Das Ich des Bloggers

Es gibt unterschiedlichste Gründe, die zum Bloggen veranlassen. Wenn einem die Frage gestellt, wieso man sich soviel Zeit antut, um etwas ohne ökonomischen Nutzen zu gestalten (was in den allermeisten Fällen zutrifft), scheint es fast, dass man sich für die Begründungen genieren sollte.
Eitelkeit ist im Spiel, Exhibitionismus, vielleicht auch eine Spur Missionarstum. In einigen spielerisch angelegten Blogs, die eher einem Chat ähneln, scheint es um Humor zu gehen, doch vom Kalauern geht es schnell in Beleidigungen, wenn eine bestimmte Gruppe von außen angesprochen wird.
Wenn man der ursprünglichen Erklärung des Tagebuch-Führens folgt, so kommt eine Inversion ins Spiel. Das Tagebuch wurde bisher als das Geheimste geführt, in das niemand sonst Einblick erhielt. Jetzt wird es das Öffentlichste, welches sich nun tatsächlich ähnlich geheim gestaltet, in dem es in der Menge anonymisiert wird.
In den satirischen Erzählungen, welche in "per Anhalter durch die Galaxis" aneinandergereiht werden, wird eine besonders schlimme Strafe dargestellt. Ich meine hier nicht Vogonen-Poesie sondern ein Gerät, in das man eingeschlossen wird und nach einer Viertelstunde verrückt heraus kommt. Im Gerät kann man die Unermeßlichkeit des Universums und seine eigene Bedeutungslosigkeit zugleich sehen. Nur ein einziger kann dieser Strafe widerstehen, weil er so von seiner Wichtigkeit im Universum überzeugt ist, dass er damit sogar das Gerät ad absurdum führt.
Durch die Veröffentlichung seines Tagebuches gelingt dem Blogger oder der Bloggerin ein ähnlicher Trick. In seinem Tagebuch ist er die Hauptperson, seine Einträge spannen sein eigenes Universum auf. Ungleich der schriftlichen, privaten Form bietet die öffentliche Form nun Interaktion an. Andere verkehren mit dem aufgespannten Universum.
Im Gegensatz zur physikalischen Multiversen-Theorie, wo die Universen sich gegenseitig nicht beeinflussen, - so glaubt man zumindest - spielen sich in den Multiblogversien fremde Einflüsse ab. Gespräche, Bilder, Musik, Filme und reale Treffen geben dem eigenen Universum Bedeutung und Wichtigkeit, wobei es so etwas wie eine soziale Gerechtigkeit zu geben scheint. Jeder fängt bei Null an, lernt langsam, sich zu bewegen und mit dem anderen umzugehen, wird schließlich ebenso aufgrund bestimmter sozialer Fähigkeiten beurteilt.
Eine Reihe von Vorurteilen fallen flach, dafür fallen andere an.
Für oder gegen das Bloggen lässt sich genauso viel anbringen wie für oder gegen das Lesen.
Flucht für den einen mag Bereicherung für den anderen sein.
Doch im eigenen Blog kann man nie mehr unwichtig werden, denn darin ist man die wichtigste Person.
Aurisa - 2. Mai, 19:10

Wer von euch da aber ohne Eitelkeit sei, der werfe den ersten Stein... äh Kommentar ;)... und nein ich mein nicht mich *g* ;)...
Ich habe nie geleugnet, daß mir die Aufmerksamkeit, die ich beim Bloggen bekomme nicht ganz unwichtig ist... weil sie mir gut tut... weil jeder Mensch Aufmerksamkeit braucht... und weil es mir in meinem realen Leben daran viele viele Jahre mangelte... und DAS tut niemand gut, wenn er ganz einsam und alleine vor sich hin lebt...
Daher sehe ich das alles nicht so negativ... Solange man nicht nur für das Bloggen und die Aufmerksamkeit dort lebt, sondern auch noch ein reales Leben hat...
Viele Grüße
Aurisa

steppenhund - 2. Mai, 19:44

Danke für diesen realistischen Kommentar. Ich hoffe, dass mein Kommentar nicht "so negativ" verstanden wird. So war er nämlich nicht gemeint.
Gerade das "unter gleichen Voraussetzungen"-Starten finde ich ein wesentliches Element. Es ist jedem freigestellt, wie viel er oder sie von sich preis gibt.
Liebe Grüße zurück, H.
walküre - 2. Mai, 20:39

In meinem allerersten Eintrag

habe ich geschrieben:
"habe auch ich mich jetzt entschlossen, mein eigenes webtagebuch zu führen -
und so stehe ich hier auf meiner kleinen parzelle und überlege, was ich wohl in den nächsten wochen und monaten darauf bauen werde ... spannend eigentlich, da neuland, und gerade deshalb auch ein kleines abenteuer, eine neue dimension, die sich gut anfühlt."

Sie fühlt sich noch immer gut an, diese Dimension, und der Bau auf der Parzelle verändert sich immer wieder, sowohl von den Themen als auch von den Kommentatoren her. So mancher notorische Gschaftlhuber hat sich selbst ins Out manövriert, und zwar nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen und hat irgendwann das Bloggen aufgegeben, bemerkt habend, dass manche Verhaltensweisen im Internet zu genau denselben Konsequenzen führen wie bei persönlichen Begegnungen, so mancher Möchtegern-Casanova ist fürchterlich auf die Schnauze gefallen, weil auch im Internet niemand auf Dauer seine Persönlichkeit verbergen kann. Einige wertvolle Begegnungen haben sich ergeben, aus manchen wurde Freundschaft, aus einer sogar (m)eine Ehe, und mindestens eine Psychotherapie hat mir das Bloggen auch erspart, weil ich hier Menschen gefunden habe, die tatsächlich Ähnliches erlebt haben wie ich, was wiederum meine Selbstwahrnehmung positiv beinflusst hat.

Den Vergleich mit dem Lesen erachte ich für treffend, und ansonsten halte ich es mit der freien Marktwirtschaft und denke angesichts der Zugriffsstatistiken, dass meine Zeilen von etlichen Menschen gerne gelesen werden. Ich sage: Ad multos annos !

steppenhund - 2. Mai, 20:47

So mancher notorische Gschaftlhuber hat sich selbst ins Out manövriert, und zwar nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen und hat irgendwann das Bloggen aufgegeben, bemerkt habend, dass manche Verhaltensweisen im Internet zu genau denselben Konsequenzen führen wie bei persönlichen Begegnungen, so mancher Möchtegern-Casanova ist fürchterlich auf die Schnauze gefallen, weil auch im Internet niemand auf Dauer seine Persönlichkeit verbergen kann. Einige wertvolle Begegnungen haben sich ergeben, aus manchen wurde Freundschaft, aus einer sogar (m)eine Ehe, und mindestens eine Psychotherapie hat mir das Bloggen auch erspart, weil ich hier Menschen gefunden habe, die tatsächlich Ähnliches erlebt haben wie ich, was wiederum meine Selbstwahrnehmung positiv beinflusst hat.
Das alles kann Bloggen bewirken. Obwohl ich das mit deiner Ehe wusste, habe ich den Namen nicht preisgegeben, als ich kürzlich einmal gefragt habe, wer denn das ist, der eine zufriedenstellende Beziehung über das Internet, speziell über das Bloggen, gefunden hat. Wenn diejenige hier liest, kann sie sich jetzt die Antwort selbst heraus lesen:)
Ich denke auch: wenn man Einjahresfrist oder Zweijahresfrist überstanden hat - und noch immer gelesen wird, kann ich nicht ganz so falsch liegen.
walküre - 2. Mai, 20:56

Ich bin aber

keineswegs die Einzige, die via Bloggen eine Partnerschaft gefunden hat - ich weiß noch von ein paar anderen Blogger/inne/n, denen es ähnlich ergangen ist.
Ich denke, ein wesentliches Kriterium ist Ehrlichkeit, und damit meine ich kein Outing bis ins Detail, sondern, dass man sich selber treu bleibt. Dann klappts auch mit dem Bloggen. :-)
steppenhund - 2. Mai, 20:58

Du bist die Einzige, von der ich es weiß:)
walküre - 2. Mai, 21:17

Kleinbloggersdorf

ist eben auch nur ein Kaff wie alle anderen. :-)))
steppenhund - 2. Mai, 21:58

twoday ist eigentlich das Dorf. Wenige Schreiber. Aber manche davon recht vergnüglich und lesenswert. Es ist also sehr wohl eine Dorfatmosphäre mit Schwerpunkten Wien und Berlin und ein bisschen Schweiz und Rheingegend. Denn wo finden die Bloggertreffen statt?
walhalladada - 2. Mai, 20:56

Nach dem 'Fall Josef' jetzt also der 'freie Fall' des Bloggens...Ich kann in einer ersten, spontanen Reaktion nur von mir sprechen :
Ich ist in meinem Fall ein Anderer, das macht die Sache etwas komplexer :)

steppenhund - 2. Mai, 20:59

Die Diskretion gebietet mir nun zu sagen, dass ich weder bestätigen noch verneinen kann.
walhalladada - 2. Mai, 22:02

An 'Diskretion' habe ich noch nicht einmal gedacht...
Es gibt in der Psychoanalyse ja den Unterschied zwischen 'IDEAL-ICH' und 'ICH-IDEAL', die Lacan mit dem Namen und Nachnamen in Verbindung bringt.
Der Name, sagen wir Josef, entspräche dem 'IDEAL-ICH', während der Nachname (der 'Name des Vaters') dem 'ICH-IDEAL' entspräche. Mich interessiert weder ersterer noch zweiterer Namen, sondern die Funktion, die der 'Nickname' bei der Herausbildung eines ganzheitlichen 'ICH' einnehmen kann. Ich denke, der 'Nickname' erlaubt ein freieres Floaten zwischen den an sich kontroversen Gegenspielern. Durch den 'Nickname' wird die Tatsache akzeptiert, dass das, was das 'Ich' anstrebt, sozusagen außerhalb des eigenen Körpers liegt.
Das macht den obligatorischen Widerstreit zwischen dem 'Ich will' des Vornamens und dem 'Du sollst (nicht...)' des Vaternamens irgendwie spielerisch handhabbarer...
steppenhund - 2. Mai, 22:31

Das wäre ja in meinem Fall viel leichter zu erklären. Den ursprünglichen Wunschnick Steppenwolf konnte ich nicht nehmen, weil er schon besetzt war. Da ich aber mittlerweile gar nicht mehr so hundertprozentig hinter den Aussagen des Steppenwolfes stehe, ist die Abschwächung auf den Hund wirklich die ideale Anpassung. Als wesentlich erscheint einfach die kaleidoskopartige Ansammlung von vielen Ichs, die sich ein Leben lang zusammenraufen müssen.
walhalladada - 2. Mai, 23:15

Der 'Nick' funktioniert wie ein Zerrspiegel, der die unauflösbaren gegenseitigen Anforderungen der genannten 'Ideale' zerfließen lässt...Frei nach der Devise: Wenn zwei sich streiten, freut sich das dritte, ist das Nick-Ich' einfach die beste Lösung :)
rosmarin - 2. Mai, 23:23

ich mag das-vor-sich-hin-räsonieren, so ganz in ruhe seinen gedanken, erlebnissen und ergüssen freien lauf zu lassen, ohne dass einem jemand ins wort fällt.
man kann wunderbar "ausreden", unliebsame zeitgenossen kann man straffrei löschen und keine regung verrät, wenn man gerade flunkert.

steppenhund - 2. Mai, 23:29

ich kann auch zuhören:)
walhalladada - 2. Mai, 23:34

Ich mag es einfach, das erste letzte Wort zu haben :)
steppenhund - 2. Mai, 23:42

na dann man los! :)
rosmarin - 3. Mai, 00:02

yep.... das letzt wort hab ich auch gern :-)
walhalladada - 3. Mai, 00:19

so haben wir nicht gewettet...
rosmarin - 3. Mai, 00:30

leider muß ich früh raus.
ansonsten tät ich das auch aussitzen.
aber so....
schenk ich ihnen das letzte wort
*soifzt*
walhalladada - 3. Mai, 00:32

oh, das kann ich nicht annehmen und überhaupt - nein, nein, bitte nach Ihnen :)

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