Karajan oder Bernstein?

In meiner Jugend wurden mir die beiden als Konkurrenten präsentiert. Ich konnte Gespräche der Erwachsenen belauschen, in dem sie die Vorzüge des einen oder des anderen hervorhoben. Ähnlich dumm wie die Frage nach dem Lieblingskomponisten oder noch dümmer wie die Frage, welchen Opa man denn lieber habe, schien es notwendig zu sein, Stellung zu beziehen.
Schon aus rein nationalistischen Gründen gewann Herbert von Karajan. Er gehörte uns, nicht den Amerikanern. Ich hatte auch den Eindruck, dass er die ernstere Musik produzierte, dass er nicht so viel Show aus seinem Dirigieren machte.
Ich habe in meinem späteren Leben mit einigen sehr bedeutenden Dirigenten gesprochen. Darunter zählte auch eine Umarmung von Bernstein, der ein sehr herzlicher Mensch war. Ich hatte den Eindruck, dass ich Bernstein unrecht getan hatte, als ich nach seinem Tode eine Gedenksendung gesehen hatte.
Heute sehe ich im Fernsehen eine ähnliche Gedenksendung über Herbert von Karajan.
Es ist unglaublich, wie bei beiden Dirigenten selbst noch im indirekten Medium Fernsehen diese Kraft spürbar wird, über welche die Musiker berichten, welche mit ihren Statements eingeblendet werden.
Es ist diese spürbare Energie, die in Wirklichkeit auf nichts anderes gerichtet ist, als Freude zu transportieren. Freude oder auch Schönheit, wie Karajan zitiert wird. Nicht nur bei Beethovens Neunter. Es ist die Schönheit des Wahrhaftigen. Ich bin sehr froh, dass ich heute nicht mehr Stellung beziehen muss.
Ich brauche keine Wertungen mehr abgeben. Und ich lerne davon auch, dass dieses ewige Trachten nach der Wertung, nach "dem Besten" vollkommen unsinnig ist, wenn eine Stufe des Unbewertbaren erreicht ist.
Ich fühle mich sehr glücklich, wenn ich Mahler unter Bernstein (gerade jetzt) höre und Bernstein gesagt hat, dass "wir jetzt dieses Stück für Karajan" spielen.
Es ist ein elitäres Denken, dem ich hier die Stange halten. Aber dazu stehe ich.
PeZwo - 5. Apr, 09:42

Gerade bei der Frage "Bernstein oder Karajan" habe ich eine klare Meinung: Bernstein war der bessere Musiker! Und zwar deswegen weil er Musik nicht nur interpretierte sondern auch selbst welche geschaffen hat. Ich liebe die West-Side-Story, aber von Karajan ist mir nicht eine einzige Komposition bekannt (hat er überhaupt je komponiert?)

Bei der Frage nach dem besseren Dirigenten bin ich aber deiner Meinung, dass man bei den beiden nicht vergleichen oder bewerten sondern nur geniessen sollte.

P.S. Ich habe die Doku auch gesehen und auch diese Kraft gespürt...

steppenhund - 5. Apr, 10:20

der bessere Musiker

Ich habe genauso wie Du gedacht. Doch bei der gestrigen Doku kam mir der Gedanke, dass Karajan auch Kunstwerke aus eigenem geschaffen hat. Die Visualisierung des Musizierprozesses war seine persönliche Schöpfung. Das war nicht nur Selbstinszenierung sondern in meinen Augen auch eine andere Form von Gesamtkunstwerk. Ob ich dann komponiere oder mich anderweitig kreativ und schöpfend produziere, ist schwer vergleichend zu bewerten.
Das ist aber eine sehr neue Haltung von mir. Jahrzehntelang habe ich genauso wie Du gedacht.
PeZwo - 5. Apr, 10:40

Stimmt, es ist auch so eine Art Kunstwerk wie man von anderen erdachte Werke interpretieren kann. Bei Karajan kam zusätzlich auch immer wieder der Techniker durch, der ständig auf der Suche nach besseren Entfaltungsmöglichkeiten für Klänge war.

Trotzdem basierte alles letzten Endes auf der Kreativität von anderen. Interpretiere ich ein Stück, so ist ein gewisser Rahmen bereits vorgegeben in dem ich meine Phantasie entfalten kann.

Komponiere ich ein Stück so ist die Freiheit anfangs unendlich groß. Mit jeder künstlerischen Entscheidung wird diese Bewegungsfreiheit weniger und es kristallisiert sich die Aussage der Komposition heraus (die manchmal völlig anders sein kann als man ursprünglich geplant hat). Das hat für mich eine komplett andere Dimension als etwas bestehendes zu interpretieren.

Ein guter Komponist muss nicht automatisch ein guter Interpretierer sein und ein guter Interpretierer ist nicht automatisch ein Komponist. Umso mehr bewundere ich die Menschen, die beides sind.... siehe Bernstein.
drix (anonym) - 5. Apr, 09:50

schade daß der herbert lieber mit der eliette geschmust hat. sonst hätte er dir nämlich sicher einen zungenkuß gegeben.

steppenhund - 5. Apr, 10:16

Unaufmerksam gelesen! Es war Bernstein - und der hat sehr feuchte Schmatze verteilt...
david ramirer - 5. Apr, 11:04

zu meinem großen glück habe ich diese "der ist besser als der"-haltung nie gehabt und wendete mich immer nur den in der musik selbst steckenden geistigen botschaften zu. mir ist es zum beispiel unfassbar geblieben, dass leute sich die energie hernehmen, interpreten gegeneinander auszuspielen, und die inhalte der musik dann weitab liegenbleiben.
bernstein und karajan gehören für mich beide in die "großkotz"-kiste, also dorthinein, wo der pathos sich tatsächlich schon ins unfass- (und dadurch tatsächlich wiederum unbewert-)bare hinaufverschraubt hatte. beide waren extrem charismatische persönlichkeiten, konnten menschen begeistern und mitreissen - dogmatische führerpersonen, und das ist ein menschenschlag, bei dem ich mich einkrampfe.
ganz nebenher haben beide ganz tolle einspielungen abgeliefert, aber wenn ich im CD-regal eine symphonie von schubert oder beethoven suche, dann greife ich zu unbekannten namen: denn die berühmten hatten ihre chance, und nutzten sie bereits. da braucht es keine erinnerung und da braucht es auch keine mythologisierung.
der mensch ist ein gewohnheitstier, auch in der kunst. leider.

steppenhund - 5. Apr, 11:17

Also von Bernstein kann ich aus eigener persönlicher Erfahrung sagen, dass er definitiv kein "Grosskotz" war.
Da spielen dann doch viel die Menschen, die ihn mythologisieren, mit.
-
Ich halte deine Einstellung für selbst gefährdend. Du versagst Dir damit freiwillig etwas, was Du möglicherweise schätzen könntest.
Natürlich musst Du dann auch Michelangelo und Da Vinci, Goethe und Shakespeare, Albert Schweizer und Einstein ablehnen;)
david ramirer - 5. Apr, 12:37

selbstverständlich ist es das marketing, das schuld ist, da hast du recht. die "berühmten" sind immer selbst auch "nur" menschen, und ich habe - wenn es denn dazu kam - nur gute erfahrungen mit den prominenten gemacht, wenn ich ihnen begegnet bin.

auch bei michelangelo, da vinci, goethe, shakespeare, albert schweizer (der ist eigentlich nicht soooo berühmt!) und einstein lehne ich die rolle, die diesen figuren vom historienmarketing zugewiesen wird, rigoros ab. deren werke und gedanken, deren leistungen und bedeutung mag großartig und bedeutend sein... das bedeutet aber nicht (zumeist sogar), dass sie im menschlichen sinne überragend waren (ohnehin etwas, was nur ideel vorstellbar ist aber de facto nur unheil bringt).
alle genannten waren menschen... und es ist der selbe fehler, der bei berühmten verbrechern gemacht wird, der auch diesen "halbgöttern" nicht gut tut: sie werden durch die sinnlose überhöhung aus der menschlich noch wahrnehmbaren leistungskurve herausgehoben. das hölt sich dann leider aus.
und ich sehe das problem eher andersherum: dieses kranke marketing verunmöglicht es vielen anderen menschen, sich einem shakespeare oder einem goethe als "menschen" zu nähern, über deren werke in eine zwiesprache mit ihnen zu treten, ohne diese "übermenschen"-allüre aufkommen zu lassen.

wenn z.b. erst eine persönliche begegnung mit bernstein ihn für dich als mensch "geraderückt" - dann läuft im marketing etwas schief, auch wenn diese art des umganges mit personen ihren rein finanziellen wert erhöht - es tut deren werkrezeption alles andere als gut.
steppenhund - 5. Apr, 14:07

Ich lerne gerade aus einem Beispiel wie mit Bernstein, dass es auch für mich immer und immer wieder notwendig ist, hinter das Marketing zu schauen. Das hindert mich aber nicht, die Leistungen und die Menschen zu mögen.
david ramirer - 6. Apr, 10:16

es tut - so meine ich - jedem gut, die gläserne, sehr zerbrechliche hülle der im marketing aufgebauten USPs zu durchbrechen und das innere zu erkennen (auch das "innere" der leistungen);
und das betrifft nicht nur prominente, sondern auch jegliche anderen menschlichen kontakte.
mehrLicht - 9. Apr, 12:29

aber dennoch gibts die persönliche, ganz subjektive, möglicherweise auch falsche, aber eben über eigene Erfahrungen geprägte Haltung. Sie steht sicher weit zurück gegenüber der Weisheit, nicht mehr bewerten zu wollen, aber (m)eine Berechtigung hat sie auch, denk ich. Und bei mir sagt die eindeutig: Bernstein. Schon weil mir John Wayne immer lieber war als Lex Barker.
steppenhund - 9. Apr, 17:14

Karajan hat trotz meiner jugendlichen Bevorzugung auch den Beigeschmack von Arroganz und Eingebildetheit besessen. Jetzt gab es allerdings einige Sendungen mit Interviews mit ihm und über ihn und aus denen kommt eine ganz andere Stimmung heraus.
Besonders, was Christa Ludwig über ihn sagt, macht ihn viel menschlicher, als der öffentliche Glamour es vermuten lässt.
Bernstein war mir später extrem sympathisch, weil er überall - außer in Amerika - Bösendorfer gespielt hat:)

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