Freitag, 2. Mai 2008

Das Ich des Bloggers

Es gibt unterschiedlichste Gründe, die zum Bloggen veranlassen. Wenn einem die Frage gestellt, wieso man sich soviel Zeit antut, um etwas ohne ökonomischen Nutzen zu gestalten (was in den allermeisten Fällen zutrifft), scheint es fast, dass man sich für die Begründungen genieren sollte.
Eitelkeit ist im Spiel, Exhibitionismus, vielleicht auch eine Spur Missionarstum. In einigen spielerisch angelegten Blogs, die eher einem Chat ähneln, scheint es um Humor zu gehen, doch vom Kalauern geht es schnell in Beleidigungen, wenn eine bestimmte Gruppe von außen angesprochen wird.
Wenn man der ursprünglichen Erklärung des Tagebuch-Führens folgt, so kommt eine Inversion ins Spiel. Das Tagebuch wurde bisher als das Geheimste geführt, in das niemand sonst Einblick erhielt. Jetzt wird es das Öffentlichste, welches sich nun tatsächlich ähnlich geheim gestaltet, in dem es in der Menge anonymisiert wird.
In den satirischen Erzählungen, welche in "per Anhalter durch die Galaxis" aneinandergereiht werden, wird eine besonders schlimme Strafe dargestellt. Ich meine hier nicht Vogonen-Poesie sondern ein Gerät, in das man eingeschlossen wird und nach einer Viertelstunde verrückt heraus kommt. Im Gerät kann man die Unermeßlichkeit des Universums und seine eigene Bedeutungslosigkeit zugleich sehen. Nur ein einziger kann dieser Strafe widerstehen, weil er so von seiner Wichtigkeit im Universum überzeugt ist, dass er damit sogar das Gerät ad absurdum führt.
Durch die Veröffentlichung seines Tagebuches gelingt dem Blogger oder der Bloggerin ein ähnlicher Trick. In seinem Tagebuch ist er die Hauptperson, seine Einträge spannen sein eigenes Universum auf. Ungleich der schriftlichen, privaten Form bietet die öffentliche Form nun Interaktion an. Andere verkehren mit dem aufgespannten Universum.
Im Gegensatz zur physikalischen Multiversen-Theorie, wo die Universen sich gegenseitig nicht beeinflussen, - so glaubt man zumindest - spielen sich in den Multiblogversien fremde Einflüsse ab. Gespräche, Bilder, Musik, Filme und reale Treffen geben dem eigenen Universum Bedeutung und Wichtigkeit, wobei es so etwas wie eine soziale Gerechtigkeit zu geben scheint. Jeder fängt bei Null an, lernt langsam, sich zu bewegen und mit dem anderen umzugehen, wird schließlich ebenso aufgrund bestimmter sozialer Fähigkeiten beurteilt.
Eine Reihe von Vorurteilen fallen flach, dafür fallen andere an.
Für oder gegen das Bloggen lässt sich genauso viel anbringen wie für oder gegen das Lesen.
Flucht für den einen mag Bereicherung für den anderen sein.
Doch im eigenen Blog kann man nie mehr unwichtig werden, denn darin ist man die wichtigste Person.

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