Kann Schönheit in der Kunst entstehen?
Es kommt vor, dass Menschen, die sonst wenig mit klassischer Musik zu tun haben, auf einmal über ein bestimmtes Stück zu schwärmen beginnen. Am Bekanntesten ist in dieser Richtung wohl Ravels Bolero, schließlich spielt hier die sexuelle Komponente eine wesentliche Rolle - and sex sells.Vor wenigen Tagen gab es hierorts einen Hinweis auf Mahlers dritte Symphonie. Von dieser rankt sich ein Bogen über einen berühmten Film, der eine ebenso berühmte Novelle eines ebenfalls berühmten Schriftstellers verfilmt, wobei im Film aus der Figur eines berühmten Schriftstellers ein berühmter Komponist - mit persönlichen und künstlerischen Problemen - wird.
Die Schönheit begegnet diesem Komponisten in der Gestalt eines jungen polnischen Knaben, Tadzio genannt.
LeserInnen, welche gerne "wer war's"-Rätsel in der Zeit oder in der Presse lesen, wissen jetzt natürlich bereits, wovon die Rede ist.
Der Ausgangspunkt ist das Misterioso aus Mahlers 3. Sinfonie („O Mensch! Gib Acht!“), welches im Film erklingt, obwohl der eigentliche Hit, von dem 1971 jeder, den Film gesehen hatte, schwärmte, das Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie war. Erotik war damals noch nicht so stark mit sadistischen Zügen vermischt. Es ging mehr um Schwelgen und Auflösung, bei Wagner früher noch Auslöschung genannt. (Der meinte zwar nur die liebesverhindernde Leuchte, aber es kommt auf das Gleiche heraus.)
In Luchino Viscontis Film "Der Tod in Venedig" erinnert sich der Komponist an sein Streitgespräch mit einem befreundeten Dirigenten, der meinte, dass Schönheit nur natürlich entstehen könne, etwas was Aschenbach, der Komponist, vehement bestreitet. Das würde ich wohl auch, wenn ich mich als Künstler bemühte, Schönheit zu "schaffen". (Ob Kunst überhaupt schön sein kann, muss oder darf, ist ja ein running gag in der Kunstdiskussion.)
Jedenfalls überwältigt die natürliche Schönheit des jungen Knaben Aschenbach so sehr, dass er aus dem erotischen Bann nicht mehr ausbrechen kann und schließlich dem Tod in der von der Cholera befallenen Stadt nicht mehr auskommen kann.
Vielleicht erinnern sich noch einige an den Film und an die bittersüße, ganz weiche Musik, die sich wie ein fortwährendes Streicheln anfühlt.
Kann Schönheit in der Kunst entstehen?
steppenhund - 6. Mai, 23:19

