Glück gefunden

in Minima Moralia

...
Mit dem Glück ist es nicht anders als mit der Wahrheit: Man hat es nicht, sondern ist darin. Ja, Glück ist nichts anderes als das Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter. Darum aber kann kein Glücklicher je wissen, daß er es ist. Um das Glück zu sehen, müßte er aus ihm heraustreten: er wäre wie ein Geborener. Wer sagt, er sei glücklich, lügt, indem er es beschwört, und sündigt so an dem Glück. Treue hält ihm bloß, der spricht: ich war glücklich. Das einzige Verhältnis des Bewußtseins zum Glück ist der Dank: das macht dessen unvergleichliche Würde aus.

[Theodor W. Adorno]
wvs - 16. Jan, 03:40

Irrt Adorno?

" .. Treue hält ihm bloß, der spricht: ich war glücklich. .. "
- Eine lediglich sprachlich begründete Spitzfindigkeit, die den Ablauf negiert:
Wer eine Aussage zu seinem Glück macht tut dies immer im Nachhinein, denn die Aussage muß sich - zwangsläufig - auf eine Situation beziehen, die zuvor bestand und gefühlt wurde .... und erst nachher Ausdruck findet / finden kann.

Der Adorno'sche Ansatz ist unlogisch und daher falsch.

steppenhund - 16. Jan, 07:00

Adorno verwehrt sich gegen die Aussage: "Ich bin glücklich." Ich halte das für eine durchaus logische Ableitung, die auch in deinem Text nicht anders beschrieben ist.
walhalladada - 16. Jan, 08:14

@wvs

Ich glaube nicht, dass die Kategorien 'richtig' <> 'falsch' bei so einer Aussage überhaupt greifen können. Und was heißt denn überhaupt eine bloß 'sprachlich begründete Spitzfindigkeit'...? Welche außersprachlich begründeten Zusammenhänge kennen Sie denn?
Adorno lesen, heißt unter folgender Prämisse lesen:
»Der wahre Verstand ist nicht so sehr die Fähigkeit, Ideen zu haben, die klug oder genau oder auch richtig und zutreffend sind, vielmehr ist er ein Attribut mancher Geister. Der Verstand ist gleichsam ein besonderer Widerhall, eine eigentümliche Dichte, eine einzigartige Stimmung, eine bezeichnende Atmosphäre. Es liegt mehr Verstand darin, sich auf eine bestimmte Art zu irren, als auf andere Art das Richtige zu treffen.«
(Nicholás Gómez Dávila)

So kompliziert ist das :)
steppenhund - 16. Jan, 08:18

Das einzige, was ich hier Adorno entgegenhalten könnte aber nicht tue, ist die Einengung des Glücks auf einen Moment. Mit Umfangensein würde ich eine Dauer mit einschließen. Die Dauer lässt sich bei Adorno aber gar nicht herauslesen, also dürfte es nur eine sprachliche Diskrepanz sein.
Sein im Sprachlichen dauert für mich länger, es sei denn, dem Verb wird noch ein Im Augenblick hinzugefügt.
wvs - 16. Jan, 18:01

@ walhalladada

Klar.

Wer bin ich denn,
daß ich mir erlaube Adorno etwas "Falsches" zu unterstellen ....

Die angeführte "Prämisse" scheint mir ein Freibrief für Spinner zu sein, die, ertappt, sich darauf berufen und glauben dadurch exculpiert zu sein/werden .... Nein, als Naturwissenschftler sage ich Ihnen:
Es gibt kein "vielleicht" oder "ein wenig" zwischen "richtig" und "falsch" - sowenig wie es "ein bißchen schwanger" gibt.
steppenhund - 16. Jan, 18:16

@wvs

Es gibt nicht ausschließlich wahr oder falsch. Es gibt auch untentscheidbar. Das wissen wir seit dem 20. Jahrhundert. Georg Cantor, Kurt Gödel, Paul Cohen...
walhalladada - 16. Jan, 23:24

@wvs

Ich verstehe gar nicht, was Sie da in Ihrer Eigenschaft als 'Naturwissenschaftler' auch typographisch so in 'Wallung' versetzt? Ich halte Adorno keineswegs für sakrosankt. Wer ihn dafür hält, wird ihn auf alle Fälle verfehlen. Aber sein Gedanke eines 'Glücks', dem man nicht mit dem Präsenz gerecht werden kann, scheint mir - aus eigener Erfahrung - nachvollziehbar. Ich habe wohl auch oft gesagt: 'Ich bin glücklich', aber das war bei Lichte besehen, wenig mehr als praktizierte NLP...
Das Wesen des Glücks offenbart sich wohl eher im retrospektiven Blick, was sehr zu bedauern ist. Vergessen wir aber nicht, dass es dem Glück nicht besser als der Wahrheit geht: 'Man hat sie nicht, sondern ist darin'.
Sie können sie also gerne haben!
rosmarin - 16. Jan, 23:47

da versucht mal einer, den seelengeschmack eines kusses zu beschreiben und dann hacken die gockel derart auf einander und dem beschreiber rum...
schade. ich hätte es beim lesen des postings belassen sollen. das konnte immerhin einen angenehmen seufzer entringen.
stattdessen lese ich die kommentare.... und seufze nochmal. diesmal schwer.
wvs - 17. Jan, 00:54

@ steppenhund
Für mich gibt es nur "wahr" und "unwahr" - das ist das Wesen der Naturwissenschaft, Geisteswissenschaftler mögen das anders sehen - und wie ich kürzlich las - gehört ja die Mathematik (mit den unentscheidbaren Fällen oder generell?) zu den Geisteswissenschaften ....

@ walhalladada
Ich bin immer dann "in Wallung" - wie Sie es ausdrücken - wenn suggeriert wird es gebe mehr als eine Wahrheit:
Allein die Abfolge von Empfinden und Bewußtwerden unterliegt doch einer Zeitverschiebung, der die Beschreibung - zeitlich gesehen - zwangsläufig folgen muß. Dies festzuhalten ist Binsen dreschen. Da gefällt mir der Satz " .. Verschrei es nicht .." wesentlich besser, weil er ehrlich und ohne Schnörkel ist.

@ rosmarin
Da Sie immer wieder auf ihr "Frau-sein" hinweisen indem Sie Männer als "Streithansel" und "Hähne" abstempeln beschleicht mich der Verdacht, Sie könnten ein Problem mit dem "Frau-sein" haben ...?
Abgesehen davon stelle ich bisher immer nur fest, daß sich ihre Kommentare in der leicht abschätzigen Beurteilung der Kommentare/Kommentatoren verlieren - wo ist bei Ihnen Substanz?
rosmarin - 17. Jan, 01:05

werter wvs
mit keinem wort habe ich auf mein oder anderer frausein hingewiesen. ich habe lediglich das gockelverhalten moniert. dies könnte ich auch, wenn ich selbst ein gockel wäre.
andererseits haben sie vollkommen recht. es fehlt mir einfach an substanz.
feix
und bedauern muß nicht unbedingt als abschätzig ausgelegt werden.... vorausgesetzt man ist kein gockel :-))))))
aber selbstverständlich bleibt es ihnen unbenommen, kritische kommentare auf problematiken des kritikers zurückzuführen.
das allerdings halte ich für dumm und unfair.
wvs - 17. Jan, 01:55

@ rosmarin
q.e.d. .... ihr Kommentar war - und dieser ist - nicht kritisch sondern polemisch.

".. problematiken .. " - tz, tz, 'tick' - 'tack' .... das ist unter ihrem Niveau ....
wohingegen " .. dumm und unfair .. " nur völlig neutral gemeint sein konnten ....
steppenhund - 17. Jan, 07:45

@wvs

wahr - oder falsch?
Dann bestimmen Sie doch einmal, ob Schrödingers Katze lebt oder tot ist.
Wenn Sie die Kopenhagener Konvention auflösen, bekommen Sie vermutlich den Nobelpreis.
Die Physik werden Sie ja doch wohl zu den Naturwissenschaften zählen.
wvs - 17. Jan, 12:26

@ steppenhund

Es ehrt mich, wenn Sie mir zutrauen derart komplexe, bislang ungelöste Gedankenexperimente auflösen zu können .... was ich auszudrücken versuchte - aber offensichtlich nicht so, daß es auch verstanden werden kann - war, daß es aus meiner Sicht immer ein Gegensatzpaar gibt: wahr - unwahr, falsch - richtig, gut - böse, etc. zwischen dessen Extremen sich alle Varianten abspielen [wählte ich also vereinfachend schwarz - weiss, so wären es die vielzitierten "Graustufen"]. In einigen Fällen ist aber außer den Extremen keine "Zwischenstufe" denkbar/möglich/bekannt - und dazu zähle ich eine/die Zeitbestimmung: Vor - Nach. Hier gibt es kein "Dazwischen" - außer möglicherweise (wieder) im Quantenbereich, der, so darf ich bestimmt feststellen, den "normalen Menschen" einen Kehrricht schert ....
Damit nicht der Eindruck entsteht, ich wolle hier 'auf Biegen und Brechen' meine Meinung durchsetzen ziehe ich mich jetzt zurück. Nicht aus Resignaton, sondern weil ich den vorgetragenen Argumenten nichts hinzuzufügen habe.

Ich bin aber sehr gespannt, wie sich dieser 'thread' fortentwickelt ....
steppenhund - 17. Jan, 18:00

@wvs

Die Quantenphysik musste ich bemühen, weil so apodiktisch die Bipolarität wahr-falsch (od. andere) der Naturwissenschaft angedient wurde.
Dass der Quantenbereich keinen Nicht-Physiker schert, kann ich verstehen. Trotzdem soll hier ausgesprochen werden, dass auch niemand, der auf twoday schreibt oder liest, dies tun könnte, wenn nicht bestimmte quantenpyhsikalische Effekte in den letzten 40 Jahren für "normale" technische Nutzung erforscht worden wären.
In anderen Wissenschaften, beispielsweise Chemie, scheren sich die Leute auch nicht um bestimmte Verbindungen, beispielsweise Thalidomid, wenn nicht plötzlich ein bestimmter Zusammenhang publik wird.
Die Antworten, auch Ihre vorige, haben immerhin bewirkt, dass ich einen neuen Eintrag eingestellt habe:)
rosenherz - 16. Jan, 12:40

Die angeführte Aussage Adornos über Glück kommt mir vor, wie eine Aussage eines Ausstellungsbesuchers, der mit geschlossenen Augen vor dem Bild Monets steht und von Eindrücken des Bildes phliosophiert.

"Treue hielt ihm bloß, der spricht: ich war glücklich." Das halte ich für eine Verneinung der Seinsgefühle, mit der Adorno sich in eine Bewußtseinsblase begibt. Eine Denkblase des im Nachinein definierten Glücks.

steppenhund - 16. Jan, 18:17

Im Sein vom Glück zu sprechen negiert das Glück bereits. Das sagt schon der Volksmund: "Verschrei es nicht!".
rosenherz - 16. Jan, 20:11

Lieber Steppenhund, wieso? Weil alterhwürdige Phliosophen sagen, das Sein sei unaussprechlich?

Würdest du mir das bitte näher erklären mit deiner Antwort?
Wenn wir mit dem Auto fahren und es als Auto benennen, dann ist das auch nicht im Moment des Benennens negiert, dass es ein Auto ist.
steppenhund - 16. Jan, 23:21

Was man ohne weiteres sein kann, ist zufrieden. Das Glück ist von einer Dimension, die das Individuum als einfachen Punkt übrig lässt. Das Glück bleibt außerhalb der Person.
Wenn nun aber die Person beginnt, über das Glück nachzudenken, wird der absolute Anspruch von Glück gemindert, ein bisschen davon wandert in die Überlegung, in die Gedanken des Menschen. Er tritt also aus sich heraus, weil er seinen Punkt aufbläht.
Das klingt jetzt vermutlich ziemlich blöd. Es geht aber sicher nicht darum, etwas so oder anders zu empfinden, weil es jemand gesagt hat. Der Jemand versucht ja auch nur, etwas ziemlich Unfassbares auf greifbare Begriffe und Anschaulichkeiten zu reduzieren.
Wenn es dir nicht gefällt, sagst Du einfach, dass es nicht dein Begriff von Glück ist.
Ich selber habe Glücksgefühle empfunden, wenn ich im "Flow" war. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Flow_(Psychologie) )
Der Flow setzt voraus, dass man in einer Tätigkeit aufgeht und nicht gleichzeitig darüber nachdenkt. Für mich ist Flow und Glück verwandt. Deswegen kann ich mit der Adorno-Version recht gut leben.
rosenherz - 18. Jan, 16:47

Erst einmal danke, Steppenhund, für deine Ausführungen, mir Adornos Aussage über das Glück aufzuschlüsseln und näher zu bringen.Das Gesagte wirft Fragen auf, die ich in den Raum stelle.

"Das Glück stammt von einer Dimesion stamme, die das Indiviuum als einfachen Punkt übrig lässt. "
.) Von wem stamm diese Aussage. Von Adorno? Von dir, Steppenhund?

.) Wie ist diese Aussage entstanden? Worauf begründet sie sich?
steppenhund - 18. Jan, 18:54

Das mit dem Punkt stammt von mir. Ich habe es momentan mit den Punkten:)
Die Aussage gründet sich darauf, dass ich Glück mit etwas Perfektem in Verbindung bringe. Das heißt, es darf nichts vom Menschen hineinreichen, da dieser so etwas wie eine Verunreinigung des Perfekten darstellt. (Nicht wertend gemeint)
Über weitergehende Interpretationen Adornos kann ich nichts sagen. Ich denke, dass jeder Mensch für sich selbst mit der Formulierung zurechtkommen muss - oder halt nicht. Für mich ist sie aussagekräftig, sonst hätte ich das Zitat nicht gebracht oder zumindest eine Kritik dazugesetzt;)
walhalladada - 18. Jan, 20:13

u.a.@rosenherz

Adornos Satz vom Glück kann man annehmen oder ablehnen. Was man nicht kann, ist ihn mit der Kategorie 'falsch' zu stempeln.
Adorno reflektiert den Begriff ganz innerhalb seiner Erfahrungswelt.
Die 'Minima Moralia' aus denen das Zitat stammt, hat Adorno 1944/45 im amerikanischen Exil verfasst. Adornos Anspruch, 'Momente einer Philosophie der subjektiven Erfahrung' zu darzustellen, ist von der historischen Erfahrung nicht zu trennen. Der Denkgestus des Philosophen ist trotzdem dem Allgemeinen verpflichtet. Adorno sagt nicht: Ich meine,/Ich denke,usw. und trotzdem ist das, was er sagt subjektiver als diese völlig belanglose 1.Person,Singular, die Sie wohl eher akzeptieren könnten, wenn ich Sie recht verstehe.
Seine Aussage über das Glück kann gar nicht 'ganz falsch' sein, genau so wenig wie sie 'ganz wahr' sein kann. In ihr exemplifiziert sich qua definitionem eine Erfahrung von 'Glück', die in ihrer ganzen Subjektivität zumindest einen Anteil an einer 'objektiven Wahrheit'(?) gewinnen kann. Und das ist doch immerhin schon was, oder vielleicht nicht?
stilz (anonym) - 20. Jan, 16:24

@ steppenhund

Du sagst: "... Die Aussage gründet sich darauf, dass ich Glück mit etwas Perfektem in Verbindung bringe."
Ja, da stimme ich zu - Glück hat mit "perfekt" zu tun, und genau in diesem Wort liegt für mich der Schlüssel: perfekt, also nicht praesens, gegenwärtig, sondern per-fectum, vergangen.
Ohne neuen Anlaß zu Streitereien geben zu wollen, möchte ich doch die Frage stellen, ob unter diesen Voraussetzungen etwas schon dann Glück ist, wenn ich es, von ihm "umfangen", erlebe ... oder ob es erst dazu wird, wenn ich es, im Nachhinein reflektierend, mir bewußt mache, also zB "ich war glücklich" denke oder sage... ?
steppenhund - 20. Jan, 16:37

@stilz

Mit mir wirst Du da nicht ins Streiten kommen. Ich sehe das genauso wie Du. Und eigentlich interpretiere ich auch Adornos Aussage in diese Richtung.
Es hat etwas Quantenmechanisches an sich: erst durch die Beobachtung entscheidet sich der Zustand.
rosenherz - 27. Jan, 21:25

@steppenhund

Mir ist eine nette Defination zum Thema Punkt untergekommen: "Ein Punkt ist das, was übrig bleibt, wenn man einem Zirkel die Schenkel ausreißt.", definiert der Mathematiker Edmund Hlawka.
steppenhund - 27. Jan, 23:13

Bei Hlawka habe ich noch selbst gehört.
Aber der Spruch ist einfach ein Kalauer...
stilz - 28. Jan, 13:57

Ich kenne diesen Satz ein bisserl anders: „…wenn man einem WINKEL die Schenkel ausreißt“ --- dann scheint mir irgendwie noch weniger übrigzubleiben als bei einem Zirkel, von dem ich doch immer noch was in der Hand hätte…

Aber wie dem auch sei - ich finde es jetzt sehr interessant, diesen Satz auf den „Zeitpunkt“ anzuwenden:
Würde das nicht bedeuten: Um den gegenwärtigen Zeitpunkt zu erleben, muß man die „Schenkel“ Vergangenheit und Zukunft erst „ausreißen“… wenn das gelingt, kann man von „Glück“ sprechen. Allerdings, zu der Zeit, in der man davon spricht, ist der „Punkt“ natürlich schon zu einem Teil eines der „Schenkel“ geworden… womit wir wieder beim Ausgangs-Punkt, nämlich Adorno, wären :-)
steppenhund - 28. Jan, 15:25

@stilz

Ich finde die Schlussfolgerung absolut erbaulich, der Analogie hinsichtlich Vergangenheit und Zukunft kann ich in dem Bild viel abgewinnen.
Danke für den erhellenden Kommentar!

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