Achtung! Nur für Leser! - Teil 1

Es wird Leute geben, die bei diesem Beitrag meinen werden: nimmt sich der wichtig!
Ich sollte ihnen recht geben, denn nichts der hier beschriebenen Details ist wirklich so weltbewegend, dass es einen Blog-Eintrag rechtfertigen würde. Oder umgekehrt, vielleicht ist
jedes Detail so wichtig, dass man ihm in Wirklichkeit ganze Bücher widmen sollte, die ich widerum nicht schreiben kann, weil das viel zu viel Arbeit bedeutet.
Der folgende Beitrag ist das Kondensat eines verlebten Tages im Leben des Steppenhunds, eines Tages ohne besondere Planung, ohne besondere Vorkommnisse, denn die meisten der erlebten Vorfälle bedeuten anderen Menschen nicht so viel wie mir. Oder sie bedeuten so viel, aber sie behalten ihre Stellungnahme dazu für sich. Es sind teilweise private Gedanken. Doch will ich niemanden bekehren.
Ich will Nachvollziehbarkeit erreichen. Dokumentation, von Dingen, die man getan hat, scheint eine Unmöglichkeit zu sein, will mir scheinen. Man lernt es in der Schule, dort heisst es Nacherzählung. Manche Kinder können es besser als andere. Ein Schulkollege von mir, der sich im Alter von 50 Jahren das Leben genommen hat, schrieb of 10 Seiten zu dem Thema. In einer Stunde - er schrieb sich rasend das Erlebte vom Leib. Als Kind fand ich das nicht so besonders aufsehenserregend. Heute könnte ich mich mit ihm vermutlich sehr gut verständigen.
Vielleicht schreibe ich dies auch für meine Kinder, weil ich mit ihnen nicht so viel zum Reden komme, wie es mein Vater mit mir tat. Außerdem muss ich mittlerweile sowieso glauben, dass ich zu viel rede. Ich weiss nur, dass man diesen Vorwurf auch meinem Vater gemacht hat - und heute würde ich es sehr sehr schätzen, wenn er nur weiter reden könnte.


Der 2. Juli 2008 war ein unspektakulärer Tag. Die Randdaten waren Urlaub, Vorlesungstätigkeit, keine weiteren Termine. Allerdings liegt schon in dieser Beschreibung eine Merkwürdigkeit. In der Vorlesungstätigkeit liegt ein ganzer Arbeitstag, wieso schreibe ich dann von Urlaub? Nur ganz kurz am Rande, ich lese diese Blockvorlesung als Folge meines letzten Jobs. Da ich in meiner derzeitigen Firma etwas anderes mache, gilt die Vorlesung als privates Vergnügen, für das ich mir Urlaubstage abzwacke. Tatsächlich habe ich auch das Gefühl, dass ich mich trotz der durchaus vorhandenen Anstrengung dabei erhole. Es ist einfach Abwechslung, auch wenn sie sich im gleichen Berufsumfeld abspielt. Schließlich machen andere Personen harte Gartenarbeit, um sich zu entspannen. Es ist die Begeisterung für die Tätigkeit, welche den Urlaubscharakter erzeugt.

Der 2. Juli begann mit dem Frühstück in der Villa Tillmanns, dem Gästehaus der Uni Leipzig. Schon vor 5 Jahren war ich dort untergebracht. Der familiäre Charakter des Hauses kann auch ein in der Qualität besseres Hotel einfach aus dem Rennen schlagen, - selbst wenn die Betten miserabel sind.
Beim Vorbeigehen am Büro drückt mir der Hausverwalter die Zeitung in die Hand. Ich freue mich, weil meine Angewohnheit beim Frühstück die Zeitung lesen zu wollen, registriert und besonders beachtet wird. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber daran knüpft sich bereits das nächste Ereignis. Auf der Titelseite finde ich die Weltmeisterschaft im Kopfrechnen erwähnt. Ein Spanier hat gewonnen, den zweiten Platz hat ein Bilanzbuchhalter aus Emden gemacht. In manchen Disziplinen war er der Erste. In meinem Kopf läuft die Szene des vergangenen Tages ab. Ein Pärchen verlässt gleichzeitig mit mir die Villa, um sich ein Abendessen zu suchen. Wir kommen ins Gespräch. Relativ unvermittelt platzt die Frau heraus: sie sprechen mit einem Weltmeister. Der Weltmeister, ein sehr sympathisch wirkender, sehr leiser Mensch mit einem von im Nahmen, (was ich ja dann am nächsten Tag in der Zeitung lesen kann) korrigiert milde. In einigen Disziplinen habe er gewonnen. Die beiden wollen eine Pizza, ich will aber in die Gottschedstraße, daher trennen sich unsere Wege recht bald.
Während ich noch die Zeitung lese, kommt das Pärchen zum Frühstück. Ich weise darauf hin, dass schon alles in der Zeitung steht. Ich überlege während des ganzen Frühstücks, ob ich ihn fragen soll, ob er die Teilbarkeitsregel kennt, mit der man feststellen kann, ob eine Zahl durch 7 teilbar ist. Mein Mathematikprofessor hatte die einmal erwähnt, aber gemeint, dass die Regel schwieriger zu berechnen sein, als wenn man die Division unmittelbar zu Ende rechnen würde. In einem russischen Rechenbuch fand ich die Regel einmal, vergaß sie aber mittlerweilen wieder. Und wichtig ist nicht einmal mir diese Regel. Aber angesichts dieses Vizeweltmeisters im Kopfrechnen kam die Frage wieder wie ein ungewünschtes Aufstoßen hoch. Ich habe ihn nicht gefragt. Man sollte ja auch einen Arzt nicht während des Frühstücks nach den Wehwechen befragen. Tut man dieses bei einem Rechtsanwalt, kann man vermuten, dass sofort die Verrechnungsuhr zum ticken beginnt.

Danach ging es auf die Uni. (wird fortgesetzt)

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