Mathematiker sind blöd

oder sie werden es.
Wer frühere Einträge von mir gelesen hat oder mich persönlich kennt, wird die Ironie meiner Aussage richtig einschätzen können.
Gerade weil mich meine Freunde und Verwandten kennen, bekomme ich zu Weihnachten auch Bücher, die sich mit ungelösten Fragen beschäftigen. Oder mit Paradoxa.
Über die Feiertage habe ich vornehmlich in einem Buch gelesen, welches sich mit dem Paradoxon von Banach-Tarski beschäftigt.
Das Buch ist so gut geschrieben, dass die wesentlichen Punkte der Beweisführung sehr verständlich erklärt scheinen. Interessanterweise war am 3. Jänner ein Radiobeitrag über eine neue Biografie über Georg Cantor, dem Begründer der Mengenlehre, der mit einem fingierten Streitgespräch zwischen einem Platoniker und einem Realisten dramatisiert war.
Anläßlich eines früheren Beitrags bemerkte ein anonymer Kommentator, dass ich die Quadratur des Kreises wohl vergeblich versuchen würde. (Gleichzeitig die Masse und die "Elite" anzusprechen)
Für mich erscheinen nun drei Themen als erwähnenswert:
  1. die Erklärung der mathematischen Standpunkte
  2. die Erwähnung, dass ich jetzt langsam begreife, wie vertrottelt die Lehrplanersteller gewesen sind, welche die Generation nach mir unbedingt mit Mengenlehre füttern musste.
  3. die Darstellung, dass die Quadratur des Kreises tatsächlich möglich ist. (nicht griechisch sondern scherenkongruent)
Damit dieser Beitrag nicht zu lang wird, beschränke ich mich heute auf den ersten Punkt. Für eine genauere Betrachtung bietet sich auch die Philosophie der Mathematik an.

Die platonische Sicht der Mathematik (oder der mathematische Realismus) behauptet, dass die mathematischen Objekte unabhängig vom menschlichen Geist existieren. Eine Zahl pi, ein Beweis, eine Lösung wird vom Mathematiker entdeckt. Die mathematischen Objekte sind genauso wenig ein Erzeugnis des menschlichen Geistes, wie ein Diamant ein Erzeugnis des Geologen ist. "Ein talentierter Mathematiker erschafft keine Mathematik, er entdeckt sie." (Leonard M. Wapner, Aus 1 mach 2)
Der Formalismus vertritt die Auffassung, Mathematik sei eine aus Symbolen bestehende Sprache, welche nach bestimmten Übereinkünften zu verwenden seien. Die entstehenden Theoreme und Sätze müssen nicht auf die physikalische Welt angewandt werden. Damit steht die Mathematik abseits der physikalischen Realität. Sie wird damit der gesprochenen Sprache oder dem Kunstwerk vergleichbar.
Es gibt noch einen Standpunkt der Konstruktivisten, welche glauben, dass nur mathematische Objekte Bedeutung haben, die auf endlichem Wege konstruiert werden können. Konstruktivisten neigen dazu, sich unendlichen Prozessen und existenziellen Theoremen zu widersetzen, die den behandelten Gegenstand nicht konstruieren.
Die Konstruktivisten haben Streit mit den Vertretern der beiden oberen Standpunkte, welche einander auch nicht mögen.
Der Formalismus kann auch als Logizismus bezeichnet werden.
Was bedeutet das nun für unsere heutige Ausbildung? Ich kann die manchmal gehörte Behauptung verstehen, dass Mathematik nicht gebraucht wird. Ich verstehe das aus meiner formalistischen Sicht heraus. (Mathematik ist formalistisch, Rechnen ist realistisch, sagt steppenhund). Die formalistische Mathematik hat in der Grund- und Mittelschule nichts verloren, es sei denn, man möchte die Mathematik wie in diversen Sportschulen betreiben. Niemand argumentiert über die Notwendigkeit von Spezialschulen, um gute Skispringer oder Weltcupsieger im Skifahren auszubilden. Gute Mathematiker brauchen wir in Österreich aber doch nicht so dringend, oder? Schließlich gibt es vermutlich kaum einen Politiker, der den Unterschied der beiden oben genannten Extremstandpunkte versteht.
Was wir brauchen, sind minimale Rechenkünste, die eher dem Platonismus zuzuordnen sind. Alles, was ins Unendliche hineinführt, - also sämtliche Schreckgespenste der Konstruktivisten - ist sowieso Teufelszeug.
Im Prinzip benötigen wir also nur die Art von Mathematikunterricht, wie er so schön von Tom Lehrer (Link unbedingt anhören!) besungen wird.
Jetzt ist es aber so, dass wir heute - und speziell die Leser dieses Blogs - von Elektrizität und Elektronik und Mikroelektronik abhängig sind. Diese lässt sich aber nur unter Verwendung solcher mathematischen Formeln konstruieren, welche einmal eindeutig dem Formalismus hinzuzurechnen waren. Erst später fand man dann ganz überraschend die recht realistischen Anwendungen. Imaginäre Zahlen, Vektorrechnung, Differenzialrechnung kommen einmal nicht ohne reine Denkkonstrukte, Abstraktionen, unendliche Folgen, sowie Reihen und Beweise aus, welche auf abzählbaren Unendlichkeit der natürlichen Zahlen beruhen.
Wer soll also diese Mathematik weiterführen? Eine kleine Erschwernis scheint der Umstand zu sein, dass wesentliche mathematische Entdeckungen oder Entwicklungen fast immer in den Twen-Jahren gemacht wurden. Wann sollen denn die Studenten mit der Art zu denken vertraut gemacht worden sein?
Ich fasse also noch einmal zusammen:
Mathematik kann man als etwas verstehen, wofür man bei genügend langer Suche einfache verständliche Beispiel im realen Leben finden kann. (Look back to Tom Lehrer:)
Fortschritt in der Mathematik muss manchmal einen Weg gehen, der über das dünne Eis eines rein logischen Formalismus führt. Da gibt es Erkenntnisse, über die ein Cantor an Dedekind schreibt: "Ich habe das jetzt zwar herausgefunden und kann es beweisen, aber ich kann es nicht glauben."
Es liegt an uns als Eltern, wie wir unsere Kinder an die Mathematik heranführen. Die Schulbehörde stellt sich da ziemlich dumm an. Aber darüber im nächsten Beitrag.
rosenherz - 7. Jan, 12:23

Mathematiker sind blöd - nah geh. Jetzt, wo ich mich nach all den Jahren der leblos erscheinenden Mathematik mit ihr anfreunde und ihre Wurzeln zu ergründen suche, schreibst du, Mathematiker sind blöd! Als Generalisierung widerspricht diese Überschrift deiner Geisteshaltung, scheint mir. Gewürzt mit einem Prise Ironie, regt sie zum Denken an.
Ich halte Mathematik nicht für ein reines Fachwissen, sondern für eine Komponente einer Kultur, in der das Entwickeln menschlicher Fähigkeiten und Beziehungen entscheidende Werte und Ziele sind. Ich greife da deinen Satz "Es liegt an uns als Eltern, wie wir unsere Kinder an die Mathematik heranführen" auf und führe ihn um einen Schritt zurück: Es liegt an uns, wie wir uns erst einmal selbst als Teil der Kultur an die Mathematik heranführen. Als Erwachsene sind wir ja selber dafür verantwortlich, wie wir die Mathematik als Rechenkunst in unserem Alltagsleben im Sinne einer vitalen Lebenskunst integrieren.

steppenhund - 7. Jan, 14:29

Mein Titel ist von der Tatsache abgeleitet, dass sowohl Cantor als auch Gödel in ihren letzten Lebensjahren schwer depressiv und psychisch gestört waren. Manche Biografen schreiben diese Tatsache dem Umstand zu, dass sie sich lebenslang mit Problemen der Unendlichkeit beschäftigt haben. Diese führen aber teilweise zu Ergebnissen, die den Mathematiker zu Denk-Zerreißproben führen.
Sich dem Nichtvorstellbaren allerdings zu verschließen, ist auch keine Wahlmöglichkeit. Da hätten wir heute nicht einmal die Möglichkeit, Gleichungen dritten Grades zu lösen.
Der Ritt über den Bodensee ist halt öfters notwendig als uns lieb ist. Bei geografischen Expeditionen sind auch einige gescheitert, bis andere mit ein wenig Glück zwar nicht Indien aber zumindest Amerika erreicht haben.
walhalladada - 7. Jan, 12:58

...mit Schein ist nicht zu rechnen.

steppenhund - 7. Jan, 13:42

Doch, doch! Gerade die Formalisten beherrschen das sehr gut:)
la-mamma - 7. Jan, 19:40

dazu einmal ein zitat

des mir liebsten mathematikprofessors: "ich verstehe gar nicht, weshalb die sinnhaftigkeit des lateinunterrichts immer wieder diskutiert wird, ich persönlich würde es für wesentlich berechtigter halten, mathematik in der oberstufe abzuschaffen." bei dem hab ich dann wirklich viel gelernt.
mir scheint es ein phänomen der österreichischen schulbehörde bzw. unserer (un)kultur sich da so anzustellen - wer nix von mathematik versteht, wird hierzulande ja sowieso eher selten als ungebildet betrachtet, da ist man ja eher noch stolz drauf.
gezeichnet - die arme "streberin".
auch noch mit kind, dessen erklärtes lieblingsfach mathematik ist. wie es nur dazu gekommen ist?

steppenhund - 7. Jan, 21:32

Aufgrund meines Blogeintrages ließ mir ein guter Freund die Lehrpläne der Unter- und der Oberstufe zukommen. Und die sind gar nicht so schlecht. Wenn ich das aber nüchtern analysiere, wird ausschließlich der mathematische Realismus gelehrt. Ich kann das durchaus verstehen - aber es ist nur das Anstreifen an Mathematik.
Die Bemerkung Ihres Lieblingslehrers klingt überhaupt nicht erstaunlich. Ich hatte Latein und ich behaupte, dass die Kenntnis der lateinischen Grammatik es mir ermöglicht hat, einfach durch Zuhören und Sprechen Russisch zu erlernen. Ich habe nie einen Sprachkurs in Russisch gemacht und konnte trotzdem am Ende meiner dreijährigen Verkaufstätigkeit sogar auf russisch Kaufverträge aushandeln. Die Struktur der Sprache war mir einfach von Anfang an klar.
Die Nützlichkeit eines Faches mag also vielleicht gar nicht oder an einem überraschenden Platz gegeben sein.
Was die Begeisterung Ihres Kindes angeht, liegt sie vielleicht einfach darin, dass Kinder, wenn sie nicht eines Besseren belehrt werden, viel leichter die Schönheit in mathematischen Sätzen erkennen können. Und nirgendwo hat man so leicht ein Erfolgserlebnis wie in der Mathematik, wo man sogar selbst nachprüfen kann, ob sich da alles richtig "ausgegangen" ist.
n.i.c.k. (anonym) - 8. Jan, 14:44

Mathematiker sind nur dann blöd,

wenn sie nicht akzeptieren können, daß es auch Menschen gibt, denen bei einer Differenzialrechnung keiner abgeht.

steppenhund - 8. Jan, 17:15

Bei den echten Mathematikern handelt es sich da wohl eher um kein Akzeptanzproblem. Sie verstehen die Nichtmathematiker einfach nicht. Aber das geht vielen anderen Menschen ja auch so, dass sie den andern nicht verstehen.

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