Sonntag, 8. Juni 2008

Vatertag

Weder Muttertag noch Vatertag wird bei uns gefeiert. Aber eine Anspielung darauf machte mich auf eine Eigentümlichkeit meiner Denktätigkeit aufmerksam.
Von Wilhelm Busch gibt es den Reim:
Vater werden ist nicht schwer,
Vater sein dagegen sehr.

Das sollte man doch so verstehen können, wie es gemeint ist. Ich weiß nicht, wann es genau war, als ich den Spruch zum ersten Mal gelesen habe. Vielleicht 12 oder 14.
Ich habe ihn definitiv missverstanden. Erst mit vierzig Jahren wurde mir bewusst, dass der Satz ganz klar und geradlinig ist.
Was habe ich verstanden?
Vater werden ist nicht schwer.
Vater ist sehr dagegen.
Ich hatte das "sein" so interpretiert, als würde man mit einem Ausländer sprechen, der nicht weiß, dass "ist" die dritte Form von "sein" ist.
Im Zuge der damaligen Moral, die "passierte" Kinder in vielerlei Dramen und Romanen verarbeitete, war ich immer davon ausgegangen, dass Busch die Szene meinte, wo der künftige Vater von seinem Nachwuchs erfahren hatte. Überraschung, Schock und Ablehnung. Das steckte in den zwei Busch-Zeilen für mich drinnen.
Eben erst viel später erkannte ich, dass man den sprachlichen Umweg gar nicht benötigt. Auch so hat der Satz seine Richtigkeit.

10. November - Jetzt ist es heraus!

Leben Sie wohl, mein unerkennbarer Freund. Ich schließe meine unbeantworteten Briefe ebenso, wie ich sie begonnen habe, mit einem Dank. Ich danke Ihnen daß Sie eine Antwort schuldig geblieben sind. Es wäre auch noch schlimmer, wenn es anders gewesen wäre. Was hätten Sie mir sagen können? Und wann hätten wir, ohne ein Gefühl der Verlegenheit, unsern Briefwechsel abbrechen können? Und was hätte ich Ihnen, außer dem bereits Gesagten, noch sagen können? Nichts mehr - ich habe alles gesagt. Eigentlich beansprucht jedes menschliche Leben nicht mehr als zwei, drei Zeilen. O ja, nur zwei, drei Zeilen.
Ich bleibe wieder allein, mit meinem Haus, mit dem nebligen Ozean in der Nähe, mit dem herbstlichen und winterlichen Alltag, aber mit dem eigentümlichen Gefühl, als hätte ich jemand verloren, und kehre wieder zu meinem Tagebuch zurück, von dessen Notwendigkeit, wie von derjenigen Ihrer Werke, Gott allein wissen mag.
Vor einigen Tagen habe ich von Ihnen geträumt. Sie waren eigentümlich schweigsam, saßen in der Ecke eines dunklen Zimmers, fast unsichtbar. Und dennoch sah ich Sie. Noch träumend fühlte ich: Wie kann man von jemand träumen, den man im Leben nie gesehen hat? Vermag nicht Gott allein aus dem Nichts zu schaffen? Mir wurde richtig unheimlich, und ich erwachte voller Angst, mit einem schweren Gefühl.
Fünfzehn, zwanzig Jahre später werden wahrscheinlich weder ich noch Sie auf dieser Welt sein. Bis zu einer Begegnung in einer andeen! Wer kann sicher sein, dasß es sie nicht gibt? Nicht einmal unsere eigenen Träume, Geschöpfe unserer eigenen Einbildungskraft, verstehen wir. Ist sie denn unser, diese Einbildungskraft, oder, genauer gesagt, das, was wir unsere Einbildungskraft nennen, unsere Einfälle, unsere Träume? Folgen wir denn unserem Willen, wenn es uns nach der einen oder anderen Seele verlangt, wie es mich nach der Ihren verlangt? Leben Sie wohl. Nein, vielmehr: Auf Wiedersehen.
Seealpen 1923
-

Jetzt ist es also heraus: Iwan Bunin, Ein unbekannter Freund.
(Aus dem Russischen von Swetlana Geier)
Fischer Taschenbuch Verlag ISBN-10: 3-596-16465-6

Walküre hat es herausgefunden.
Bis 1986 wusste ich nichts von Bunin. Eine russische Freundin, der ich viele Literaturtipps verdanke, hat mich zuerst einmal auf Visitschky Karty gebracht. Ich bin damals tagelang gesessen, habe mir extra einen erweiterten Diktionär gekauft und mich mühsam durchgekämpft.
Dann habe ich versucht, deutsche Übersetzungen zu bekommen. Außer dem Der Herr aus San Francisco konnte ich damals nichts bekommen.
Später bekam ich dann noch andere Werke zu Gesicht. Russisch wollte ich mir nichts mehr antun. Ich habe die Erfahrung schon bei Bulgakov gemacht. Obwohl ich die deutsche Version fast auswendig kenne, kann ich im Russischen kaum den Satzbau erkennen. Es sind einfach zu viele Phrasen und stilistische Feinheiten enthalten, für die ein Alltagsrussisch nicht reicht.
Die obige Erzählung finde ich unheimlich interessant. Ein Künstler beschreibt in der dritten Person, wie er sein Werk aufgenommen sehen möchte und welchen Fallen man dabei erliegen kann. Das Werk und den Menschen zu verwechseln, ist eine Falle.
Ich stelle die These auf, dass der Künstler wirklich aus sich heraustreten muss, um etwas Wertvolles zu schaffen. Mal sehen, auf wieviel Widerspruch ich da stoße.

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Mangels an kontemporären Einfällen nehme ich mit den nächsten Beiträgen Anleihen aus einer Veröffentlichung, für die ich vor 40 Jahren mitverantwortlich gewesen bin.

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