Erwachen

[Für diesen Text hat es eine krankheitsbedingte Verzögerung von einer Woche gegeben. Nach einer Woche werden manche spontane Reaktionen etwas gemäßigter. Im Grunde bleibt das Szenario aber das Gleiche.
Ich setze voraus, dass das passieren wird, was immer passiert. Wenn etwas dem Menschen machbar erscheint, wird er es trotz irgendwelcher zurückhaltender Bedenken bis an die Grenzen auszureizen versuchen.
Nehmen wir an, dass das Klima kippt. Das Leben wird unwirtlich werden, aber da ist die Menschheit schon einige Male durchgekommen. Nehmen wir an, dass der gläserne Mensch unser Leben effizienter als heute bestimmt. Es ist nichts anderes als eine erneute, vielleicht etwas drastischere Form der Diktatur, mit der sich die Menschen abfinden müssen.]


Die folgenden Zeilen finden sich in einem Wikipedia-Eintrag zum Thema minusvital im Jahr 2110.

2008 liefen die Forschungen in der Genmanipulation ziemlich erfolgreich ab. Alles sah wunderbar aus. Die ersten Begüterten konnten es sich leisten, ihren Nachwuchs genetisch aufzupeppen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde dadurch noch ein bisschen vergrößert, aber das hatte nur quantitativen, keinen qualitativen Charakter. Die neue Jugend wuchs mit hervorragenden Eigenschaften auf. Im Jahr 2040 war es übliche Praxis für jeden, der es sich leisten konnte, seine Kinder genetisch manipulieren zu lassen.
Die Alternative für genmanipulierten Nachwachs waren die Kinder aus der Retorte. Arme Leute gaben der Pille danach den Vorzug, da es zu deprimierend war, anzusehen, wenn die eigenen Kinder keine Chance im Lebensprozess hatten.
Nach einer gewissen Latenzzeit von weiteren zwanzig Jahren traten die ersten Schwierigkeiten bei der weiteren Zucht aus der Retorte auf. Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt - die ersten dokumentierten Fälle sind mit 2062 festgehalten - stellte es sich heraus, dass die Kinder der ersten genmanipulierten Generation keinen Nachwuchs zeugen konnten. Ein Forschungsprojekt wurde ins Leben gerufen. Man versuchte, achtzigjährige Opas mit jungen Frauen zu kreuzen. Das hatte nicht funktioniert. Scheinbar hatten die Eizellen einen nicht erkennbaren Defekt. Umgekehrt ging man in die Reservate und versuchte, Frauen ohne Zivilisationskontakt mit den neuen, jungen Männern zu paaren. Das Resultat war gleichermaßen negativ.
Die Bevölkerung war damals so groß, dass nicht sofort eine Panik aufbrach. Einige Dynastiehäupter wollten nichts unversucht lassen, um ihr Geschlecht in die Nachwelt zu perpetuieren.
2071 erforschte ein Forscherteam eine ganz kleine DNA-Kette, welche 2008 zu den "vom Menschen gar nicht erst ausgenützten Gen-Potential" zugerechnet worden war. Damals konnte auch keinerlei Bedeutung dieser DNA-Kette erkannt werden. Fest stand im Jahr 2071 nur, dass diese Kette in der Bevölkerung des Jahres 2071 nicht mehr vorhanden war. So als hätte der Mensch über die Jahre endlich den Appendix als Resultat einer Mutation aufgeben können.
Die synthetische Einbringung der DNA-Kette in den normalen Genstrang schien nicht zu funktionieren. Die Zellen starben reihenweise ab.
Nachdem gezählte zehn Jahre kein Kind mehr auf natürliche Weise geboren noch in der Retorte in der "zivilisierten Welt" gezüchtet werden konnte, flüchteten die Reichen nach Afrika und Südamerika und überschwemmten die letzten indonesischen Inseln. Ein merkwürdiger unerklärlicher Effekt trat ein. Der Geschlechtsverkehr mit
minusvitalen (so nennt man mittlerweile die Personen mit fehlendem DNA-Kettenbaustein) verändert die Genstruktur der Geschlechtspartner.
Einige Kultur-Inseln von größtenteils religiös organisierten Gruppen hatten es noch geschafft, sich ihre Fortpflanzungsfähigkeit zu erhalten. Allerdings wurde ungefähr die Hälfte dieser Gruppen genauso wie die primitiven Völker bei Wiederherstellungsversuchen verseucht.
In der Zwischenzeit hatte ein Maschinensturm auf Biolabors eingesetzt. Dieser zerstörte möglicherweise die letzte Möglichkeit zur Forschung nach Abhilfe. 2105 war die Bevölkerung der Erde auf vier Milliarden gesunken. Der Altersdurchschnitt lag bei 52 Jahren.
2107 liest man auf dem Grabstein des berühmten Philosophen
Walhal El Semblante folgende Zeilen:

"Wir sind endlich erwacht,
doch für uns war es zu spät.
"
walhalladada - 3. Feb, 23:59

minusvital

Ich muss das erst mal durchrechnen, lieber Herr Steppenhund, für heute bin ich dazu zu müd.
(Aber mein erster Eindruck: Solange es einen 'link' von 'meinem' Grabstein auf mein Blog geben wird, scheint die Welt mir ganz in Ordnung...)

walhalladada - 4. Feb, 15:52

Keine Panik auf der Titanic

1898 hat ein unbekannter Schriftsteller - Morgan Robertson - ein Buch mit dem Titel Futility geschrieben. Es handelt von einem Wunder der Technik, einem großen englischen Passagierdampfer, der bei der Überquerung des Ozeans mit einem Eisberg kollidiert und untergeht. Das fiktive Schiff hatte 70.000 BRT, es war 800 Fuß lang, mit drei Schiffsschrauben ausgestattet und konnte ca. 3000 Passagiere aufnehmen; die wirkliche Titanic, die im April 1912 unterging, hatte 66.000 BRT, war 882,5 Fuß lang, war mit drei Schiffsschrauben ausgerüstet und konnte ca. 3000 Passagiere aufnehmen....Als letzte Überraschung - Robertson hatte sein fiktives Schiff auf den Namen Titan getauft.
Was zeigt uns aber die Tatsache, dass die Fiktion 14 Jahre später von der Realität eingeholt worden ist? Der Untergang der Titanic hat - neben der unbezweifelbaren Katastrophe, die er darstellt, noch eine symbolische Funktion. Das eigentliche Trauma, welches der Untergang der Titanic bis HEUTE darstellt, besteht darin, dass das 'Unmögliche' geschehen konnte.
Bevor das reale Unglück überhaupt geschehen konnte, musste es aber in der Phantasie bereits durchgespielt sein.

Ihr Szenario, Herr Steppenhund, bereitet im phantasmatischen Raum den Nährboden dafür, dass es so geschehen wird, wie sie es an die Wikipediawand malen.
Sind Sie sich eigentlich der Verantwortung bewusst, die Sie damit eingegangen sind?

steppenhund - 4. Feb, 19:27

Sind Sie sich eigentlich der Verantwortung bewusst, die Sie damit eingegangen sind?

Durchaus!
Einerseits bin ich davon überzeugt, dass alles irgendwann einmal eintrifft, was gedacht werden konnte. Das hat mich schon als Kind an Jules Verne begeistert.
Andererseits trage ich an der Verantwortung nicht so schwer, denn ein ähnliches Szenario hat Herbert Franke schon einmal in "die weiße Pest" beschrieben, in einem Roman, dem ich prophetische Weisheit zuschreibe.
Ich könnte nicht sagen, welches Szenario realistischer ist, seines oder meines. Ich bin aber überzeugt, dass es auch bereits andere Personen gibt, für die es die Realität des Fiktiven gibt und die ähnliche Gedanken gehabt haben.
Auf einer Metaebene bin ich allerdings Optimist. Ich würde daher das Szenario als eine Widerlegung des Konstruktivismus auffassen, denn ohne etwas, was wir uns momentan noch nicht vorstellen können, werden wir aus dieser "Mache alles, was du kannst"-Falle nicht entkommen können. Irgendwie haben wir aber bisher doch immer wieder die Kurve - wie in einem James Bond-Film - gekratzt.
Es muss also mehr geben, als wir uns selbst vorstellen können:)
walhalladada - 4. Feb, 23:15

Immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her :)
steppenhund - 4. Feb, 23:19

Ein Lichtlein ist viel zu vorstellbar:)
walhalladada - 4. Feb, 23:40

Das Nicht-Gewusstsein der Realität liegt im Wesen ihrer selbst.
Was, Herr Steppenhund, ist es denn, was Sie sich nicht
vorstellen können?
steppenhund - 5. Feb, 02:05

fast alles

im mathematischen Sinn.
Die Gegenstände meines Vorstellungsvermögens sind abzählbar.
Ich kann mir nichts (alles nicht) vorstellen, was weder an mich herangetragen wurde, noch aus einer logischen oder fantasievollen Ableitung des Herangetragenens von mir abgeleitet wurde.
Das bedeutet also, dass es eine unendliche Menge an Nicht-Vorstellbarem gibt, welches nichts destoweniger vorstellbar ist.
Es ist dies einer der größten Vorwürfe, welche ich den Konstruktivisten mache. Sie verhalten sich wie ein Verbrecher, der alles leugnet, bis man ihm wieder ein Stückchen beweist. Dann sagen sie: "nun gut, das gebe ich zu. Sonst werden sie mir aber nichts beweisen können."
Ich hingegen folgere, dass aus dem Umstand, dass immer noch ein Stückchen bewiesen werden kann, ein Ende dieses Bewiesenwerdenkönnens nicht abzusehen ist.
Es gibt vieles, von dem ich mir vorstellen kann, dass ich es mir nicht vorstellen kann.
walhalladada - 5. Feb, 17:29

Vielen Dank für dieses Vorstellungsgespräch .-)

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