin egal. Ganz im Gegenteil, ich profitiere als Software-Tester, dass so viele Fehler gemacht werden, weil manche Auflistungen mit dem Index 0 beginnen, während andere mit 1 beginnen. LeserInnen, die einmal in Visual Basic oder .net-Umgebungen programmiert haben, werden verstehen, dass es notwendig ist, immer nachzusehen, ob eine Auflistung mit 0 oder mit 1 beginnt. Das ist ja alles nur Konvention. Alles ganz natürlich.
Natürlich.
Der Abend sollte aber trotzdem noch sehr befriedigend ausklingen.
Mein Videoprogramm besteht aus den Platzanweiserinnen am Eingang des Kellers unten. Die zwei stehen schwarz gekleidet am Eingang und versperren einmal den Zugang. Sie tun das nicht so wie in den alten DDR-Zeiten, wo es extrem schwierig war, vorbei zu kommen. Sie plaudern nur, teilweise auch zu dritt mit "meiner" Kellnerin. Wenn immer Gäste kommen, gehen sie wie Schiebetüren oder die Schleusen in Raumschiff Enterprise zur Seite. Die beiden sind für mich eine Augenweide. Die linke, groß, elegant, glatte Haare nach hinten zusammengefasst, könnte einem Film entsprungen sein. Die rechte, die ich aus der Entfernung für älter halte, als ich später aus der Nähe erkennen kann, besitzt eine derart liebenswerte Mimik, vor allem beim Lachen, dass ich meinen Blick nicht von ihr lösen kann. Bei jedem neuen Gast wiederholt sich das Schiebetürenspiel von neuem. Sie bewachen den Hades und erinnern mich an die Zeit vor zwanzig Jahren, als ich dieses Spiel unzählige Male in der DDR-Zeit oder in Russland beobachten durfte. Bei den männlichen Wächtern ging die Bestechung mit ein paar Dollar oder Zigaretten einfacher, bei Frauen tat ich persönlich mich sehr schwer.
Während ich noch die Wächterinnen bewundere und mich an den Goethe-Zitaten erfreue, sehe ich den Vizeweltmeister mit seiner Frau den Keller verlassen. Ich will ihm noch nachrufen, scheue mich aber seinen Namen zu gebrauchen, den ich ja mittlerweile aus der Zeitung kenne. Irgendwie erwarte ich, ihn später bei der Lesung zu sehen, was allerdings nicht der Fall sein wird.
Es geht sich sogar ein zweites Urkrostitzer aus, bevor ich mich wieder auf den Weg in die Buchhandlung mache. Ich setze mich in die erste Reihe und betrachte den Vortragenden. Ein sehr seriöser Typ in hellgrauem Anzug, wirkt wie 60, sehr gepflegt. Er testet die Audio-Anlage. Alles funktioniert. Die Sitzreihen füllen sich, der Vizeweltmeister ist allerdings nicht dabei. Er muss ja auch nicht mehr in bezug auf Mathematik überzeugt hat. Der Vortrag ist nicht schlecht. Er lässt nichts aus, was man in 45 Minuten unterbringen kann. Seine musikalischen Beispiele sind allerdings mager und dass er Escher und Bach besprechen kann, ohne Gödel zu erwähnen halte ich für einen schlechten Vorboten. Später bekennt er sich dann zum Platonismus. Unheimlich oft verwendet er natürliche Zahlen und ihre Wichtigkeit für die Pythagoräer. Es ermutigt mich, die Frage nach der Natürlichkeit der Zahl 0 zu stellen. Seine Antwort kommt so aalglatt daher, dass er bei mir ziemlich spontan unten durch ist. Es geht nur um Konventionalismus, ob die natürlichen Zahlen 0 einschließen oder nicht. Die Frage nach der Semantik verweigert er. Bei mir löst das eine Spannung.
Ich werde nicht weiter Don Quichotte spielen und mit den Windmühlenflügeln einer vertrottelten Normenausschuss-Senilität kämpfen. Und was ist schon natürlich? Homosexualität ist viel natürlicher als Heterosexualität. Heißt es nicht, gleich und gleich gesellt sich gerne? Sind wir nicht alle Kinder von abartigen, unnatürlichen Eltern? Auf der Basis, das 0 eine natürliche Zahl ist, kann ich das unmittelbar ableiten.
Die Lacher hatte ich allerdings auf meiner Seite, als ich anführte, dass die Deutschen nur an dritter Stelle der EM gelandet waren. Den nullten Sieger an erster Stelle kenne ich zwar nicht, als zweite gab es dann die Spanier und die Deutschen waren dritte. Das haben auch die Zuhörer verstanden. Als ich mich nachher mit ihm noch über die chromatische Stimmung unterhielt, verrechnete er sich noch einmal mit all der Autorität des Allgewaltigen. Das war mir im Prinzip schon egal. Getestet und für zu leicht befunden. Platonist von eigener Einstufung, Utilitarist von meiner Einschätzung, ein Typ, wie er oft in alten Columbo-Filmen dargestellt wird. Der Chefkoch, der Wissenschaftler, berühmte Leute in der Öffentlichkeit, die sich später als die Bösewichte herausstellen. Böse ist er sicher nicht, er ist seicht.
Im Nachhinein denke ich, dass ich mir den Besuch ersparen hätte können. Aber das stimmt nicht. Ich habe etwas dazu gelernt. Und die Null ist mir fürderhin egal. Ganz im Gegenteil, ich profitiere als Software-Tester, dass so viele Fehler gemacht werden, weil manche Auflistungen mit dem Index 0 beginnen, während andere mit 1 beginnen. LeserInnen, die einmal in Visual Basic oder .net-Umgebungen programmiert haben, werden verstehen, dass es notwendig ist, immer nachzusehen, ob eine Auflistung mit 0 oder mit 1 beginnt. Das ist ja alles nur Konvention. Alles ganz natürlich.
Natürlich.
Der Abend sollte aber trotzdem noch sehr befriedigend ausklingen.
steppenhund - 14. Jul, 00:05


