Der Fall Josef

Ich werde mir keine Freunde mit diesem Eintrag schaffen. Doch ich fühle mich beeinträchtigt.
Nicht durch das Verbrechen an sich. Ich gebe zu, dass ich durch die Vorstellungen diverser Verbrechen in Bild und Ton und Film und Literatur abgebrüht bin. Es ist unglaublich, was da passiert ist. Vielleicht einzigartig auf der Welt, obwohl ich das nicht glaube. Ich muss mich an den Film "Die Frau in den Dünen" erinnern, wo ein Mann praktisch wie von einer Spinne gekidnapped wurde. (Ohne Incest, ohne eine so große Anzahl beteiligter Opfer.)
Aber jetzt laufen im Fernsehen gerade Berichte, Diskussionen und ich kann mir das nicht ansehen. Wie das bei mir ankommt? Da wird vom "genialen Verbrecher" gesprochen. "In der letzten Zeit kennt man solche Verbrechen hauptsächlich von Technikern. Die verfügen über das notwendige akribische Perfektionsstreben.
Und - man verzeihe mir - man begeilt sich am Verbrechen. Ist das nicht wunderbar? Besser als jedes Horrorkino? Da ist was Unglaubliches passiert. Das kann man sich nicht vorstellen. Und das ist real.
So heute habe ich es in den Nachrichten ein paar Mal gehört. Ich kenne den Zeitraum, das Alter der Töchter, die Anzahl der geborenen Kinder im Keller, den Todesfalls des einen Zwillings, das Leben oberhalb des Kellers. Ich brauche den restlichen Psychokram nicht. Und ich brauche nicht die scheinheilige Frage: "hätte man das nicht erkennen können? Früher? Bei den "weggelegten" Kindern?" - Antwort: man hat nicht.
Wird der Fall irgendetwas bewirken, dass ein ähnliches Verbrechen früher aufgeklärt wird. Ich bezweifle das.
Ich schmecke nur den schalen Geschmack von Quotenhascherei, von absolut scheinheilig geführten Gesprächen, deren rhetorische Fragestellungen ab und zu mit einer fast unfreiwilligen Komik beantwortet werden. "Sie haben den Betroffenen doch mehrfach getroffen." - "Nein eigentlich nur zwei Mal vor eineinhalb Jahren" mit einer Miene des Genierens, das überhaupt zugeben zu müssen.
Leute, macht euch eure Verbrechen selber, wenn ihr so geil darauf seid. Aber sprecht nicht drüber.
Der nächste wird planen, ein Opfer 36 Jahre einzusperren, damit er damit in das Buch der Rekorde kommt.
Erstmalig kann ich der EM-2008 etwas abgewinnen. Denn der Medienrummel um den Fall K wird spätestens dann abflauen.
-
Eine der nächsten Schlagzeilen wird lauten: "Noch grauenhaftere Details jetzt bekanntgeworden". Ich tippe auf Österreich oder Krone. Würde mich wundern, wenn ich falsch liege.
steppenhund - 28. Apr, 22:06

Die kleine Pointe am Rande

Auf Yahoo findet sich neben dem Artikel zum Fall eine Anzeige, die einen Presslufthammer zeigt und darunter das Ikea-Bett. "So gut haben Sie noch nie geschlafen."
Passt doch, oder?

Gregor Keuschnig - 28. Apr, 22:08

Treffend:

man begeilt sich am Verbrechen
Präziser und genauer KANN man das nicht beschreiben.

(Mein hilfloser Versuch: Man suhlt sich im Dreck - mit und ohne Erektion.)

steppenhund - 28. Apr, 22:29

da scheine ich ja dann doch nicht so allein zu sein mit meiner Wut...
steppenhund - 28. Apr, 22:44

Man könnte auch schreiben:
Da suhlen sie sich nun im Dreck,
Mit stumpfem oder steifem Steck'.
mehrLicht - 28. Apr, 22:21

Vollste Zustimmung. Es war bis jetzt immer so, dass sich das wahre Gesicht der Medienwelt erst bei solchen Vorfällen zeigt. Und oft genug verhindern sie nicht nur eine besonnene Aufklärung, sie zerstören auch noch Opferleben und eine wilde Hatz zwischen dem was "Wahrheit" sein könnte und dem was sich verkaufen läßt, entbrennt. Ich darf nur an Frau Osthoff erinnern, an etliche Mißbrauchs- und Kinderschicksale, wo alle den Kopf schütteln und jeder seinen eigenen Justizlegokasten vor sich herträgt.
Tipp: TV auslassen, max. Ö-Klassik hören, Hund, Klavier und Herd dürften übriges dazutun.
Gedanken macht man sich natürlich trotzdem, aber die gehören einem selbst und haben nix vor Kameras zu suchen.

steppenhund - 28. Apr, 22:29

danke für die Bestätigung. Ich muss mich ja fragen, ob ich vielleicht besonders gefühllos bin...
walhalladada - 28. Apr, 22:37

Was erwarten Sie...? Inzest hat als einziges Tabu die modernen Zeiten überdauert. Ich jedenfalls kenne keines mehr.
Für die sensationsgeile Medienhydra muss ein solcher Tabubruch d a s gefundene Fressen sein,
weil sie alle anderen bereits ausgerottet hat!

steppenhund - 28. Apr, 22:42

Kannibalismus kommt auch noch recht gut. War vielleicht ein bisschen zu inflationär in der letzten Zeit. Und vor allem zu öffentlich. Sich sein Futter im Internet zu suchen, ist ja wirklich etwas frech!
kittykoma - 28. Apr, 22:50

ja, diese sabberige sensationsgier ist unangenehm. natürlich fragt man sich, wie so etwas funktioniert. aber dieses perfekte verbrechen wird lediglich eine melange aus hörigkeit, brutalität und dumpfsinn gewesen sein.

steppenhund - 28. Apr, 23:33

Tor, Tor, Tor, ...!
Ach das passt ja momentan gar nicht.
rosmarin - 28. Apr, 23:36

yep... nochn tooooor....
ich geb dir völlig recht.
das eine ist die sensationszuguckgier...
das andere ein grauen, was man mit zunehmendem medienkonsum kaum mehr nachvollziehen kann.
da die mediale gier.... oder unser aller "schlagzeilenlesen", mit zunehmender ausprägung das einfühlungsvermögen versaut...
wie auch immer.... ein artikel soll ja aus meinem kommentar nicht werden.
ich wollt nur meinen zustimmungssenf geben :-)

steppenhund - 29. Apr, 00:06

Zustimmung angenommen;)
PeZwo - 28. Apr, 23:51

ich stimme dir vorbehaltlos zu. Der Fall N.K. zum Quadrat. Jetzt wäre es eigentlich die beste Zeit für Politiker irgendwelche unpopulären Gesetze bekanntzugeben und auch gleich zu beschließen... keine Sau würde sich jetzt darum kümmern.

Der Anwalt der Opfer war in der heutigen TV-Diskussion noch am erfrischendsten, wie er Ingrid Thurnher eine Absage erteilte indem er es ablehnte jetzt irgendwelche Behördenschuldigkeiten zu suchen. Was er sagte klang noch halbwegs normal.

steppenhund - 29. Apr, 00:07

Das mit den unpopulären Gesetzen ist gut. Wir müssen die Steuern erhöhen, damit wir in Zukunft solche Fälle ausschließen können.
silmanja - 28. Apr, 23:51

tja - die absicht ist wohl in die hosen gegangen (ich meine die, dir mit dem eintrag keine freunde zu schaffen) - die geilheit über die "perfektion" war ja schon so offensichtlich, dass selbst thurnherr es am runden tisch thematisiert hat -

ja gestern war ich auch noch erschütterter als heute, wo die medienmaschinerie voll angerollt ist und wir nur mehr darauf warten, dass die rechte nach hollywood verkauft werden.

und trotzdem: ich frage noch immer, was bringt menschen dazu so etwas zu machen ???

steppenhund - 29. Apr, 00:15

Man könnte mir jetzt die gleiche Form von Geilheit unterstellen. Schreibe eine schöne Gegendarstellung und sammle Kommentare. Doch ursprünglich wollte ich tatsächlich nur meinen Grant los werden. Ob diese diversen Talkmasterinnen sich im Klaren sind, was sie für eine erbärmliche Show abgeben.
Zu manchen Fragen scheinen sie sich ja zwingen zu müssen.
-
Was deine Frage angeht, ist sie relativ einfach zu beantworten. Was hat eine Mutter Teresa (um jemanden zu nehmen, der allgemein bekannt ist) zu ihren guten Taten unter extremen Bedingungen bewogen. Es gibt Menschen unter uns, die sich aufopfern und sich lieber selbst aufgeben als dem Nächsten nicht zu helfen.
Jetzt nehmen wir die große, indifferente, breiige und träge Masse von Couchpotatoes in der Mitte. Dann muss es zwangsläufig auch Ausläufer ins Böse geben.
Und ehrlich gesagt, in jedem von uns steckt dieses Potential, wenn wir zugeben, welche Lust wir am Betrachten von Horrorfilmen oder blutrünstigen Actionfilmen empfinden. (Die Industrie überlebte nicht, wenn sie nicht an unsere diesbezüglichen Instinkte appellieren könnte.)
Dass jetzt ein Fall auftritt, der vielleicht die Phantasie des einzelnen momentan übersteigt, ist ebenfalls nur ein Produkt einer Abstumpfung, für die Mord und Totschlag im Abendprogramm akzeptierbar ist. Doch ein paar kleine Ausrutscher sind noch tabu. Wie toll wird doch der Film "Das Schweigen der Lämmer" rezensiert. Ausgezeichnete darstellerische Leistung der Verkörperung des Bösen.
Habe ich dir vielleicht ein paar Argumente geliefert, die Frage zurück zu ziehen?
rosmarin - 29. Apr, 00:24

nun gut.... es lebe die normalverteilung....
und doch immer wieder spannend, was sich alles gut verkaufen lässt.
und auch spannend, dass religionskritische kinderbücher der zensur anheim zu fallen drohen, während wir uns fragen lassen, ob nicht doch die nachbarn dran schuld seien.
silmanja - 29. Apr, 00:58

das ist mir zu einfach- und die frage der in uns steckenden potentiale bringt uns in ein gefährliches fahrwasser (ala computerspiele machen gewalttätig), auch wenn ich mich schon immer gefragt habe, was denn in den horrorfilmen so interessant sein soll -

ich kann anders fragen: was ist das motiv?
steppenhund - 29. Apr, 01:27

Das Motiv ist vermutlich Macht. Absolute Beherrschung in einem abgeschlossenen System. Aber ich bin ja keiner der Psychiater;)
Treibgut - 29. Apr, 01:16

Potenzial

Der statistische Ansatz erklärt doch absolut nix und führt nur in die Irre. Wenn man die Bevölkerung sortiert nach langsamen und schnellen Läufern, bekommt man am Ende auch eine Normalverteilung. Und niemand würde behaupten, die Masse hätte das Potenzial, deutscher Meister zu werden, nur weil es am Ende der Skala ein paar sehr schnelle Läufer gibt.

steppenhund - 29. Apr, 01:26

Das würde ich aus einer Normalverteilung auch so nicht herauslesen. Eher so, dass ein paar der Menschen so blöd sind, dass sie nicht einmal die Richtung erfassen und in die falsche Richtung laufen.
Köppnick - 29. Apr, 07:37

Objektiv nimmt die Zahl der Verbrechen seit Anbeginn der Menschheit ständig ab, im Collosseum wurde noch öffentlich gemordet. Aber die Informationsgesellschaft macht aus Daten Informationen und aus diesen Nachrichten. Und die Marktwirtschaft daraus wiederum ein Produkt, das Angebot und Nachfrage unterworfen ist. Dieser Medienauftrieb hält dem Menschen den Spiegel vor - so ist der Homo sapiens, so verhält er sich, so ist seine Natur. Jeder hat seine Rolle in diesem Spiel, der Täter, die Opfer, die Medien, die Zuschauer, und du und ich auch.

rosmarin - 29. Apr, 07:56

nun, das collosseum ist eine nette asszoziation :-)
allerdings halten mir die schlagzeilen keinen spiegel vor. ich bin so nicht. ganz einfach.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 08:20

Hm

im Collosseum wurde noch öffentlich gemordet
Ich will man ein bisschen provokativ sein: Ich glaube, diese Aussage ist falsch.

Im Collosseum wurde NICHT gemordet, weil man dies damals nicht als Mord empfand, sondern als "Belustigung" - heute sagt man "Unterhaltung". Wir empfinden dies in unserem moralischen und etischen Kontext heute als "Mord" - damals war dies keinesfalls so, weswegen ein Römer, könnte man ihn heute erwecken, mit Erstaunen auf eine solche Aussage reagieren würde.

Ich stelle mir oft die Frage, was die Menschheit über uns in tausend Jahren sagen wird (falls es dann noch so etwas wie eine Menschheit gibt) und welchen Grund zur Empörung wir bieten. Ich glaube nicht, dass es nur die Empörungen sind, über die wir heute philosophieren.
mehrLicht - 29. Apr, 09:15

@gregor: ich glaube, das fragen sich manche Tiere heute schon. Zwar guckt mein Hund kein Fernsehen, aber manchmal kommt schon der Blick "sagt mal, wie blöd müßt ihr eigentlich noch sein?!"...
Köppnick - 29. Apr, 12:07

@Gregor
Das stimmt, die Wettkämpfe im Collosseum wurden in der damaligen Zeit keinesfalls als Verbrechen betrachtet. Ich hatte nur nach einem möglichst markanten Beispiel gesucht, um zu zeigen, dass die Gewalttätigkeit in der menschlichen Gesellschaft beständig abnimmt, aber die Medien und manchmal auch die Politiker uns das Gegenteil suggerieren wollen. Der einzelne Betroffene eines Verbrechens wird das sicherlich entrüstet von sich weisen, aber die Statistik belegt es eindeutig. Gerade was die Verbrechen an Kindern betrifft (exemplarisch Kampusch und der aktuelle Fall, Pädophilie, Missbrauch in der Familie, etc.), gehen die Zahlen kontinuierlich nach unten. Nur das verkauft sich eben schlecht in den Nachrichten.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 13:26

@Köppnick

D'accord.
david ramirer - 29. Apr, 14:12

nur weil ein verbrechen, eingebettet in seine zeit, vielleicht kein verbrechen nach dem damaligen strafregister ist, bedeutet das nicht, dass es aus der distanz betrachtet nicht doch eines ist.
wenn man diese argumentation weit genug schweifen lässt, werden auch die verbrechen der nazis zu "im kontext der damaligen moralvorstellungen" notwendigen aktivitäten, die nicht einmal morde sind, weil bequemerweise die juden, behinderten und andere gruppen zu lebewesen noch unter dem wert von tieren festgenagelt wurden.

das "colloseum" stellt einen anderen aspekt für mich in den vordergrund: es ging dort darum, dem volk "brot und spiele" zu liefern, etwas, was den damaligen kaisern als wesentlicher teil zur befriedigung der völker erschien.
in der hinsicht haben wir menschen uns überhaupt nicht verändert. heute werden die opfer und die täter in das colloseum aus print-tv-radio und internet-medien gehetzt, und tausende augen wollen mit diesen geschichten befriedigt werden, sind beschäftigt, können sich daran weiden.

und es ist auch der betroffendste und mitfühlendste leser und zuschauer ein publikumsgast in dieser arena, der sich dann meist gemütlich den polster richtet und sich denkt: "wie gut geht es nicht mir, und wie gut ist es doch, dass wer anderer das arme schwein ist und nicht ich".
und diese (meist unausgesprochenen) gedanken heben das allgemeine wohlbefinden, wie schon vor 2000 jahren auch.
und die kaiser sind zufrieden.
walküre - 29. Apr, 16:08

Davids Aussage

stimme ich auf alle Fälle zu, denn Anno 2008 liefern die Medien das Opium fürs Volk.
Marktwirtschaftlich gesehen sind Tabubrüche die letzte Möglichkeit, Zeitungsauflagen, Zuschauerzahlen und Zugriffe auf Medienwebsites in lichte Höhen zu treiben.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 18:19

@david ramirer / walküre

Offensichtlich keine Diskussion ohne Nazi-Vergleiche... Die Verbrechen der Nationalsozialisten waren natürlich zu "ihrer Zeit" schon Verbrechen. Muss man wirklich die Gebetsmühlen zu positivem / überpositivem Recht / Radbruchsche Formel anwerfen?

Nach der Aufklärung kann es an bestimmten Grundbedingungen von Menschenrechten keine Zweifel mehr geben. Trotzdem ist es mir zu einfach, zurückliegende historische Begebenheiten mit heutigen Maßstäben zu bewerten.

Übrigens heute wie damals (heute mehr) hat man durchaus die Möglichkeit, sich nicht in der Arena aufzuhalten, wenn man es nicht möchte. Insofern ist es in der Hand der jeweiligen Konsumenten, die Betroffenheitsgeilheit gewisser (nicht aller) Medien Einhalt zu gebieten. Und das "die Medien Opium fürs Volk" liefern ist in dieser Pauschalisierung auch falsch.
steppenhund - 29. Apr, 18:26

Beim "Opium fürs Volk" stelle ich mich schon auf die Seite von David.
Ich kann mich noch erinnern, als ich in der Zeit des kalten Krieges für das Fernsehen plädiert habe.
Das amerikanische Fernsehen war verdummend, das russische gehirnwaschend. Beide haben aber dafür gesorgt, dass sich nicht Millionen Russen gegen Millionen Amerikaner bekriegt haben. Es gab Ersatzbefriedigung.
Als ich in 1999 das erste Mal nach über dreißig Jahren wieder in Amerika war, wurde ich - weil deutsch sprechend - angepöbelt und wäre fast in einem Kampf gelandet. Obwohl man es sich eigentlich dann doch nicht mit mir anlegt. Doch in dem Fall wurde ich von der Schwester meiner damaligen Lebensgefährtin beschützt. (Ein resolutes Weib, danke Julie!)
Aber es gibt immer einige, die meinen, dass man irgendwann mit Gewalt den anderen wegschieben kann. Das Fernsehen dünnt aber aus und hält die Leute auf ihren Sofas fest.
Insofern finde ich "Opium fürs Volk" zutreffend.
david ramirer - 29. Apr, 20:38

@keuschnig
ich habe schon etliche diskussionen ohne nazi-vergleiche geführt, manchmal aber leiste ich mir das, und mir ist völlig egal, ob das gerade "en vogue" oder "hoffnungslos out" ist...

sie brauchen keine gebetsmühle anwerfen. aber tatsache ist, dass nicht alle in den arenen der römerzeit freiwillig ihr leben gelassen haben, da gab es auch hinrichtungen vor publikum, soviel ich weiß. der edle stand der gladiatoren kämpfte vielleicht voll ehre und freiwillig, aber es waren insgesamt grausame und für die menschengeschichte keinesfalls ruhmreiche spiele. die perspektive der damaligen römer ist vergangenheit.

wie man deutlich an der auch neueren geschichte sieht, wird auch seit der aufklärung (deren effekte nur noch in restanteilen wirksam sind!) durch taten! an den menschenrechten nicht nur gezweifelt, nein: sie werden tagtäglich mit füßen getreten.
würde an ihnen nur gezweifelt, würden wir diese welt kaum mehr wiedererkennen.
menschenrechte, also allgemeingültige menschenrechte... sind eine wesentliche utopie, und als solche wertvoll.
da helfen keine formeln, seien sie auch noch so durchdacht.

selbstverständlich bewerte ich historische ereignisse mit meinen heutigen maßstäben, ja, ich gehe noch weiter: ich leiste mir den vereinfachenden luxus, jegliche ereignisse mit meinen maßstäben zu messen.

ich vermute wiederum, dass die macht der medien gerne verklärt und in ihrer bedeutung für unsere wahrnehmung unterbewertet wird. so frei sind wir nicht, wie wir glauben.

in einem sind wir uns aber einig: "einfach" ist es mit sicherheit nicht.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 21:23

Seufz

Ich leiste mir den Luxus, das unkommentiert zu lassen.
david ramirer - 29. Apr, 21:25

...und tun es doch :-)
la-mamma - 29. Apr, 16:19

ich denke immer wieder über den satz nach:

es gibt kaum ein ausdenkbares menschliches verhalten, das nicht irgendwo die norm wäre. und da ich schon einmal ausgelotet habe, wozu ICH fähig bin, bin ich auch nicht so recht optimistisch, was den rest der welt als potenzielle täterInnen angeht. nicht zur voyeurin zu werden, ist da ja fast noch das kleinere problem ...

steppenhund - 29. Apr, 23:54

Ich sag dazu einmal nichts. Nicht einmal den kleinsten Widerspruch.
die frogg (anonym) - 29. Apr, 19:35

Offenbar haben Sie sich doch...

viele Freunde verschafft mit diesem Text, Herr Steppenhund! 32 Kommentare bislang! Als Medienschaffende muss ich hier aber doch einmal kurz gegen den Chor der Medienmüden ansingen: Weil ich immer wieder feststelle, dass "Informationen" über solche Geschehnisse gelesen und gekauft werden. Und das ist das einzige, was Medien heute müssen (leider): Den Lesern den Stoff liefern, den sie kaufen. Und der Fall Josef bietet solchen Stoff: Der Mensch interessiert sich nun mal für das Extremverhalten seiner Artgenossen und will sich dabei auch gruseln. Deshalb verkauft sich "The Silence of the Lambs" ja auch. Und der Fall Josef ist noch besser: weil er wirklich ist. Wirklich: Mit dieser Art von Aufregung über die Medien habe ich mich schon so oft auseinandergesetzt, dass ich ihrer allmählich müde werde. Deshalb werde ich jetzt das tun, was ich auch Ihnen empfehle: gute Musik hören, spazierengehen, ein Buch lesen (keinen Krimi).

steppenhund - 29. Apr, 19:39

ich weiss gar nicht, ob ich wirklich nur die Medien angreife...

Es geht mir um das "Begeilen", welchem willfährig stattgegeben wird. Im Übrigen setze ich jetzt gleich noch eins drauf;)
mehrLicht - 29. Apr, 21:12

@frogg: man beachte wirklich das "müssen (leider)". Bedauernswert. Ja, auch reißerische Medien hängen am Tropf, leisten sich keine Lektoren mehr, die Sprache verroht und die "Freien" würden beim Grasharken im Park mehr verdienen als wenn sie eine Theaterinszenierung für die Lokalpresse besprechen. Schlimme Zeiten. Und dann noch so ein Satz: "Den Lesern den Stoff liefern, den sie kaufen." - Das ist allerdings die treffendste Argumentation derjenigen, die die Machtfäden in der Hand halten. Mit demselben Argument werden Klassikradio zum Dudelfunk, wird zeitgenössische Musik bei den Orchestern eingespart. Solch einer Kultur ist entgegenzuwirken. Und zwar erst recht, wenn man wie Sie selbst sagen, Vertreter dieser Berufsgruppe ist. Oder werden Sie mit diesen Widersprüchen, ich sags mal drastischer: Vergewaltigungen der Zielgruppe, glücklich...?

Sorry, wenn ich die altbekannten Diskussionsfäden nochmal anschubse, aber auch ich kanns echt nicht mehr lesen, dieses "ach gott, wir MÜSSEN ja berichten". Nein, müßt ihr nicht.
Gregor Keuschnig - 29. Apr, 21:30

@steppenhund

Das "Begeilen" beklage ich ja auch. Aber hieraus ein "Medien sind Opium fürs Volk" zu konstruieren, ist im Zeitalter der unterschiedlichen Informationsmöglichkeiten zu pauschal. Ich gebe zu, dass ich gestern auch an meinen Lieblingsfernsehsender 3sat gezweifelt habe, der doch glatt zwei "Sondersendungen" gebracht hat. Und @mehrLicht: Natürlich müssen sie nicht berichten - das ist schon klar. Aber es gibt zwischen "nicht berichten" und "berichten" durchaus Differenzierungsmöglichkeiten. Im Moment hat man wohl eher das Gefühl, dass die Berichterstattung eher unterirdisch ist. Ich kann das nicht so recht beurteilen, da ich mir ausser den gewöhnlichen Nachrichtensendungen keine Spezialsendungen in dieser Hinsicht antue. Mich interessiert der Fall an sich viel zu wenig. Mich interessiert eher, wie dies über Jahrzehnte ohne Kenntnis anderer möglich war. Das erfährt man von den "Begeilern" aber im Moment nicht. Kommt aber noch.
steppenhund - 29. Apr, 23:54

Vielleicht siehst Du das zu sehr aus der deutschen Sicht. Wenn ich dir sage, dass wir so etwas wie ein auflagenstärkstes Blatt haben, welches mindestens ein Drittel der Bevölkerung liest, müsstest Du deine Aussage relativieren.
Die Gegenfrage ist: wieviele Menschen können sich ihre Informationsquellen selbst aussuchen? (sowohl technisch begründet als auch durch die Mechanik der Gewohnheit) Wenn das mehr als 10% sind, würde ich mich schon sehr wundern.

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