Köppnick - 10. Mrz, 18:02

Vorsicht mit Galilei und seiner Instrumentalisierung!

Soweit ich weiß, wollte die Kirche seinerzeit nicht, dass er seine Lehre als falsch und die der Kirche als richtig anerkennt. Er sollte beide als möglich bezeichnen. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaftstheorie wäre das richtig gewesen. Galilei war ein Dogmatiker und Sturkopf, der fälschlicherweis gedacht hat, dass er immun gegenüber der Inquisition ist - weil er ein Günstling des damaligen Papstes war. Später ist er dann zum Kronzeugen der Aufklärung geworden, und damit in eine Rolle gedrängt, die er selbst niemals spielen wollte.

steppenhund - 10. Mrz, 19:08

Mich würden die Quellen interessieren, die diese These bestätigen. Meiner Überzeugung nach war die Inquisition viel zu rigide, um sich auf solche Spitzfindigkeiten einzulassen. Die Möglichkeit einer unentschiedenen Frage scheint mir nicht in das damalige Glaubensbild zu passen.
Warum hätte die Kirche überhaupt 13 Jahre gebraucht, um die offizielle Stellungnahme der Kirche zu revidieren.
-
Aber wie gesagt, ich bin durchaus belehrbar, wenn ich Quellen habe, deren Objektivität einigermaßen gesichert erscheint...
Köppnick - 10. Mrz, 20:52

Ich glaube nicht, dass ich das noch finde. Aber die Aussage ist zu ungewöhnlich, als dass ich mir das aus den Fingern gesaugt haben könnte. Aber die zentrale Aussage sollte man an verschiedenen Stellen finden: Die Kirche hat nicht verlangt, Galilei solle behaupten, seine Theorie sei falsch und die der Kirche sei richtig, sondern beide seien möglich.

Aber vielleicht reicht die folgende Stelle nach Googeln was behauptete galilei als Einstieg: Wie Villen zu Kerkern werden.

Mir ging es noch um etwas anderes: Galilei behauptete, die Erde dreht sich um die Sonne. Das ist heute bereits dreifach "falsch", im Sinne von ungenau. Erstens im Sinne von einer Drehung um das gemeinsame Massezentrum. Zweitens im Sinne von allgemeiner Unlösbarkeit des Mehrkörperproblems, drittens im Sinne der Allgemeinen Relativitätstheorie.

Und zweitens können Menschen offenbar nicht anders, als historische Personen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, und da benutzen die einen eben Jesus und die anderen Galilei. Ich sehe da keinen prinzipiellen Unterschied.
steppenhund - 10. Mrz, 21:29

Um die Sonne drehen

Semantisch kann man den Begriff soweit einengen, dass er nicht mehr zutrifft. Ich halte allerdings den Kampf gegen Galilei mehr für das Festhalten an einem geozentrischen Weltbild. Man könnte natürlich auch um ein schraubförmiges Umelipsieren der Erde um die Sonne sprechen, wobei die Elipsenbahnen ja etwas später bei Kepler vorkamen.
Die Links muss ich mir erst anschauen. Aber jetzt verlasse ich einmal die Firma:)
Köppnick - 11. Mrz, 00:14

@Steppenhund

Darum ging es mir nicht. Mich stört nur, dass Galilei immer und immer wieder als Beispiel für die Wissenschaftsfeindlichkeit der Katholischen Kirche herangezogen wird - von Leuten die keine Ahnung von der Komplexität der damaligen und der heutigen Wissenschaft und den tatsächlichen historischen Vorgängen haben. Gut gefallen hat mir z.B. auf der von mir verlinkten Seite:

Das Beispiel mag zeigen, daß ein heutiger Bundesdurchschnittsbürger mit halbvergessenem Schulwissen der Physik vermutlich keine Chance hätte, in einer akademischen Diskussion mit damaligen Geozentrikern zu bestehen. Er müßte sich unter dem Gelächter ganzer Hörsäle der geozentrischen Universitäten hilflos auf Bücher herausreden, worin er mal gesehen haben will, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Es bliebe ihm nur der Glaube, daß seine Meinung schon stimmt. Aber das ging den Geozentrikern ebenso, und sie hatten bessere Argumente für ihre Meinung.

Viele Wissenschaftler glauben an die Erkenntnisse ihrer Wissenschaft als an eine Wahrheit und machen sich nicht bewusst, dass sie im besten Fall eine (wiederholbare) Antwort auf eine (wiederholbare) Frage erhalten haben, die sie an die "Realität" gestellt haben. Ohne sich im Sinne von Popper oder Watzlawick klarzumachen, was das für Einschränkungen sind. Und für den Normalbürger, der kein Fachwissenschaftler ist, ist seine Kenntnis von Glauben (siehe mein Zitat) sowieso nicht zu unterscheiden.
steppenhund - 11. Mrz, 00:35

Das Beispiel mag zeigen, daß ein heutiger Bundesdurchschnittsbürger mit halbvergessenem Schulwissen der Physik vermutlich keine Chance hätte, in einer akademischen Diskussion mit damaligen Geozentrikern zu bestehen. Er müßte sich unter dem Gelächter ganzer Hörsäle der geozentrischen Universitäten hilflos auf Bücher herausreden, worin er mal gesehen haben will, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Es bliebe ihm nur der Glaube, daß seine Meinung schon stimmt. Aber das ging den Geozentrikern ebenso, und sie hatten bessere Argumente für ihre Meinung.
:) Das hat mir auch gut gefallen.
Es gibt von Simonyi die Kulturgeschichte der Physik, da kann ich auch nicht bestimmten historischen Beweisen folgen. Ferner habe ich "the origin of digital computers" und es ist unglaublich, wie schwer es ist, sich in die Denkweisen der Pioniere hineinzudenken, die mechanische Computer entworfen haben, bzw. die ersten Relais-Maschinen.
Die Kirche würde ich nicht als wissenschaftsfeindlich bezeichnen. Sie forscht, aber in erster Linie für ihre eigenen Zwecke. Die Jesuiten hatten zB einen Zufallsgenerator, der auf der Basis vierstelliger Zahlen fungierte. x_neu war /int(x_alt)/100) mod 10000. Zwar nicht gut genug für heutige Anforderungen, aber es gab lange Perioden von Zahlen, deren Vorhersage für andere wie ein Wunder erschien. Du magst mich als kirchenfeindlich bezeichnen, doch ich sehe die Kirche als politische Institution, die in erster Linie von Macht bestimmt wird.
Die Geschichte mit Galilei ist ja nicht die einzige Angelegenheit, bei der man ihr langes trotziges Verharren vorwerfen kann. Aber vielleicht hast Du recht, dass sie gerade in diesem Fall zu Unrecht belangt wird.
Das ist so wie mit dem Zuschnellfahren. Man wird dann erwischt, wenn man eigentlich gar nichts dafür kann:)
Köppnick - 12. Mrz, 10:17

@Steppenhund

Der Tipp mit Simonyi ist gut, ich werde mir das Buch besorgen. Was ich dir empfehlen kann ist "Einsteins Annus mirabilis" von Stachel. Darin sind die 5 Veröffentlichungen von Einstein aus dem Jahre 1905 mit Kommentaren enthalten. Mit diesem Dokument hätte ich die SRT nicht verstanden. Später hat Einstein dann selbst ein Buch geschrieben, in dem er die RT erläutert hat. Das wendet sich ausdrücklich an ein breiteres Publikum und ist auch von der Sprache sehr interessant ("Lieber Leser, wenn du...").

Es ist immer ähnlich: Die ersten Veröffentlichungen sind sehr schwer zu verstehen, weil viele Denkwege noch krumm sind und die Beispiele schwierig. Häufig haben die Verfasser selbst noch nicht alles verstanden. Das wird dann im Laufe der Zeit durch ihre Fachkollegen und durch weiteres Wissen geglättet. Aber die Originale haben ihren ganz eigenen Charme.
steppenhund - 12. Mrz, 11:19

@köppnick

Häufig haben die Verfasser selbst noch nicht alles verstanden.
Das ist ein ganz schwieriges Phänomen. Ich habe das selber oft erlebt, dass ich etwas intuitiv als richtig erkannt habe, (was sich später auch herausgestellt hat) aber nicht so schlüssig darstellen konnte, dass man die Darstellung als beweiskräftig hätte ansehen können.
Mir hat einmal ein Mitarbeiter bei einer Weihnachtsfeier gestanden, dass er eine Systematik, die ich ihm erklärt hatte, nicht verstanden hatte - trotz zweimaliger Erklärung mit Rückfragen. Er konnte nicht glauben, dass es funktionieren würde. (Ich benötigte ihn allerdings, damit er genau diese Funktionalität erzeugen würde.) Ein drittes Mal wurde er Zeuge, wie ich es jemandem anderen erklärte. Sicher mit anderen Worten, da ich ein anderes Niveau voraussetzen musste. Von da an war alles geregelt.
Ich selber erlebe auch bei mir Aha-Effekte der ganz seltenen Art. Dinge, die ich seit Jahren zu verstehen glaube, öffnen sich plötzlich in einer ganz anderen Dimension und ich bekomme das Gefühl, auf einmal verstehe ich wirklich.
Köppnick - 12. Mrz, 11:54

@Steppenhund

Ja, und den umgekehrten Fall gibt es auch noch. Man liest einen alten Text, den man irgendwann mal selbst geschrieben hat. Der Schreibstil ist einem bekannt, aber der Inhalt bleibt unklar. Da staunt man dann und fragt sich: "Das willst du wirklich mal verstanden haben?", weil es einfach weg ist.

Das hat alles damit zu tun, dass einem über das Bewusstsein nur ein Bruchteil dessen zugänglich ist, was tatsächlich im Gehirn abläuft. Unser phänomales Erleben (die Qualia) sind nur Zusammenfassungen viel komplexerer unbewusster Vorgänge.
steppenhund - 12. Mrz, 14:01

@köppnick

Du beschreibst einen wohlbekannten Sachverhalt. Am unverständlichsten war ich im Alter zwischen 28 und 34. Allerdings war das die Zeit, aus der meine Patente stammen. Ich würde mir wünschen, diesen Grad an Unverständlichkeit wieder erreichen zu können:)

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