Wahrheit - einer der schwierigsten Begriffe

Ich warte gerade 5 Minuten auf einen Download. Das gibt mir die Zeit, die Frage zu formulieren.
Gibt es eine Wahrheit?
-
Mit den Unterfragen:
Gibt es eine für uns feststellbare Wahrheit?
Gibt es eine Wahrheit, welche unabhängig von einer religiösen Glaubensüberzeugung ist?
Können wir alles feststellen?
Wie gehen wir damit um, dass wir immer weniger wissen, je mehr wir erforschen?

Download beendet ... ich mus wieder arbeiten.
nömix - 17. Jan, 10:40

Die Wahrheit ist keine Hauptspeise, sondern ein Gewürz.
Christopher Morley

steppenhund - 17. Jan, 11:45

Sehr hübsch!
david ramirer - 17. Jan, 11:05

mir gefällt dazu

ja hermann hesses ansatz am besten:

Chinesische Legende
Hermann Hesse

Von Meng Hsiä wird berichtet:
Als ihm zu Ohren kam, dass neuerdings die jungen Künstler sich darin übten, auf dem Kopf zu stehen, um eine neue Weise des Sehens zu erproben, unterzog Meng Hsiä sich sofort ebenfalls dieser Übung, und nachdem er es eine Weile damit probiert hatte, sagte er zu seinen Schülern: „Neu und schöner blickt die Welt mir ins Auge, wenn ich mich auf den Kopf stelle.“
Dies sprach sich herum, und die Neuerer unter den jungen Künstlern rühmten sich dieser Bestätigung ihrer Versuche durch den alten Meister nicht wenig.
Da dieser als recht wortkarg bekannt war und seine Jünger mehr durch sein bloßes Dasein und Beispiel erzog als durch Lehren, wurde jeder seiner Aussprüche beachtet und weiter verbreitet.
Und nun wurde, bald nachdem jene Worte die Neuerer entzückt, viele Alte aber befremdet, ja erzürnt hatte, schon wieder ein Ausspruch von ihm bekannt. Er habe, so erzählte man, sich neuestens so geäußert: „Wie gut, dass der Mensch zwei Beine hat! Das Stehen auf dem Kopf ist der Gesundheit nicht zuträglich, und wenn der auf dem Kopf Stehende sich wieder aufrichtet, dann blickt ihm, dem auf den Füßen Stehenden, die Welt doppelt so schön ins Auge.“
An diesen Worten des Meisters nahmen sowohl die jungen Kopfsteher, die sich von ihm verraten oder verspottet fühlten, wie auch die Mandarine großen Anstoß.
„Heute“, so sagten die Mandarine, „behauptet Meng Hsiä dies, und morgen das Gegenteil. Es kann aber doch unmöglich zwei Wahrheiten geben. Wer mag den unklug gewordenen Alten da noch ernst nehmen?“
Dem Meister wurde hinterbracht, wie die Neuerer und die Mandarine über ihn redeten. Er lachte nur. Und da die Seinen ihn um eine Erklärung baten, sagte er: „Es gibt die Wirklichkeit, ihr Knaben, und an der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber, nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede ist ebenso richtig wie sie falsch ist.“

Zu weiteren Erklärungen konnten ihn die Schüler, so sehr sie sich bemühten, nicht bewegen.

(Zitiert nach: Hermann Hesse, Legenden, suhrkamp TB, S. 184/185)

steppenhund - 19. Jan, 10:27

Ich mag diese Stelle auch sehr. Ich glaube aber, dass sie eher auf das Wesen der Toleranz abzielt.
Wenn ich von einer objektiven Wahrheit spreche, meine ich eine Wahrheit, die von jeder Person als gleich gültig anerkannt werden kann, weil die Fakten keine andere Auslegung zulassen. Um eine solche Wahrheit zu suchen, muss in der Denkhaltung aber das Scheitern mit einberechnet sein. Ich muss mir also darüber klar sein, dass ich niemanden von "meiner gefundenen" Wahrheit überzeugen möchte. Ich kann sie höchstens äußern und darauf warten, dass andere Menschen sie auch finden.
david ramirer - 17. Jan, 11:20

meine ganz persönlichen antworten sind im übrigen:

es gibt eine wahrheit (für jeden, der sie temporär - aus welchem grunde auch immer - benötigt)
-
die unterfragen:
Gibt es eine für uns feststellbare Wahrheit?
im plural ("uns") mit sicherheit nicht
Gibt es eine Wahrheit, welche unabhängig von einer religiösen Glaubensüberzeugung ist?
religiöse glaubensüberzeugungen sind anderen welterklärungsmodellen nicht nachrangig aufzufassen: wissenschaftliche, künstlerische, philosophische oder politische weltmodelle funktionieren als brutstätte für diverse wahrheiten ebensogut. religiöse modelle genießen ihren "sonderstatus" (um nicht den etwas diskriminierenden ausdruck "geschützte werkstätte" gebrauchen zu müssen) zu unrecht.
Können wir alles feststellen?
theoretisch vielleicht. in der praxis wird aber die zeit immer knapper.
Wie gehen wir damit um, dass wir immer weniger wissen, je mehr wir erforschen?
das erkennen der eigenen unzulänglichkeit kann keinesfalls schaden. vor allem nicht bei einer derart der hybris verfallenen spezies wie der unseren.

steppenhund - 17. Jan, 11:51

darauf möchte ich heute Abend noch in Ruhe antworten. Sehr interessante Meinungen, die ziemlich konträr zu meinen sind. Im Lichte deiner "persönlichen Wahrheiten" kann es hier aber gar keine Streitpunkte geben;)
steppenhund - 18. Jan, 19:09

ich bin ein bisschen zu spät dran ...

Vieles von meinen Antworten hat stilz formuliert. Er drückt eine Meinung aus, die ich sehr respektiere.
Mein eigener Wahrheitsbegriff geht in eine etwas andere Richtung. Ich frage mich, ob es Aussagen gibt, die unter allen Umständen war sind und die man mit falsch oder richtig beurteilen kann.
Beispiel: gibt es logische Ableitungen, die nicht von der Zeit abhängig sind?
Wenn a=b und b=c, gilt dann immer a=c. (Unter der Berücksichtigung, dass die Gleichheit überhaupt festgestellt werden kann.) Bereits bei einem so einfachen Beispiel, benötigt es so viele Randbedingungen, um die Aussage überhaupt zu zu lassen, dass ich meine ursprüngliche Frage verneinen müsste.
Oder einfacher: schließen sich (a) und (nicht a) immer gegenseitig aus?
Ich wähle absichtlich ganz einfache logische Formeln, um die Nachvollziehbarkeit zu erleichtern.
-
Glaubensmäßig denke ich, dass es absolute Bestände, Wahrheiten, Zusammenhänge gibt. Gleichzeitig ist aber nichts davon dem menschlichen Verständnis zugänglich. Das ist möglicherweise ganz gut so, denn wir könnten manches vielleicht gar nicht aushalten. Vieles verdrängen wir als Selbstschutz. Das Leid auf der Welt können wir nicht einfach aufnehmen, wir müssten zerspringen. Die Wahrheit, wie unbedeutend jedes Individuum ist, könnte uns auch in den Ruin treiben.
Wenn ich aber in dem Zusammenhang die Genesis mit dem Sündenfall ansehe, der Genuss vom Baum der Erkenntnis, dann interpretiere ich frei heraus folgendes: Adam und Eva konnten vor dem Sündenfall viel mehr Wahrheit vertragen, aber nicht alles. Der mögliche Ausblick auf weiteres Erkennen führte zu einem Schock und zum Einrichten einer Schutzfunktion, die uns die Zugänglichkeit zu Wahrem versperrt.
In Bezug auf die Wahrheit sind wir Krüppel und so helfen wir uns mit individuellen Wahrheiten. Funktioniert ja auch ganz gut, wenn man von den Reibungsverlusten absieht;)
Sorry für die etwas metaphysische Anhauchung.
stilz (anonym) - 18. Jan, 16:46

Auf diese Fragen möchte auch ich meine persönlichen Antworten geben:

Gibt es eine Wahrheit?
Wahrheit ist das, was wir für wahr nehmen.
Und das, was wir wahr-nehmen, hängt unter anderem davon ab, wo wir stehen, und aus welchem „Fenster“ wir blicken. Daraus ergibt sich: es gibt nicht „eine“, sondern unendlich viele Wahrheiten.

Gibt es eine für uns feststellbare Wahrheit?
Eine einzige Wahrheit, die für so be-wahrens-wert gehalten wird, daß man das Bedürfnis hat, sie fest-zu-stellen… und damit die in Bewegung befindliche Ewigkeit anzuhalten, zum Augenblicke zu sagen „verweile doch…“ --- ist das wirklich das, was wir wollen?

Gibt es eine Wahrheit, welche unabhängig von einer religiösen Glaubensüberzeugung ist?
Zweigeteilte Antwort:
Wahrheit unabhängig von „Glaubensüberzeugung“? Ja.
Wahrheit unabhängig von „Re-ligion“? Nein (siehe unten).

Können wir alles fest-stellen?
Zum Glück ist der Kreis der Dinge, die sich „fest-stellen“ lassen, noch immer sehr viel kleiner als der Kreis derjenigen Dinge, die in ewiger Bewegung bleiben.

Wie gehen wir damit um, daß wir immer weniger wissen, je mehr wir erforschen?
Ja – da komme ich jetzt wieder zur re-ligio, zur „Rückverbindung“…
Denn wenn ich davon ausgehe, daß allein das, was ich WEISS, mir Halt verleiht, weil ich von allem „Ungewissen“, „nicht Fest-gestellten“ abgetrennt bin --- dann ist es sicherlich eine sehr schwierige Sache, zu bemerken, wie winzigklein das „Wissen“, an das ich mich klammere, ist - angesichts des riesigen bislang Unerforschten, noch Unge-wissen, nicht Fest-gestellten.
Aber wenn ich mir dessen bewußt bin, daß ich gerade mit diesem „nicht Fest-gestellten“, Unbenannten zutiefst verbunden bin, in meinem Innersten ebenso wie im Äußersten --- dann kann ich auf festem Grunde stehen, auch noch bevor ich alles Erforschbare erforscht habe, selbst wenn sich etwas "Fest-gestelltes" als bloß vermeintlich herausstellen sollte, und sogar auch, wenn es tatsächlich „Unkennbares“ geben sollte.

Ich bezweifle, daß eine reine „Glaubensüberzeugung“ eine solche Re-ligion zu erzeugen vermag. Das, was heutzutage zumeist unter "Religion" verstanden wird, ist jedenfalls etwas ganz anderes.

Allerdings: eine Wahrheit ohne eine solche „Rückverbindung“, die mir doch erst die Gewißheit gibt, daß ich mich trauen kann, etwas Wirk-liches wahr-zu-nehmen, und auch: daß ich dem, was ich als wirk-lich wahr-nehme, trauen kann --- eine „Wahrheit“ ohne eine solche Gewißheit kann ich mir nicht vorstellen.

steppenhund - 18. Jan, 18:49

Es ist schön, so qualifizierte Antworten zu bekommen. Ich denke, dass hier die Subjektivität einer Wahrheit sehr gut ausgedrückt ist.

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