Köppnick - 29. Apr, 07:37

Objektiv nimmt die Zahl der Verbrechen seit Anbeginn der Menschheit ständig ab, im Collosseum wurde noch öffentlich gemordet. Aber die Informationsgesellschaft macht aus Daten Informationen und aus diesen Nachrichten. Und die Marktwirtschaft daraus wiederum ein Produkt, das Angebot und Nachfrage unterworfen ist. Dieser Medienauftrieb hält dem Menschen den Spiegel vor - so ist der Homo sapiens, so verhält er sich, so ist seine Natur. Jeder hat seine Rolle in diesem Spiel, der Täter, die Opfer, die Medien, die Zuschauer, und du und ich auch.

rosmarin - 29. Apr, 07:56

nun, das collosseum ist eine nette asszoziation :-)
allerdings halten mir die schlagzeilen keinen spiegel vor. ich bin so nicht. ganz einfach.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 08:20

Hm

im Collosseum wurde noch öffentlich gemordet
Ich will man ein bisschen provokativ sein: Ich glaube, diese Aussage ist falsch.

Im Collosseum wurde NICHT gemordet, weil man dies damals nicht als Mord empfand, sondern als "Belustigung" - heute sagt man "Unterhaltung". Wir empfinden dies in unserem moralischen und etischen Kontext heute als "Mord" - damals war dies keinesfalls so, weswegen ein Römer, könnte man ihn heute erwecken, mit Erstaunen auf eine solche Aussage reagieren würde.

Ich stelle mir oft die Frage, was die Menschheit über uns in tausend Jahren sagen wird (falls es dann noch so etwas wie eine Menschheit gibt) und welchen Grund zur Empörung wir bieten. Ich glaube nicht, dass es nur die Empörungen sind, über die wir heute philosophieren.
mehrLicht - 29. Apr, 09:15

@gregor: ich glaube, das fragen sich manche Tiere heute schon. Zwar guckt mein Hund kein Fernsehen, aber manchmal kommt schon der Blick "sagt mal, wie blöd müßt ihr eigentlich noch sein?!"...
Köppnick - 29. Apr, 12:07

@Gregor
Das stimmt, die Wettkämpfe im Collosseum wurden in der damaligen Zeit keinesfalls als Verbrechen betrachtet. Ich hatte nur nach einem möglichst markanten Beispiel gesucht, um zu zeigen, dass die Gewalttätigkeit in der menschlichen Gesellschaft beständig abnimmt, aber die Medien und manchmal auch die Politiker uns das Gegenteil suggerieren wollen. Der einzelne Betroffene eines Verbrechens wird das sicherlich entrüstet von sich weisen, aber die Statistik belegt es eindeutig. Gerade was die Verbrechen an Kindern betrifft (exemplarisch Kampusch und der aktuelle Fall, Pädophilie, Missbrauch in der Familie, etc.), gehen die Zahlen kontinuierlich nach unten. Nur das verkauft sich eben schlecht in den Nachrichten.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 13:26

@Köppnick

D'accord.
david ramirer - 29. Apr, 14:12

nur weil ein verbrechen, eingebettet in seine zeit, vielleicht kein verbrechen nach dem damaligen strafregister ist, bedeutet das nicht, dass es aus der distanz betrachtet nicht doch eines ist.
wenn man diese argumentation weit genug schweifen lässt, werden auch die verbrechen der nazis zu "im kontext der damaligen moralvorstellungen" notwendigen aktivitäten, die nicht einmal morde sind, weil bequemerweise die juden, behinderten und andere gruppen zu lebewesen noch unter dem wert von tieren festgenagelt wurden.

das "colloseum" stellt einen anderen aspekt für mich in den vordergrund: es ging dort darum, dem volk "brot und spiele" zu liefern, etwas, was den damaligen kaisern als wesentlicher teil zur befriedigung der völker erschien.
in der hinsicht haben wir menschen uns überhaupt nicht verändert. heute werden die opfer und die täter in das colloseum aus print-tv-radio und internet-medien gehetzt, und tausende augen wollen mit diesen geschichten befriedigt werden, sind beschäftigt, können sich daran weiden.

und es ist auch der betroffendste und mitfühlendste leser und zuschauer ein publikumsgast in dieser arena, der sich dann meist gemütlich den polster richtet und sich denkt: "wie gut geht es nicht mir, und wie gut ist es doch, dass wer anderer das arme schwein ist und nicht ich".
und diese (meist unausgesprochenen) gedanken heben das allgemeine wohlbefinden, wie schon vor 2000 jahren auch.
und die kaiser sind zufrieden.
walküre - 29. Apr, 16:08

Davids Aussage

stimme ich auf alle Fälle zu, denn Anno 2008 liefern die Medien das Opium fürs Volk.
Marktwirtschaftlich gesehen sind Tabubrüche die letzte Möglichkeit, Zeitungsauflagen, Zuschauerzahlen und Zugriffe auf Medienwebsites in lichte Höhen zu treiben.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 18:19

@david ramirer / walküre

Offensichtlich keine Diskussion ohne Nazi-Vergleiche... Die Verbrechen der Nationalsozialisten waren natürlich zu "ihrer Zeit" schon Verbrechen. Muss man wirklich die Gebetsmühlen zu positivem / überpositivem Recht / Radbruchsche Formel anwerfen?

Nach der Aufklärung kann es an bestimmten Grundbedingungen von Menschenrechten keine Zweifel mehr geben. Trotzdem ist es mir zu einfach, zurückliegende historische Begebenheiten mit heutigen Maßstäben zu bewerten.

Übrigens heute wie damals (heute mehr) hat man durchaus die Möglichkeit, sich nicht in der Arena aufzuhalten, wenn man es nicht möchte. Insofern ist es in der Hand der jeweiligen Konsumenten, die Betroffenheitsgeilheit gewisser (nicht aller) Medien Einhalt zu gebieten. Und das "die Medien Opium fürs Volk" liefern ist in dieser Pauschalisierung auch falsch.
steppenhund - 29. Apr, 18:26

Beim "Opium fürs Volk" stelle ich mich schon auf die Seite von David.
Ich kann mich noch erinnern, als ich in der Zeit des kalten Krieges für das Fernsehen plädiert habe.
Das amerikanische Fernsehen war verdummend, das russische gehirnwaschend. Beide haben aber dafür gesorgt, dass sich nicht Millionen Russen gegen Millionen Amerikaner bekriegt haben. Es gab Ersatzbefriedigung.
Als ich in 1999 das erste Mal nach über dreißig Jahren wieder in Amerika war, wurde ich - weil deutsch sprechend - angepöbelt und wäre fast in einem Kampf gelandet. Obwohl man es sich eigentlich dann doch nicht mit mir anlegt. Doch in dem Fall wurde ich von der Schwester meiner damaligen Lebensgefährtin beschützt. (Ein resolutes Weib, danke Julie!)
Aber es gibt immer einige, die meinen, dass man irgendwann mit Gewalt den anderen wegschieben kann. Das Fernsehen dünnt aber aus und hält die Leute auf ihren Sofas fest.
Insofern finde ich "Opium fürs Volk" zutreffend.
david ramirer - 29. Apr, 20:38

@keuschnig
ich habe schon etliche diskussionen ohne nazi-vergleiche geführt, manchmal aber leiste ich mir das, und mir ist völlig egal, ob das gerade "en vogue" oder "hoffnungslos out" ist...

sie brauchen keine gebetsmühle anwerfen. aber tatsache ist, dass nicht alle in den arenen der römerzeit freiwillig ihr leben gelassen haben, da gab es auch hinrichtungen vor publikum, soviel ich weiß. der edle stand der gladiatoren kämpfte vielleicht voll ehre und freiwillig, aber es waren insgesamt grausame und für die menschengeschichte keinesfalls ruhmreiche spiele. die perspektive der damaligen römer ist vergangenheit.

wie man deutlich an der auch neueren geschichte sieht, wird auch seit der aufklärung (deren effekte nur noch in restanteilen wirksam sind!) durch taten! an den menschenrechten nicht nur gezweifelt, nein: sie werden tagtäglich mit füßen getreten.
würde an ihnen nur gezweifelt, würden wir diese welt kaum mehr wiedererkennen.
menschenrechte, also allgemeingültige menschenrechte... sind eine wesentliche utopie, und als solche wertvoll.
da helfen keine formeln, seien sie auch noch so durchdacht.

selbstverständlich bewerte ich historische ereignisse mit meinen heutigen maßstäben, ja, ich gehe noch weiter: ich leiste mir den vereinfachenden luxus, jegliche ereignisse mit meinen maßstäben zu messen.

ich vermute wiederum, dass die macht der medien gerne verklärt und in ihrer bedeutung für unsere wahrnehmung unterbewertet wird. so frei sind wir nicht, wie wir glauben.

in einem sind wir uns aber einig: "einfach" ist es mit sicherheit nicht.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 21:23

Seufz

Ich leiste mir den Luxus, das unkommentiert zu lassen.
david ramirer - 29. Apr, 21:25

...und tun es doch :-)

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