Heimweh
Einmal hatte ich Heimweh und ich geniere mich noch heute fürchterlich über dessen Veranlassung.
Meine amerikanischen Pflegeeltern hatten mich in die Verfilmung von Sound of Music mit Julie Andrews** mitgenommen. Das Sujet war für mich vollkommen fremd, ich kannte weder den Hintergrund noch die Story, ich war sechzehn Jahre alt. Im Lied The hills are alive with the sound of music erinnerte ich mich an den Hahnenkamm, auf dem ich fünf Jahre zuvor in den Heidelbeeren und im Almrausch gelegen hatte. Es waren die schönsten Ferien gewesen, die ganze Zeit oben am Berg, wo wir in einer kleinen Pension wohnten, einem Haus ganz aus Holz. Ein Innsbrucker Schachmeister beschäftigte sich mit dem kleinen Buben, dem er die Dame und zwei Türme vorgab, am Ende war es nur mehr die Dame. Ich glaube mich zu erinnern, dass er Pittersteiner hieß. (Merkwürdig, dass mir sein Name jetzt einfällt - ich habe jahrzehntelang nicht an ihn gedacht.)
Als ich den Film sah, war ich stolz auf Österreich, von wo ich ja herkam. Mir traten die Tränen in die Augen. Die Musik tat ihr übriges.
Ich geniere mich heute deswegen, weil die Aufmachung des Films ja genau darauf ausgelegt ist, auf die Tränendrüsen zu drücken. Ich kann daher nicht einmal behaupten, dass es echtes Heimweh war. Was ich allerdings schon behaupten kann, ist meine Begeisterung für Amerikas Yellowstone und Yosemite Park. Auch der Mount McKinley, den man von Seattle aus sehen konnte, war eine Wucht. Ich konnte damals nicht verstehen, warum Amerikaner nach Europa kamen, wenn sie ein so schönes Land hatten.
Sonst kannte ich den Begriff Heimweh nicht. Auch nicht, als ich mit sechs Jahren mit meinen Eltern von Linz nach Wien übersiedelte. Linz war zwar interessant, weil wir mitten in der O-Bus-Schleife am Froschberg wohnten. Ich kann mich noch genau an die Topologie der Bachstrasse erinnern, die sogar an einer Stelle das Rodeln, zumindest für ein kleines Kind wie mich, erlaubte. Was ein Stadium war, wusste ich damals nicht, aber es war ganz in der Nähe und eine besondere Sache. Dort gab es manchmal ein Feuerwerk.
Ich erinnere Linz in einer Sache. Es gab entweder ein besonders schlimmes Unwetter mit Hagelschlag oder ein Erdbeben. Mein Vater dirigierte uns in die Mitte der Wohnung unter eine Tür, die durch die Hauptmauer ging. Sonst weiß ich weder etwas über die Wohnung noch über besondere Vorkommnisse, außer dass die Amerikaner, die auf der anderen Straßenseite wohnten, mit Steinen nach uns warfen. Meine um acht Jahre ältere Schwester hatte andere Erfahrungen gemacht. Sie bekam Kaugummi und Schokolade und hatte die Amis in freundlicher Erinnerung. Vielleicht ist der Steinwurf auch nur einmal passiert, eingeprägt hat er sich jedenfalls.
Fernweh hatte ich schon eher. Mit achtundzwanzig wählte ich bewusst einen Beruf, der mich in die Ferne bringen würde.* Ich würde heute die heranwachsenden Kinder nicht mehr so leicht alleine lassen. Doch bei Frau Columbo wusste ich sie bestens aufgehoben. Und das Nachhausekommen war immer eine sehr freudvolle Erfahrung, die unserer Ehe gar nicht schlecht tat.
Jack Nickolson wird im Film "Five easy peaces" von seiner Schwester komplimentiert, nachdem er ein Chopin-Prelude gespielt hat. "Du spielst so ausdrucksvoll." - "Ich spiele nur das, was in den Noten geschrieben steht." antwortet er betont kühl.
So betrachte ich das Klavierspiel nicht. Die Emotion gehört schon dazu. Heimweh hat man doch nach der Heimat. Aber ich habe an vielen Plätzen - nun vielleicht nicht viele aber doch an einigen - eine Heimat gefunden. Moskau zum Beispiel. Wenn ich vom Flughafen Sheremetjevo ins Büro fuhr, besonders in den Wintermonaten, hatte ich das Gefühl von Heimkommen. Das gleiche Gefühl entwickelte sich, wenn ich Moskau wieder verließ und vom Flughafen Schwechat nach Hause fuhr.
Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Heimweh anfühlen muss. Der nagende Schmerz, der durch Wiederholung wie eine chinesische Wasserfolter wirken muss, durchsetzt sich mit der Erinnerung und Verklärung eines heimatlichen Vorkommnisses. Die Freude an der Erinnerung wird durch die schmerzhafte Erinnerung wieder eingeholt. Das ist es, was ich mir vorstelle, wenn ich das beigefügte Stück von Edvard Grieg spiele. Es heißt Heimweh.
Mehr Verständnis oder Nachempfinden von Heimweh kann ich vermutlich nicht erleben. Aber das ist ja vielleicht auch gut so. Mir reicht vollkommen jene unbestimmte Sehnsucht, die sich all die Jahre erhalten hat. Von der ich glaubte, dass ich ihr Objekt kennen würde, um festzustellen, dass die Sehnsucht gerade deswegen nicht gestillt wird, weil sie sich selbst Befriedigung ist. Ganz plump gesprochen ist es eine Sehnsucht des Verstehen-Wollens. Nach und nach erkenne ich, dass jedes Verständnis weitere Unschärfen darstellt. Daher bleibt die Sehnsucht unstillbar. Heimweh ist es nicht.
Aber das ist vielleicht Heimweh...
*) Ich ahnte allerdings nicht, dass er mich tatsächlich rund um die Welt bringen würde.
**) Was ich gerne mag, sind Arrangements wie dieses. (Obwohl die Aufnahmequalität sehr zu wünschen übrig lässt, kann man den Drive heraushören.) Der absolute Hit ist allerdings Coltrane, (hier in einer Version, die über 10 Minuten dauert) ein Geschmack, auf den mich Frau Columbo gebracht hat.
Meine amerikanischen Pflegeeltern hatten mich in die Verfilmung von Sound of Music mit Julie Andrews** mitgenommen. Das Sujet war für mich vollkommen fremd, ich kannte weder den Hintergrund noch die Story, ich war sechzehn Jahre alt. Im Lied The hills are alive with the sound of music erinnerte ich mich an den Hahnenkamm, auf dem ich fünf Jahre zuvor in den Heidelbeeren und im Almrausch gelegen hatte. Es waren die schönsten Ferien gewesen, die ganze Zeit oben am Berg, wo wir in einer kleinen Pension wohnten, einem Haus ganz aus Holz. Ein Innsbrucker Schachmeister beschäftigte sich mit dem kleinen Buben, dem er die Dame und zwei Türme vorgab, am Ende war es nur mehr die Dame. Ich glaube mich zu erinnern, dass er Pittersteiner hieß. (Merkwürdig, dass mir sein Name jetzt einfällt - ich habe jahrzehntelang nicht an ihn gedacht.)
Als ich den Film sah, war ich stolz auf Österreich, von wo ich ja herkam. Mir traten die Tränen in die Augen. Die Musik tat ihr übriges.
Ich geniere mich heute deswegen, weil die Aufmachung des Films ja genau darauf ausgelegt ist, auf die Tränendrüsen zu drücken. Ich kann daher nicht einmal behaupten, dass es echtes Heimweh war. Was ich allerdings schon behaupten kann, ist meine Begeisterung für Amerikas Yellowstone und Yosemite Park. Auch der Mount McKinley, den man von Seattle aus sehen konnte, war eine Wucht. Ich konnte damals nicht verstehen, warum Amerikaner nach Europa kamen, wenn sie ein so schönes Land hatten.
Sonst kannte ich den Begriff Heimweh nicht. Auch nicht, als ich mit sechs Jahren mit meinen Eltern von Linz nach Wien übersiedelte. Linz war zwar interessant, weil wir mitten in der O-Bus-Schleife am Froschberg wohnten. Ich kann mich noch genau an die Topologie der Bachstrasse erinnern, die sogar an einer Stelle das Rodeln, zumindest für ein kleines Kind wie mich, erlaubte. Was ein Stadium war, wusste ich damals nicht, aber es war ganz in der Nähe und eine besondere Sache. Dort gab es manchmal ein Feuerwerk.
Ich erinnere Linz in einer Sache. Es gab entweder ein besonders schlimmes Unwetter mit Hagelschlag oder ein Erdbeben. Mein Vater dirigierte uns in die Mitte der Wohnung unter eine Tür, die durch die Hauptmauer ging. Sonst weiß ich weder etwas über die Wohnung noch über besondere Vorkommnisse, außer dass die Amerikaner, die auf der anderen Straßenseite wohnten, mit Steinen nach uns warfen. Meine um acht Jahre ältere Schwester hatte andere Erfahrungen gemacht. Sie bekam Kaugummi und Schokolade und hatte die Amis in freundlicher Erinnerung. Vielleicht ist der Steinwurf auch nur einmal passiert, eingeprägt hat er sich jedenfalls.
Fernweh hatte ich schon eher. Mit achtundzwanzig wählte ich bewusst einen Beruf, der mich in die Ferne bringen würde.* Ich würde heute die heranwachsenden Kinder nicht mehr so leicht alleine lassen. Doch bei Frau Columbo wusste ich sie bestens aufgehoben. Und das Nachhausekommen war immer eine sehr freudvolle Erfahrung, die unserer Ehe gar nicht schlecht tat.
Jack Nickolson wird im Film "Five easy peaces" von seiner Schwester komplimentiert, nachdem er ein Chopin-Prelude gespielt hat. "Du spielst so ausdrucksvoll." - "Ich spiele nur das, was in den Noten geschrieben steht." antwortet er betont kühl.
So betrachte ich das Klavierspiel nicht. Die Emotion gehört schon dazu. Heimweh hat man doch nach der Heimat. Aber ich habe an vielen Plätzen - nun vielleicht nicht viele aber doch an einigen - eine Heimat gefunden. Moskau zum Beispiel. Wenn ich vom Flughafen Sheremetjevo ins Büro fuhr, besonders in den Wintermonaten, hatte ich das Gefühl von Heimkommen. Das gleiche Gefühl entwickelte sich, wenn ich Moskau wieder verließ und vom Flughafen Schwechat nach Hause fuhr.
Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Heimweh anfühlen muss. Der nagende Schmerz, der durch Wiederholung wie eine chinesische Wasserfolter wirken muss, durchsetzt sich mit der Erinnerung und Verklärung eines heimatlichen Vorkommnisses. Die Freude an der Erinnerung wird durch die schmerzhafte Erinnerung wieder eingeholt. Das ist es, was ich mir vorstelle, wenn ich das beigefügte Stück von Edvard Grieg spiele. Es heißt Heimweh.
Mehr Verständnis oder Nachempfinden von Heimweh kann ich vermutlich nicht erleben. Aber das ist ja vielleicht auch gut so. Mir reicht vollkommen jene unbestimmte Sehnsucht, die sich all die Jahre erhalten hat. Von der ich glaubte, dass ich ihr Objekt kennen würde, um festzustellen, dass die Sehnsucht gerade deswegen nicht gestillt wird, weil sie sich selbst Befriedigung ist. Ganz plump gesprochen ist es eine Sehnsucht des Verstehen-Wollens. Nach und nach erkenne ich, dass jedes Verständnis weitere Unschärfen darstellt. Daher bleibt die Sehnsucht unstillbar. Heimweh ist es nicht.
Aber das ist vielleicht Heimweh...
*) Ich ahnte allerdings nicht, dass er mich tatsächlich rund um die Welt bringen würde.
**) Was ich gerne mag, sind Arrangements wie dieses. (Obwohl die Aufnahmequalität sehr zu wünschen übrig lässt, kann man den Drive heraushören.) Der absolute Hit ist allerdings Coltrane, (hier in einer Version, die über 10 Minuten dauert) ein Geschmack, auf den mich Frau Columbo gebracht hat.
steppenhund - 22. Dez, 23:20