12
Jan
2011

Der Kreis des tibetanischen Mönchs

kürzlich bin ich ja mit einer Bloggerin etwas aneinander geraten, weil meine Ablehnung einer bestimmten Begeisterung für einen Film Das Ende ist mein Anfang nicht so verstanden wurde, wie ich es gemeint hatte. Oder hatte ich es gemeint? Das ist nicht sicher, vielleicht war die Ablehnung vom Umstand getriggert, dass da ein Bestseller verfilmt wurde. Da bin ich immer sehr misstrauisch, selbst wenn ich keine Veranlassung habe, einem Urteil zu misstrauen.
Natürlich musste ich mir den Film, so bald es ging, selber ansehen, was heute geschehen ist. Ja, es ist ein ausgezeichneter Film. Es ist ein Film, den ich mir ohne weiteres ein zweites Mal mit meiner Frau zusammen ansehen möchte oder ein drittes Mal mit meinem Sohn. Und empfehlen würde ich ihn meiner Familie sowieso.
Trotzdem fühle ich mich unbehaglich. Er rückt mir zu sehr auf die Pelle. Das Identifikationspotential ist zu hoch, dadurch werden bestimmte Interferenzen zu scharf. Es fällt ein Satz "Lebe dein eigenes Leben" und da denke ich mir, aber der Film schildert mein Leben, ich bin ja gar nicht so eigen. Aber da greife ich vor.
Wer sich den Film noch vollkommen unvoreingenommen ansehen will, hört jetzt besser auf zu lesen. Ich beschreibe in der Folge bestimmte Themen und Aussprüche, die ich mir gemerkt habe. Kursiv und klein steht dahinter mein eigener Lebensbezug. Klein deswegen, damit die Arroganz oder Eingebildetheit, die man daraus herauslesen kann, nicht ganz so groß erscheint.
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Der Vater berichtet von seinem Leben. Arm war die Jugend. Viel eindringlicher kann es wohl nicht geschildert werden als mit der Beschreibung, dass Florenz nur am Sonntag gesehen wurde. Da durften die Kinder den gut gestellten Einwohnern zusehen, wie sie Eis aßen. Im Zusehen bestand bereits ein Glückselement. Unglaublich, das muss man sich erst einmal in die heutige Zeit zu übersetzen versuchen.
Mein Vater erzählte manchmal, wie er sich gefreut hatte, wenn er für meine Schwester, die noch im Krieg geboren wurde, in der Nachkriegszeit eine Banane auftreiben konnte. Als ich sechs Jahre alt war, mussten wir nicht zusehen, wie andere Eis aßen. Wir bekamen eins, aber auch nur die kleinste Portion. Bei einem Ausflug gab es genau ein Kracherl. Und obwohl ein zweites schon sehr erwünscht gewesen wäre, war die Freude doch riesengroß. Auf das Kracherl freute ich mich den ganzen Spaziergang.
Der Vater berichtet von seiner großen Liebe Angela, die so ganz anders war, als er sich in Italien eine Traumfrau vorgestellt hatte. Die Attribute, die er findet sind: echt, warmherzig, großzügig. Es war noch ein weiteres dabei, dass mir leider entfallen ist. Dabei entsteht ein sehr starkes Bild. Die Frau ist stark wie ein Pflock, an dem mit einem seidenen Faden der Elefant angebunden ist. Der Faden ist stärker als alles andere, der Elefant könnte ihn so leicht zerreißen, tat es aber nie.
In meiner Frau finde ich hier eine unglaubliche Parallele. Eigentlich wäre die Pluhar, die des Vaters Frau spielt, viel eher mein Typ. Aber tatsächlich hat meine Ehe unheimliche Zerreißproben überstanden und wird es vermutlich auch in Zukunft noch tun müssen. Einen Elefanten kann man nicht zum Hamster mutieren.
"Ich wollte die Welt kennen lernen." Mit 33 Jahren bekommt Tiziano Terzani einen Korrespondentenjob in Asien. Er ist an China interessiert, kommt dann nach Vietnam. Die Vietnamschilderungen sind eindringlich und wieder durch nachwirkende Episoden fast epigrammatisch beschrieben. Und es kommt zum Aufeinanderprall der unbändigen Lust und Neugierde, dabei zu sein, und der Angst.
Ich war ebenfalls mit 33 Jahren das erste Mal in China, in Peking, Wuhan und Tianjin. Aber zuvor gibt es noch die Parallele, dass ich einen Job bei IBM deswegen ausschlug, weil ich die Welt sehen wollte. Ich wollte einen Job, der mir Dienstreisen in die Ferne abverlangen würde. Trotz meiner Familie, die damals bereits vierköpfig war. Ziemlich egoistisch könnte man sagen. Das China der Fahrräder habe ich 1984 noch kennengelernt. Eine Spur für Autos, 7 Spuren für Fahrräder. Ganz schlimm war die Brücke über den Yangtsekiang in Wuhan. Ich hatte ja auch nicht die ideologische Brille auf.
Terzani ist begeisterter Kommunist und sieht China durch die "ideologische Brille". Er nimmt seine Frau und Kinder mit nach China. Der Sohn ist gar nicht begeistert, wie er in der Schule mit kommunistischen Ritualen erzogen wird. Diese Szene finde ich ausgesprochen gut im Film, da der Vater erst im Laufe der Erzählung bemerkt, wie er da seine Kinder mit hineingezogen hat.
Ich war nie vom Kommunismus begeistert. Er war ein Schreckgespenst, obwohl ich die Russen sehr zu schätzen gelernt habe. Erstens war ich damals noch von meinem amerikanischen Austauschjahr gehirngewaschen, aber dann hatte ich auch zuviel Antipropaganda mitbekommen. Und dann war da ja noch die Familie meiner Frau. Teilweise gab es da überzeugte Kommunisten bei ihren Onkeln, die freiwillig nach Russland gingen und dort recht folgerichtig umgebracht wurden, als es daran ging, die Intelligentsia auszurotten. Viel später habe ich gelernt, dass der Kommunismus in Russland ja schon deswegen ein katastrophaler Fehlschlag sein musste, weil er gegen die Erkenntnisse von Marx eingeführt wurde. Marx sprach vom Kommunismus als ein System, dass in einer Industrienation angebracht ist. Von einer Agrarnation, wie es Russland war, war die nie die Rede. China war zwar 1984 nicht mehr das Schreckgespenst, doch für Mao konnte ich mich nie begeistern. Da wurde für mein Verständnis viel zu viel Porzellan zerschlagen.
Es gab einmal die Verlockung, in ein anderes asiatisches Land, nämlich Singapur zu ziehen. Ich hätte dort einen Uni-Posten haben können, gut dotiert. Die Kinder hätten die Goetheschule besuchen können. Meine Frau wäre mir vermutlich mit Kindern gefolgt, schließlich hatte ja kurz zuvor ihre Schwester und ihr Schwager 2 Jahre in Singapur gelebt. Und das Leben dort erschien eigentlich recht paradiesisch. Doch das war mir wieder zu kapitalistisch und die Idee, dass meine Kinder nur in abgezirkelten, gehobenen Kreisen Freunde hätten haben können, erschien mir nicht erstrebenswert. Ich hatte damals den Schwanz eingezogen.
Ja und was die Angst angeht: ich hatte ebenfalls Angst. Nicht so sehr um mein Leben, es war eine unscharfe Angst vor der Größe, die alles in Russland ausmachte. Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal einen Termin bei Mashpriborintorg hatte. Mash war in einem der sieben Zuckerpaläste Moskaus untergebracht, Riesenportale wie bei einem Dom. Andererseits gab es auch Exkursionen, bei denen etwas mehr Angst angebracht gewesen wäre, wo aber die Lust, dabei zu sein, überwog.

Dem Vater geht es mit seinem Krebs gar nicht gut. Er ist im Endstadium. Durch seinen dreijährigen Aufenthalt im Himalaya hat er gelernt, dass Revolutionen keine Lösung sind.
"Die Revolution muss in einem selbst stattfinden." Während sich diese Gespräche entwickeln, findet der Sohn ein Behältnis, in dem in China Grillen aufbewahrt werden. Mao hat gesagt, man muss immer Grillen bei sich haben, damit man die Stimme des Frühlings hören kann. Der Becher ist leer. Doch Volco der Sohn fängt eine und gibt die Dose seinem Vater.
Dieser bemerkt: "Eine Grille mit leicht italienischem Akzent."
An dieser Stelle war ich zum ersten Mal gerührt, und gerade an dieser Stelle spielt sich in mir ein Widerstreit ab. Die Aussage mit der Revolution unterschreibe ich voll und ganz. Aber das darf man nicht predigen. Ja, der Vater darf das dem Sohn sagen, er darf ihm eine Wegzehrung geben. Aber das darf nicht in einem Bestseller stehen, das darf nicht verfilmt werden. Das ist plakativ. Ich bin der Meinung und stehe damit vermutlich recht allein dar, dass diese Erkenntnis von jedem Einzelnen selbstständig erarbeitet oder erfahren werden muss. Kommt sie von außen, wird nicht der gleiche Läuterungsprozess erreicht. Und ich glaube nicht an einen Königsweg der Erkenntnis. Natürlich passt dieser Text ausgezeichnet zum verfilmten Stoff, doch philosophisch kommt es mir wie Pornografie vor. "Dann machen wir doch eine neue Revolution. Jeder revolutioniert sich selbst!" Ich kann mir schon vorstellen, wie eine derartige Parole missbraucht werden kann.
In der Folge lässt sich Terzani über den Krieg aus. Das klingt für mich zu sehr nach Weltfrieden. Natürlich ist Krieg schlecht. Und er ist auch nicht notwendig. Kein Krieg ist notwendig. Aber das ist mir hier zu dünn. Erstens weiß ich selbst nicht, ob Krieg nicht eine evolutionäre Notwendigkeit ist, so unlieb mir das wäre. Zweitens kann es nicht per Dekret oder Erkenntnis erreicht werden. Wir wissen schon, dass Kriege wesentlich unwahrscheinlicher wären, wenn wir mit der Armut fertig würden. Nur keinen Krieg zu wollen reicht aber nicht.

"Der Mensch entwickelt sich nicht weiter." ist ein Resümee, dass der Vater in seinem Leben gelernt hat.
Ja, da stimme ich voll zu. An dem Umstand könnte ich auch verzweifeln.
Eine ganz starke Szene ist der Streit, in dem der Vater dem Sohn vorwirft, nichts zu Ende zu bringen. Man könnte glauben, dass da jetzt ein Riss im Verhältnis Vater-Sohn aufgebrochen ist, doch in Wirklichkeit bedeutet die Reaktion des Sohnes für den Vater, dass er sich keine Sorgen mehr zu machen braucht. Es ist eine heilende Katharsis.
Jetzt beschreibt der Vater seine zwei Geschenke, die er bekommen hat: das Ende seiner journalistischen Karriere und den Krebs.
Es gibt wohl angenehmere Möglichkeiten, "loslassen zu können".
Diese Ausführung erscheint mir sehr, sehr logisch und wichtig. Ich kann noch nicht loslassen. In einer gewissen Weise habe ich es zwar schon getan, doch gerade jetzt plane ich noch einen letzten Coup für die letzten fünf Jahre. Ich habe ja auch keinen Krebs. (zumindest weiß ich von keinem) Ich habe einen Schulfreund, der sich mit der Frage sehr wohl auseinandersetzen musste. Seine Familie sagt, Unkraut vergeht nicht. Dieser Meinung schließe ich mich an. Manchmal ist eine Schwäche festzustellen, aber er rackert weiter und das mit großer Lust. Und ich glaube, dass er daran gut tut. Für mich selbst glaube ich ja einfach, dass ich noch nicht mein Soll erfüllt habe. Ich habe bisher so viel gelernt, dass ich das noch einmal umsetzen muss, ohne die Fehler der Vergangenheit zu machen.
Nun kommt die Zeit in der Vater und Sohn über Meditation und Erleuchtung sprechen. Der Sohn nimmt den Vater auf den Berg mit, was die Möglichkeit für den Vater schafft, das Einssein mit der Welt selbst noch einmal zu erleben. Später erzählt er der Familie von diesem Einssein. Jetzt aber berichtet er von ganz seltenen Begebenheiten, dass er nach der Meditation manchmal wie in Trance eingeschlafen sei. "Das nimmt mir keiner mehr weg!"
Als ich nach dem Film nach Hause gekommen bin, habe ich ein Schubert-Impromptu gespielt und so aufgenommen, wie ich es ohne Aufwärmen, ohne Wiederbekanntmachung, unmittelbar gespielt habe. Während der Filmstelle hatte ich das dringende Bedürfnis, genau dieses Impromptu zu spielen. Denn das beschriebene Einssein, den Zustand, den ich mir bei Erleuchtung erhoffen würde, bekomme ich bei bestimmten Musikstücken, obwohl es natürlich mit "Nichtstun" schwer zu vereinbaren ist. Vielleicht ist es eher vergleichbar mit Zarathustra, der die Meditation im Tanz findet. Dieses "Das nimmt mir keiner mehr weg" kenne ich aus der Musik. Vor einigen Einträgen habe ich das ja auch anhand eines Schubert-Trios beschrieben.
Jetzt kommt ein ganz schwerer Satz des Vaters: "Ich habe wohl einen großen Schatten geworfen. Es war schwer für euch Kinder." Dieser wird vom Sohn bestätigt aber gleichzeitig abgeschwächt, weil der Sohn keinen anderen Vater hätte haben wollen.
Ich habe das Gefühl, dass auch ich diesen Schatten über meine Kinder geworfen habe. Und ich traue mich nicht, zu hinterfragen, wie viel Beschränkungen er hervorgerufen hat.
"Was bedeutet der Tod für dich?" brennt dem Sohn auf der Zunge. Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, antwortet der Vater: "Tod heißt, die Angst zu verlieren" Das ist unheimlich doppeldeutig. Ich bin überzeugt, dass es heißen soll, dass die Angst verschwindet. Rein phonetisch könnte man aber die Angst vor Verlust (des Lebens) interpretieren. Der Film beginnt ja bereits im Anfang, dass der Tod seinen Schrecken verloren hat. Also ist die erste Interpretation wohl die richtige.
Und da bin ich so d'accord, wie auch in der Folge, wenn es über das Prozedere nach seinem Tod geht. Von den allfälligen LeserInnen hier kann es wohl nur eine bestätigen, meine Familie wohl auch, obwohl meine Frau das noch nicht so ganz ernst nimmt. Verbrennen, die Asche auf den Berg und auf dem Berg in die Winde zerstreuen. Für diesen Wunsch habe ich nicht erst diesen Film sehen müssen, das steht schon seit über zehn Jahren fest.
Zwei Szenen rühren mich zu Tränen:

Angela, Terzanis Frau, meint zum Sohn, der alles, auch die Begräbnisangaben mitschreibt, er solle nicht erwähnen, dass sie in dieser Situation weinen würden.

Als der Vater stirbt, bleibt zuletzt Angela bei ihm. Als sie aus der Tür herauskommt, teilt sie den Geschwistern (ja die Tochter ist in den letzten 15 Minuten auch im Film anwesend) den Tod des Vaters durch ein ganz kurzes, mich erschütterndes Lächeln mit.
Der Film ist noch nicht ganz aus. Aber mein Bericht ist hier aus. Denn ich lebe ja noch.
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