Was steppenhund aus dem Fall Josef lernt ...

Wenn ich im Kaffeehaus sitze, blättere ich die Zeitschriften durch. Ich muss ja auch schauen, ob meine Voraussagen hinsichtlich der Schlagzeilen der Kronenzeitung eingetroffen sind.
Ich finde eine minutiös ausgearbeitete Darstellung des Kellers, Verlies genannt. Ich finde ebenfalls die Berichte über die psychischen Auswirkungen des Kellers auf die Kinder, die dort geboren, nie etwas anderes gesehen haben. Der Artikel kommt mir nicht einmal sonderlich reißerisch vor.
Ganz unmittelbar werde ich von zwei Assoziationen überrannt. Zuerst - etwas verschattet und nicht so klar - erinnere ich mich an ähnliche Darstellungen des Führer-Bunkers. (Sorry, dass wieder einmal die NS-Assoziation im Raum steht.) Da ich da aber gut im Verdrängen bin, drängt sich die andere Darstellung viel greller auf.
Kann sich denn jemand noch an die Darstellung der Überlebensbunker erinnern, die sich manche Leute aus Angst vor einem Atomkrieg angelegt haben.
Das erschien während des kalten Krieges als vorausschauend. Die Tokyoter U-Bahn ist so konzipiert, dass sie Platz für einen derartigen Fall für die halbe Tokyoter-Bevölkerung hat. Hat man mir erzählt.
Wir bedauern die Opfer des Verbrechens und stellen uns vor, wie unmenschlich man sich das Hausen in einem derartigen Verlies vorstellen muss.
Und wir - in diesem Fall nicht die Bewohner eines Landes mit menscheneinsperrenden Technikern - sondern wir als Bewohner "zivilisierter" Völker gehen noch immer ganz leichtfertig mit dem Krieg um und finden Erklärungen dafür, warum er manchmal doch notwendig ist.
Wir - das gleiche wir ist gemeint - scheren uns nicht darum, dass ein plötzliches Überschwappen einer Kriegsentwicklung, die Überlebenden in genau so ein Kellerverlies scheuchen kann, wie wir es jetzt noch für unmenschlich halten.
Ein Freund, ein recht bekannter Statistikprofessor, meinte - und das noch nicht einmal zynisch: "H, die Menschheit überlebt - und wenn es nur 5000 sind, die als Bevölkerungsgruppe zurückbleiben. Der Beweis wurde schon einmal angetreten. Der nächste Weltkrieg, er kommt ziemlich sicher, wird 2 000 000 000 Opfer fordern. Man wird seine Auswirkung auf die Bevölkerungskurve sehen. Vom zweiten Weltkrieg sieht man die Opfer nicht einmal als Knick."
Tröstlich, nicht? Sie können das auf einem Millimeterpapier nachvollziehen. Tragen Sie die Weltbevölkerung über der Zeit auf. Wenn Sie das Blatt waagrecht legen, können Sie die Weltbevölkerung so skalieren, dass 15cm 6 Milliarden entsprechen. Dass bedeutet 2,5cm entspricht 1 Milliarde. 60 Millionen entsprechen dann etwas 1,5 mm. Diese gehen in der allgemeinen Steigerung der Kurve praktisch unter. die 2 Milliarden entsprechen einem plötzlichen Abfall um 5 cm. Das wird man sehen.
-
Und jetzt überlegen wir mal. Falls wir überleben sollten, dann genau in solchen Kellern, wie sie im Fall Josef beschrieben sind. Und noch immer benehmen wir uns so, als gäbe es kein Morgen.

Nachtrag:
zur Veranschaulichung des vorletzten Absatzes
popgraph
walhalladada - 29. Apr, 20:19

Mariandjosef...,

Herr Steppenhund, was ist denn in Sie gefahren, dass Ihnen der Inzestfall zu einem solchen Menetekel gerät...?
Es fehlte nur noch, dass Sie durch dieses Verbrechen die Laufbahn der Planeten durcheinander geworfen sehen ;)

wank (anonym) - 29. Apr, 21:16

Das ist doch nur der Aufhänger für die Mitteilung, daß er einen Freund hat, der ein recht bekannter Statistikprofessor ist. *g*
steppenhund - 29. Apr, 21:27

Ich sehe mich entlarvt:)
steppenhund - 29. Apr, 21:33

@walhalladada

Nein, die Laufbahn mag vielleicht beeinträchtigt sein, aber nicht in einem Ausmaß, dass wir es merken würden, soweit wir überhaupt etwas merken können.
Die akribische Darstellung hat halt einfach die Assoziation hervorgerufen. Vielleicht sollte ich mir besser Pornos reinziehen. Aber leider sitze ich noch bei der Arbeit;)
die frogg (anonym) - 29. Apr, 21:16

Tatsächlich, und ich...

sehe auch nicht ganz, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich meine die Kinder im Bunker mit dem 3. Weltkrieg... Aber eben. Ich hatte Ihnen ja einen Spaziergang im Grünen versprochen. Oder lesen Sie Karl Valentin!

mehrLicht - 29. Apr, 21:19

Und ich tät gern noch wissen, ob bei ihrem Rechenbeispiel die Chinesen den 3. Weltkrieg gewinnen oder verlieren, das hat immerhin millimetröse Auswirkungen...
steppenhund - 29. Apr, 21:28

@mehr licht

Ich glaube, darauf kommt es mir dann nicht mehr an...
steppenhund - 29. Apr, 21:31

@die frogg

Ich kann mir schwer vorstellen, dass Sie den Zusammenhang nicht sehen können. Im Falle eines atomaren Krieges besteht die einzige Überlebensmöglichkeit in unseren Sphären in Bunkern, gegen die der Keller noch eher luxuriös wirkt.
Es gibt ein Buch von einer Autorin, die mir zur Zeit nicht einfällt. Ich muss sehen, ob ich es zuhause finde. In diesem Buch täuscht ein Mann seiner Frau, die ihn betrogen hat vor, dass es einen Atomschlag gegeben hat und bringt die Frau und ihren Freund dazu, in den Bunker zu flüchten.
Im Roman wird die Wucht des Eingeschlossenseins sehr eindringlich beschrieben.
diefrogg - 29. Apr, 21:39

Doch, doch...

das habe ich schon verstanden... Aber eben entsetzten Sie sich doch noch darüber, dass viele sich an der Sache aufzugeilen scheinen. Jetzt scheinen Sie etwas ähnliches zu tun. Oder soll man es eher "sich zudüstern" nennen? Das erinnert mich ein bisschen an jene langen, opulenten Abendessen, die wir als Studenten hatten: Wir erzählten einander alles mögliche, und plötzlich kam aus jeden Erzählstrang ein Weltuntergang: aus dem Irak-Krieg soweiso. Aber auch aus der Deindustrialisierung von Emmenbrücke und der Restrukturierung der Arbeitslosenversicherung. Entschuldigung, Herr Steppenwolf, ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber sie sollten vielleicht wirklich ein gutes Buch lesen!

mehrLicht - 29. Apr, 21:56

merken Sie nicht, dass er gerade das gute Buch SCHREIBT? :)
steppenhund - 29. Apr, 22:24

@die frogg

Sie treten mir absolut nicht zu nahe. Ich kann Ihren Vorwurf schon verstehen. Das mit dem "Zudüstern" gefällt mir schon rein vom Wort her.
Es gibt hier ja einige, die mich persönlich kennen und gerade auch daher meine Diskrepanz zwischen optimistischer Lebenseinstellung und skeptischem bzw. resignativem Kritikertum im Gespräch erleben können.
In Jugendjahren war ich stark von Sartre beeinflusst. Dort findet sich so manche Ausweglosigkeit. Aber auch zB ein wunderbarer Satz in Zeit der Reife: "Man ist nicht frei von etwas, sondern frei um etwas tun zu können." Die Weltuntergangsstimmung ist nicht so negativ besetzt, nicht in meinem Beispiel. Ich denke, dass der Schreckensfall uns zeigen könnte, auf wie dünnen Eis wir stehen, welchen Gefahren wir ausgeliefert sind. So oft fehlt uns das Vorstellungsvermögen, uns etwas wirklich Schreckliches auszumalen. Wir sind da im Verdrängen sehr gut. Und das ist gut so.
Doch jetzt wird aus gegebenem Anlass minutiös aufgezeichnet. Es wird ein Szenario aufgezeichnet, in dem wir uns plötzlich wiederfinden könnten. Es sollte vorstellbar geworden sein. Und vielleicht bewirkt das im Kleinen ein Umdenken oder eine kleine Kursverbesserung.
Wenn ich einmal in einem Fair-Trade-Laden kaufe, verändere ich noch nichts. Aber allein dadurch, dass ich es tue, finde ich mich als Teil einer Masse, die es auch tut. Irgendwann ist eine kritische Masse erreicht, ab der eine wirtschaftliche Signifikanz gegeben ist.
Manchmal reicht es auch, wenn wir uns die Dinge vorstellen, um sie nicht eintreten zu lassen.
Liebe die frogg, ich lese andauernd gute Bücher, manchmal auch schlechte. Die vorliegenden Gedanken entstehen zwischen dem Lesen oder so wie jetzt zwischen dem Arbeiten.
steppenhund - 29. Apr, 22:25

@mehr licht

Du hast aber gut aufgepasst!
Momentan bastle ich gerade an der Struktur, damit die Grundgedanken schon aufgrund des Inhaltsverzeichnis klar erkennbar sind.
-
Und es gibt einen durch und durch optimistischen Grundton im Buch:)
rosmarin - 2. Mai, 01:13

vollkommen daneben und off-topic: aber ist ihnen schon aufgefallen, dass dieser kerl einen völlig harmlosen, fast netten, namen trägt?

steppenhund - 2. Mai, 07:10

Ein ganz normaler Durchschnittsösterreicher;)
la-mamma - 3. Mai, 10:46

ich weiß nicht recht,

vor zwanzig jahren hab ich ein buch mit dem leicht reißerischen titel "stehplatz für milliarden" gelesen - ganz so eng wie in den siebzigern befürchtet, ist es mittlerweile ja offensichtlich doch nicht geworden - aber: wenn ich mich "zudüstern" will, halte ich mir vor augen, dass es noch nie anders war, als dass die, die sich für weiter entwickelt hielten und deren imperien durchaus lang hielten, in ihrem hochmut am ende grundsätzlich von den anderen überrannt wurden.

walhalladada - 7. Mai, 16:56

'Josef' & seine Brüder....
2008, 'Im Verlassenen'

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